„Das alles muss eingeschmolzen, gereinigt, granuliert und auf höchste lebensmitteltaugliche Standards gebracht werden“, sagt Christian Strasser. Der burgenländische Recycling-Unternehmer erklärt, wie große Mengen gebrauchter Trinkflaschen aus Plastik in ihre Einzelteile zersetzt werden, damit daraus wieder neue Flaschen entstehen können. Strassers Unternehmen Pet to Pet hat sich auf das Recycling von Plastikflaschen spezialisiert. Etwa 100 Tonnen PET-Flaschen werden hier pro Tag verarbeitet. Selbst wenn ein Großteil der dafür benötigten Energie bereits aus erneuerbaren Quellen stammt, wird beim Erhitzen und Schmelzen noch mehr als ein Viertel des Verbrauchs mit Erdgas bedient. Und dieses ist momentan sehr teuer. „Die Kostensteigerung am Energiemarkt stellt uns vor große Herausforderungen“, seufzt Strasser.
Noch zu Jahresanfang wirkte der Weg für einen leichten Industrieaufschwung in Österreich geebnet – nach zwei Jahren Rezession und Industriekrise. Doch nun ist der Optimismus auch schon wieder vorüber, bevor er überhaupt richtig ankommen konnte.
Die Aussagen wichtiger internationaler Entscheidungsträger führen zu Reaktionen am Markt, sowohl in die eine als auch in die andere Richtung.
Christian Strasser, Geschäftsführer Pet to Pet
Das Wirtschaftswachstum muss im wahrscheinlichsten Szenario der neuesten Konjunkturprognose des Wirtschaftsforschungsinstituts WIFO um 0,3 Prozentpunkte nach unten korrigiert werden – auf ein Plus von nur mehr 0,9 Prozent. Das wird sich, trotz dämpfender Sparmaßnahmen, auch im Budgetdefizit niederschlagen.
In der Industrie liegen die Investitionen auf Eis, denn der Krieg im Iran scheint kein schnelles Ende zu nehmen, und die Handelsroute durch die Straße von Hormus bleibt, ob nun durch den Iran oder durch die USA, weiterhin blockiert. Die Welt steht vor dem Abgrund einer neuen Weltwirtschaftskrise.
Kosten der Ungewissheit
„Die Aussagen wichtiger internationaler Entscheidungsträger führen zu Reaktionen am Markt, sowohl in die eine als auch in die andere Richtung“, erzählt Unternehmensvorstand Strasser. Bisher konnte sein Recyclingunternehmen die Produktionszahlen und den Personalstand stabil halten – noch, meint Strasser. Wie andere energieintensive Industriebetriebe wartet auch Pet to Pet ab, wie sich die kommenden Wochen und Monate entwickeln. Die extrem wechselhafte geopolitische Lage in den Golfstaaten macht Prognosen und damit jegliche Unternehmensentscheidung schwierig. Für die ohnehin angeschlagene österreichische Industrie ist diese Ungewissheit jetzt besonders belastend.
Selbst die Berechnungen der Wirtschaftsexpertinnen stoßen dieser Tage an ihre Grenzen. Prognosen des WIFO, aber auch des Internationalen Währungsfonds (IWF) müssen in dieser unsicheren geopolitischen Lage mit unterschiedlichen Szenarien arbeiten, die an mögliche geopolitische Entwicklungen geknüpft sind. Selbst im Falle eines raschen Kriegsendes und bei sofortiger Auflösung aller Blockaden in der wichtigen Seehandelsstraße wird die Weltwirtschaft um 0,3 Prozentpunkte Wachstum einbüßen, hieß es vom IWF am Dienstag. Am österreichischen WIFO rechnet Ökonom Markus Scheiblecker mittlerweile schon gar nicht mehr mit dem optimistischsten Szenario. „Bei den Prognosen geht es nicht nur um die Höhe des Öl- und Gaspreises, sondern um die Dauer“, erläutert der Ökonom. Damit meint er nicht nur die Dauer der Kampfhandlungen im Iran selbst, sondern auch die Zeit, die es brauchen wird, um die gesamte Energieinfrastruktur nach dem Konflikt wiederherzustellen. Denn neben der Blockade des Seeweges schränkt auch die zerstörte Infrastruktur von Öl- und Gasanlagen in den Golfstaaten den globalen Rohstoffhandel ein. „Es kann drei bis fünf Jahre dauern, das alles wieder aufzubauen“, sagt Scheiblecker.
