Tchibo innen und außen
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Tchibo ist das wahrscheinlich uncoolste Geschäft überhaupt. Und das ist auch gut so. Portrait eines Konzerns, der eh nie dazugehören wollte.

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Als Gen Z stellt man sich oft folgende Fragen: Erstens, wer geht heutzutage überhaupt noch stationär einkaufen, zweitens, wer geht heutzutage überhaupt noch zum Tchibo einkaufen? Die Antwort: relativ viele Menschen, denn laut Firmenbuch (Wirtschaftscompass) machte die deutsche Kaffee- und Haushaltswarenkette 2024 hierzulande 240,21 Millionen Euro Umsatz, beschäftigt österreichweit 809 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ist in insgesamt acht Ländern vertreten – unter anderem in Hong Kong.

Tchibo hat den Ruf, das Lieblingsgeschäft für Pensionistinnen und Schnäppchenjäger zu sein. Am Donnerstagnachmittag wird zumindest die Tchibo-Filiale in der Taborstraße in Wien-Leopoldstadt diesem Ruf gerecht. Noch bevor man das Geschäft betritt, springen einen aus der Auslage Mickey-Mouse-Pyjamas um 17,99 Euro, Disney-Kinderbücher um 9,99 Euro und die Kaffeemaschine „Tchibo Cafissimo“ an, jetzt im Angebot um 49 Euro.

Dass weiche Pyjamas und Kaffee dem Konzern wichtig sind, merkt man, sobald man den Laden betritt – die erste Hälfte des Lokals gehört dem Kaffee, die zweite dem heimeligen Komfort. In der Sitzecke rechts der Eingangstüre sitzen auf samtgrünen Sesseln zwei glatzköpfige Herren und eine ältere Dame. Die Frau ist gerade in einen Krimi vertieft, dessen Einband für besseren Schutz in Folie eingewickelt wurde. Neben ihrem Buch liegt ihr Smartphone, eingepackt in einer dunkelroten Brieftaschenhülle, unangetastet. Generell verwendet fast keiner der Tchibo-Gäste elektronische Geräte wie Handys oder Laptops – ein mittlerweile ungewohnter Anblick, wenn man Tchibo mit hippen Wiener Cafés vergleicht. Es gibt auch kein WLAN für Gäste. Wer hierher kommt, starrt auf keinen Bildschirm.

Ich kaufe einen Kakao mit Schlagobers, setze mich neben die alte Dame mit Buch. Wir schweigen beide, und ich bereite mich mental auf meine erste Tchibo-Experience vor. Eine Reise in die Welt der kleinen Dinge des Lebens. Die beiden Herren ohne Haare trinken einfach ihren Cappuccino und schauen in die Luft.

20 Wellenlockenwickler von Tchibo
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6 Glasmarkierer
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unterschiedliche Gegenstände
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Mickey Mouse Pyjamas
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Kaffees
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Elektrischer Gesichtshaarentferner für unterwegs
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Badetücher, lila
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Mini-Raclette und Waffeleisen
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Zehenwärmer
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„Zimt, Zucker, Weihnachten“

Wer auf der Suche nach angesagten Getränken und Mehlspeisen wie Matcha Latte oder Pistaziencroissant ist, wird hier nicht fündig. Dafür sind die Kaffeepreise auf Prä-Inflationsniveau – 2,50 Euro für einen Espresso, 3,20 Euro für einen Cappuccino. Die Mehlspeisen, die beinahe alle anwesenden Gäste essen, sind Franzbrötchen. Ein Kunde fragt den Verkäufer, was denn ein Franzbrötchen sei. Die besinnliche Antwort: „Zimt, Zucker, Weihnachten.“

Dass Tchibo Franzbrötchen verkauft, ist kein Zufall: 1949 gründete Max Herz das Unternehmen in der Speicherstadt in Hamburg – der Heimatstadt des Gebäcks. Herz’ Anspruch: günstigen und qualitativ hochwertigen Kaffee zu vertreiben. 1955 eröffnete er die erste Kaffee-Filiale in Hamburg und expandierte binnen drei Jahren mit 77 Geschäftslokalen in ganz Westdeutschland. Der Name Tchibo leitet sich übrigens aus dem Namen seines Mitgründers Carl Tchilling-Hiryan und dem Wort „Kaffeebohnen“ ab. Die Tchilling-Bohne – oder kurz Tchibo. Tchilling-Hiryan verließ allerdings 1952 den Konzern wieder.

