Wie albanische Betrüger mit KI-Promi-Videos über 50 Millionen Euro erbeuteten
Es ist ein Großraumbüro in einem Businesstower mitten in der albanischen Hauptstadt Tirana. Dutzende Arbeitsplätze, dicht an dicht aneinandergereiht. Alles wirkt ganz normal – aber nur auf den ersten Blick: Bei diesem Großraumbüro, das Ermittler gestürmt und ausgehoben haben, handelt es sich nämlich um keine gewöhnliche Firma, sondern – der Verdachtslage nach – um ein Callcenter professioneller Internetbetrüger. Ermittlern der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA), des Bundeskriminalamts, Europol und Eurojust gelang es in Zusammenarbeit mit albanischen Behörden am 17.April, einen mehr als 50 Millionen Euro schweren mutmaßlichen Internetbetrug aufzudecken. Insgesamt drei solcher Callcenter und neun Wohnungen wurden von den Beamten ausgehoben und durchsucht. Zu dem Zeitpunkt, als die Ermittler die Büros in Tirana stürmten, befanden sich 80 Personen vor Ort, zehn von ihnen wurden festgenommen. Zudem wurden hunderte Computer, Telefone und fast eine Million Euro in bar sichergestellt. Die Betrugsmasche soll besonders perfide gewesen sein: Um Anleger für angebliche Investments anzulocken, wurden via Social Media Werbe-Fake-Videos mit Prominenten verbreitet. Wer sich davon ködern ließ, wurde abgezockt.
Mehr als 26 Millionen Euro Schaden sollen allein in Österreich entstanden sein, wobei die Höhe von Fall zu Fall stark variiert: „Es gibt Opfer, die 250 Euro verloren haben, aber auch welche, die ihr ganzes Erspartes – teilweise in Millionenhöhe – nie wieder sehen werden“, erläuterte Alexandra Völkel, Mediensprecherin der WKStA, am Mittwoch bei einer Pressekonferenz. Die Opfer der Betrüger kommen nicht nur aus Österreich, sondern auch aus der Schweiz, aus Deutschland, Italien, Spanien, Irland, Schweden und Kanada.
Die Masche: Mit gefälschten KI-Videos von Prominenten wie ORF-Moderator Armin Wolf, Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Fußball-Star David Alaba oder Nachrichtensprecherin Nadja Bernhard, die auf Sozialen Medien als Werbung geschaltet wurden, versuchten die Betrüger, User zu überzeugen, in ein mutmaßliches Krypto-Investment einzuzahlen. „Ich werde nicht behaupten, dass Sie damit über Nacht zum Millionär werden, denn das behaupten nur Betrüger“, sagt zum Beispiel ein KI-generierter Deep Fake des Bundespräsidenten: „Aber wenn Sie mit dem Investment weniger als 15.000 Euro im Monat machen, bekommen Sie eine 25.000 Euro Entschädigung von mir.“ Die Personen in den gefakten Videos versprechen: Man müsse lediglich 250 Euro investieren, um einzusteigen und mehrere tausend Euro zu bekommen. Die gefälschten Videos sind zwar technisch nicht unbedingt auf höchstem Niveau, trotzdem hat es oft gereicht, dass Personen den Betrügern auf den Leim gegangen sind.
Professionelle Perfidität
Besonders perfide an der Masche: Nachdem Opfer bereits um ihr Geld gebracht worden waren, überzeugten die Betrüger diese mitunter, nochmals Geld einzuzahlen, um ihr vermeintlich „eingefrorenes“ Investment wieder zurückzubekommen. In einem der ausgehobenen Büros in Tirana konnten die Ermittler sogar eine eigene „Recovery-Abteilung“ finden, sprich: Es gab Teams, die sich nur damit auseinandersetzten, Opfer, die ihr Geld zurückhaben wollten, erneut abzuzocken.
Die Mitarbeiter waren in Gruppen von sechs bis acht Personen organisiert und auf unterschiedliche Sprachen spezialisiert – darunter Deutsch, Englisch, Italienisch, Griechisch oder Spanisch. Manche sprachen die jeweilige Sprache fließend, andere halfen sich mit KI-gestützten Übersetzungstools, um lokale Phrasen zu übernehmen und so Vertrauen aufzubauen. Bei den mutmaßlichen Tätern handelt es sich überwiegend um männliche albanische Staatsbürger im Alter zwischen 20 und 45 Jahren, viele von ihnen mit IT-Kenntnissen.
KI-Videos immer größere Abzock-Gefahr
Die mehr als 150 Opfer unterscheiden sich voneinander nicht nur in Bezug auf die Schadenshöhe teils beträchtlich, sondern auch vom Alter her: „Alter allein schützt nicht vor Betrug. Vieles ist auch abhängig davon, in welcher Lebenssituation man sich befindet“, erklärt WKStA-Sprecherin Völkel. Mit der rasanten Weiterentwicklung von Künstlicher Intelligenz und ihrer immer professionelleren Handhabung durch Betrüger wird es selbst für junge, medienaffine Menschen zunehmend schwierig, eine potenzielle Abzocke zu erkennen.
Wie schützt man sich als Privatperson am besten? „Wenn etwas zu gut, um wahr zu sein, scheint, ist es das meist– nämlich nicht wahr”, warnt Völkel. Wichtig sei außerdem, Investments im Vorfeld mit Dritten zu besprechen. Oft könne ein Blick von außen helfen, um einen vermeintlichen Betrug zu erkennen.
Um die Behörden bei der Bekämpfung derartiger Betrugsmaschen zu unterstützen, sollte man jeden Fall anzeigen – selbst wenn die Scham groß oder die Schadenssumme vergleichsweise gering sei, appelliert die WKStA. Jeder Hinweis, jedes Muster, jeder Fall helfe den Ermittlern dabei, zu erkennen, wie die Betrüger agieren – und trage dazu bei, dass nicht noch mehr KI-Fakes von Promis, Stars oder gar des Bundespräsidenten gutgläubiger Anleger austricksen.