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Marktmacht missbraucht? Brau-Union-Zeuge widerspricht Vorwürfen

Im Kartellverfahren gegen Österreichs größten Bierkonzern rief die Brau Union einen eigenen Zeugen auf: einen langjährigen Logistik-Mitarbeiter. Dieser will von allfälligem Druck auf Partner nichts wissen. Vor Gericht gab er Einblicke in das Vergütungssystem des Konzerns.

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Nächste Runde im Kartellprozess gegen Österreichs größten Bierkonzern: Seit Februar 2025 läuft im Wiener Justizpalast das aufsehenerregende Verfahren gegen die Brau Union. Mehr als zehn Verhandlungstagen sind mittlerweile absolviert, mehr als 20 Zeugen wurden einvernommen. Und noch immer ergeben sich spannende Einblicke ins Innenleben des Konzerns.

Am Donnerstag war K. geladen, ein leitender Angestellter der Brau Union. Er blickt auf eine rund 30-jährige Karriere im Unternehmen zurück: K. begann im Innendienst und stieg später zum Logistikverantwortlichen für Puntigam in der Steiermark auf. Heute ist der Mann Gebietsleiter für die Region Steiermark und Südburgenland.

Doch was macht ein Logistiker bei der Brau Union eigentlich genau? Das wollen die vier Richterinnen und Richter wissen. „Logistik klingt so einfach, ist aber doch kompliziert“, wird K. im Laufe seiner Aussage zu Protokoll geben. Was folgt, ist ein Crash-Kurs in Konzernlogistik.

Der Prozess gegen die Brau Union

Die Brau Union, die mit Marken wie Gösser, Zipfer und Wieselburger rund zwei Drittel des österreichischen Biermarkts abdeckt, steht ihm Verdacht, ihre marktbeherrschende Stellung genutzt zu haben, um Getränkehändler unter Druck zu setzen, damit diese ausschließlich Produkte des Konzerns führen. Gleichzeitig drängt das Unternehmen seit Jahren durch den Zukauf entsprechender Firmen verstärkt selbst in den Markt der Getränkehändler. 

 

Kleinere Händler, die im Auftrag der Brau Union liefern, sehen sich dadurch veranlasst, ihr Sortiment zu erweitern. Die Brau-Union-Zentrale in Linz soll allerdings versucht haben, das zu unterbinden und Vertragspartnern Konsequenzen bis hin zum Lieferstopp angedroht haben. Nach einer Hausdurchsuchung im Jahr 2022 beantragte die Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) ein Bußgeld von bis zu zehn Prozent des Umsatzes des Mutterkonzerns Heineken. Gegen die niederländische Muttergesellschaft selbst stehen keine Vorwürfe im Raum. Heineken soll als Eigentümerin der Brau Union aber mithaften; für die Strafbemessung könnte der Umsatz des Europa-Konzerns herangezogen werden, 2024 waren das rund 30 Milliarden Euro. Die Brau Union weist die Vorwürfe zurück.

 

K. versucht, seine Tätigkeit in einfachen Worten zu beschreiben. Er sei für das operative Geschäft zuständig. Seine Zuständigkeit beschränke sich auf Gebinde, LKWs und Logistikpartner. Einige dieser Logistikpartner, die auch als Getränkehändler agieren, spielen im Kartellverfahren eine zentrale Rolle.

Die Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) leitet Ermittlungen nach Hinweisen aus der Branche ein. Ein zentraler Vorwurf der Getränkehändler lautet: Die Vergütungen seien intransparent. Zwar gebe es einen standardisierten Katalog, doch je nach Loyalität und Anteil an „Fremdbieren“ im Sortiment hätten die Händler aber unterschiedliche Konditionen erhalten. Die Brau Union beschränke damit die Wettbewerbsfreiheit der Getränkehändler. Aufgrund der dominanten Marktstellung des Konzerns seien ihnen schlechtere Konditionen angedroht worden. Ein Ex-Manager sprach zuvor von einem internen Bewertungssystem für die Lieferanten. Die Brau Union bestreitet die Vorwürfe.

Der loyale Brau-Union-Angestellte K. kann weder von Konsequenzen für Händler, noch von ähnlichen Vorgängen berichten. Vor dem Kartellgericht versucht der Logistiker, die Vergütungssätze für Lieferanten im Auftrag der Brau Union, sogenannte Streckenlieferungen, zu erklären. Er sei damals in die Erstellung der Logistiksätze involviert gewesen. 

Zu- und Abschläge

Alle Logistikpartner der Brau Union hätten denselben Basissatz erhalten: eine fixe Vergütung pro Hektoliter und Strecke. Je nach Lage gebe es definierte Zuschläge oder Abschläge. Ballungszentren wie Städte würden niedriger vergütet, dünn besiedelte Regionen mit schlechter Infrastruktur höher. In entlegenen Regionen im Westen könne die Streckenvergütung darüber hinaus steigen. Wie viel der einzelne Händler tatsächlich erhält, wisse er nicht. „Ich verhandle keine Vergütungssätze mit Logistikpartnern“, sagt K. Unterschiedliche Vergütungen erklärt sich K. mit der jeweiligen Auslastung der LKW. 

„Rabatte oder Abschläge aus anderen Gründen, gibt es so etwas?“, möchte die vorsitzende Richterin vom Brau-Union-Angestellten wissen. K. weicht aus. Er habe in seiner Laufbahn etwa mit Fällen zu tun gehabt, in denen „der Lkw nicht funktioniert hat“. Dann habe die Brau Union sofort unterstützt, um Lieferungen sicherzustellen.

Wie weit wäre es der Brau Union möglich, Logistikpartner zu substituieren. Wovon ist das abhängig?

Richter

im Brau-Union-Prozess

Demgegenüber stehen die Aussagen jener Lieferanten, die bereits vor Monaten  einvernommen wurden und das System von Zu- und Abschlägen kritisierten. Als Dienstleister sähen sie nur den Endbetrag. Wie sich die Preisvarianz zusammensetze, sei für sie als Auftragnehmer unklar. Die betroffenen Lieferanten werfen dem Braukonzern außerdem vor, besonders lukrative Lieferstrecken mit treuen Abnehmern in die Brau-Union-Eigenlogistik überführen zu wollen. Dazu zählen Lieferungen an den Lebensmitteleinzelhandel, die Gastronomie und Zeltfeste. Letztere könnten insbesondere kleinere Getränkelieferanten oft zu besseren Servicekonditionen bedienen, weil sie flexibler und regionaler agierten.

K. widerspricht: „Die Brau Union könnte immer Feste am Wochenende beliefern“, sagt er und verweist auf den Grand Prix im steirischen Spielberg. Logistisch sei das kein Problem, meint der Zeuge. „Wie weit wäre es der Brau Union möglich, Logistikpartner zu substituieren. Wovon ist das abhängig?”, möchte der beisitzende Richter von K. wissen. „Grundsätzlich gibt es Logistikpartner die für uns übernehmbar wären.“ Die wirtschaftliche Rentabilität mancher Gebiete sei allerdings eine andere Frage.

 

Kevin Yang

Kevin Yang

seit 2024 Redakteur und Faktenchecker bei profil Digital. Schwerpunkte: Arbeitsmarkt, Wirtschaftsrecht und Wohnbau. Davor bei „Wiener Zeitung“ und ORF.