Eine Frau hinter der Bartheke von Tchibo
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Katharina Apeltauer, Tchibo-Filialleiterin in Mödling

Ausziehbarer Rückenkratzer

Im Nicht-Kaffee-Sortiment findet man den neuen Charakter des Geschäfts und alles, wofür Tchibo heute von außen wahrgenommen wird. Es gibt alles, was man eigentlich nicht braucht, um dann festzustellen, dass man es doch irgendwie braucht. Einen ausziehbaren Rückenkratzer um 5,99 Euro zum Beispiel oder ein Sechserpack Glasmarkierer, die so aussehen wie Kreolen – unfassbar praktisch.

Neben seinem leistbaren Kaffee sind es die innovativen, aber auch irgendwie schrulligen Haushaltsgegenstände, die Tchibo so bekannt gemacht haben – aber stammen die wirklich alle von Tchibo selbst?

Seit Jahrzehnten sieht sich das Unternehmen immer wieder mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert: Mehrere Firmen werfen dem Konzern vor, Produkte wie Taschen oder Fahrradschlösser nachgeahmt zu haben, und zogen deshalb schon vor Gericht. Nach ähnlichen Fällen in den Vorjahren warf zuletzt 2022 das Berliner Taschenlabel Wayks dem Unternehmen vor, seine Taschen zu kopieren. Tchibo hat diese Vorwürfe Medienberichten zufolge immer zurückgewiesen.

Das Ambiente im Geschäft schreit förmlich: Hier darf jeder rein. Immer wieder kommen ältere Menschen oder Mütter mit Kindern, bestellen Kakao, Kuchen und Franzbrötchen, kaufen Zehenwärmer, flauschige Bademäntel, Pyjamas oder Fake-Tamagotchis. Aus den Lautsprechern im Laden läuft Kuschelrock – „Hand in Hand“ des österreichischen Sängers Julian Le Play.

Zu dem angenehmen, heimeligen Gefühl, das zu Kuschelsocken und Frottee-Bademänteln passt, tragen auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei, die tiefenentspannt wirken. Eine der Verkäuferinnen trägt sogar Tchibo-Merch – einen dunkelblauen Mickey-Mouse-Sweater. Aber wie ist es so, bei Tchibo zu arbeiten? „Bei Tchibo ist man nicht nur Mitarbeiterin, sondern Teil einer großen Familie“, erzählt Katharina Apeltauer. Sie arbeitet seit 2003 bei dem Unternehmen, zuerst als Teilzeitkraft, mittlerweile als Filialleitung des Geschäfts in Mödling. Ihre größte Herausforderung im Job? „Mit dem schnellen Wandel im Handel mitzuhalten“, so Apeltauer. Das ist für den gesamten stationären Handel eine Herausforderung. Ob Tchibo mit der Konkurrenz von Shein und Temu zurechtkommt, wird man in den kommenden Jahren noch sehen.

Familiendynastie

Familie scheint dem Konzern wichtig zu sein – bereits in der ersten Generation führte Max Herz Tchibo als Familienunternehmen. Seine Frau Ingeburg war an sämtlichen Entscheidungen eingebunden. Als Herz 1965 an einem Herzversagen starb, übernahm laut Testament sein „fähigster Sohn“ die Führung – welcher der vier das war, ließ er aber offen – und löste damit einen bis heute andauernden Machtkampf im Tchibo-Clan aus. Kurz nach dem Tod des Vaters übernahm der Älteste, Günter Herz, das Zepter. Er war es, der den Verkauf von Haushaltsartikeln startete und sich damit in Deutschland zum Marktführer noch vor dem größten Konkurrenten Jacobs etablierte. Nach einem jahrelangen Kampf um den Tchibo-Chefposten wurde der zweitjüngste Bruder Michael Konzernchef. Mittlerweile gehört Tchibo der Familienholding Maxingvest GmbH – benannt nach den Eltern Max und Ingeburg.

Nun stellt sich die Frage, ob Tchibo auch in der dritten Generation in der Familie bleibt. Seit 2023 ist Erik Hofstädter CEO des Konzerns, der 82-jährige Michael Herz allerdings immer noch Vorsitzender des Aufsichtsrats. Obwohl – oder vielleicht gerade deswegen – die Tchibo-Gründerfamilie Herz, eine der reichsten Familien Deutschlands, ist, leben ihre Mitglieder besonders zurückgezogen.

Es ist kurz nach 17 Uhr, die heiße Schokolade mit Schlagobers ausgetrunken, das Franzbrötchen aufgegessen. Im Einkaufswagen landet noch eine flauschige Pinguin-Wärmflasche, die sich als ideales Weihnachtsgeschenk für die 51-jährige Tante eignet – sie kostet 19,99 Euro.

Natalia Anders

Natalia Anders

ist seit Juni 2023 Teil des Online-Ressorts und für Social Media zuständig.