Doch was bedeuten diese Entwicklungen für österreichische Industriebetriebe wie jenen von Christian Strasser? Im wahrscheinlichsten Fall stagniert die Bruttowertschöpfung in Österreich und bleibt auf dem Vorjahresniveau von 1,2 Prozent. Im pessimistischsten der drei Szenarien kann es aber zum erneuten Rückgang des wirtschaftlichen Outputs um 0,2 Prozent kommen. Ein drittes Rezessionsjahr?
Kommt der Bonus?
Hohe Energiepreise belasten nicht nur die Produktion, sondern auch die Logistik. Man müsse bereits mit Spediteuren über Kostenerhöhungen feilschen, so Christian Strasser. Sein Unternehmen will in Zukunft noch stärker auf Erneuerbare setzen, um zumindest in der Produktion unabhängiger zu werden, doch das geht nicht von heute auf morgen. Und auf gesteigerte Lieferkosten durch eine Spritpreiserhöhung hat das keinen Einfluss.
„Alles, was an Rohstoffen in die Werke hineingeht und aus den Werken zu den Kunden hinausgeht, wird teurer“, fasst Sigrid Eckhardt die Lage zusammen. Sie ist Geschäftsführerin der Vereinigung der österreichischen Papierindustrie Austropapier. Die Herstellung in der Papierbranche zählt ohnehin zu den energieintensivsten in Europa. Dazu kommen hohe Lieferkosten, Konsumzurückhaltung, Ungewissheit. Normalerweise entfällt etwa ein Fünftel der Herstellungskosten für Papier und Pappe auf Energie. Wenn diese weiter steigen, müssen sie wohl oder übel an die Kunden weitergegeben werden – sofern es die Marktsituation zulässt.
„Die zu erwartenden Einbußen durch die jetzige Krise werden so bei Weitem nicht kompensiert.“
Sigrid Eckhardt, Geschäftsführung Austropapier
Die Bundesregierung hat sich nun dazu entschlossen, für etwa 60 besonders energieintensive Unternehmen einen Industriestrombonus einzurichten, um einem weiteren Jahr Industriekrise entgegenzuwirken: Für die Jahre 2025 und 2026 sollen rückwirkend insgesamt 150 Millionen Euro bereitgestellt werden, um die durch den EU-Emissionshandel verursachten Mehrkosten bei Strom abzufedern. Sigrid Eckhardt sieht diese Maßnahme grundsätzlich positiv. Die prognostizierte Talfahrt werde der Bonus aber nicht wettmachen. „Dadurch schließt Österreich nicht einmal die Lücke zu anderen EU-Mitgliedstaaten wie Deutschland“, sagt sie. Durch niedrigere Stromkosten haben andere Staaten bisher einen Wettbewerbsvorteil, so die Austropapier-Geschäftsführerin. „Die zu erwartenden Einbußen durch die jetzige Krise werden so bei Weitem nicht kompensiert.“
Das Recyclingunternehmen Pet to Pet wird von dem Bonus trotz hohen Energieverbrauchs voraussichtlich nicht erfasst sein, sagt Christian Strasser. Es ist aber ohnehin noch offen, ob die Maßnahme überhaupt so wie geplant kommt. Denn die Bundesregierung hat den Industriestrombonus vorerst ohne beihilferechtliche Genehmigung der EU in die Wege geleitet. Ob der Bonus den Effekt der neuen Krise also abfedern und die geschwächte österreichische Industrie etwas schonen kann oder ob er gar zu einem EU-Verfahren wegen Wettbewerbsverzerrung führt – all das steht, wie die gesamte Weltlage, noch in den Sternen.
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Roger Kearns sitzt künftig an der Spitze des größten Unternehmens in Österreich. Ex-Lenzing-Chef Stefan Doboczky wird Vertriebsvorstand. (Ex-)OMV-Bosse Alfred Stern und Rainer Seele sitzen im Aufsichtsrat.