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profil-Morgenpost
05/30/2022

Aus dem Inneren des Kartenhauses

Der Zusammenbruch des Finanzkonzerns Wirecard jährt sich zum zweiten Mal. In dem Wirtschaftskrimi sind immer noch viele Fragen offen.

von Christina Hiptmayr

Guten Morgen!

Ziemlich genau zwei Jahre ist es her, dass der deutsche Finanzkonzern Wirecard mit Bomben und Granaten unterging und Insolvenz anmelden musste. Sie wissen schon, jenes Unternehmen, das von zwei Österreichern (mit besten Verbindungen in die heimische Politik) geführt wurde. Der eine, Markus Braun, sitzt seither in Untersuchungshaft, der andere, Jan Marsalek, befindet sich auf der Flucht.

Im Juni 2020 hatte sich herausgestellt, dass hinter der vermeintlichen Erfolgssaga des hochgejubelten Konzerns ein veritabler Betrugsskandal steckt: 1,9 Milliarden Euro, ein Viertel der Bilanzsumme, fehlten.

Durchschauen hätte man das freilich schon viel früher können: der britische Reporter Dan McCrum machte seit 2014 in einer Vielzahl von Artikeln für die renommierte Wirtschaftszeitung „Financial Times“ auf das merkwürdige Geschäftsgebaren von Wirecard aufmerksam. Er war es auch, der das Unternehmen letztlich zu Fall brachte – dabei aber selbst fast auf der Strecke blieb.

Spione und schwarze Limousinen

Was er bei seinen mehrjährigen Recherchen Haarsträubendes erlebte, hat er mir im österreichischen Exklusiv-Interview für unsere druckfrische Coverstory erzählt. Seine Geschichte hat sämtliche Ingredienzien, die in kaum einem Thriller fehlen: Einen Protagonisten (McCrum), der sich gegen die schmutzigen Tricks seiner Widersacher (Wirecard) behaupten muss; eine Behörde (die deutsche Finanzaufsicht Bafin), die zuerst gegen die Skandalaufdecker und nicht gegen die Verursacher vorgeht; zudem Hackerattacken, Lauschangriffe, Spione und schwarze Limousinen, die sich auffällig oft und auffällig präsent vor der Wohnadresse des Protagonisten einfinden. „Ich hatte Angst um meine Kinder. Erst recht, als mir klar wurde, dass Marsalek wohl Kontakte in russische Geheimdienstkreise hat“, erzählt McCrum.

Seine Erlebnisse hat der Journalist in einem mehr als 400 Seiten starken Buch niedergeschrieben, das dieser Tage auf Deutsch erschienen ist („House of Wirecard. Wie ich den größten Wirtschaftsbetrug Deutschlands aufdeckte und einen DAX-Konzern zu Fall brachte“, Econ Verlag).

Cliffhanger

Stefan Melichar und Michael Nikbakhsh wiederum beschreiben in der aktuellen Ausgabe die mannigfaltigen, nach Österreich führenden Stränge des Wirecard-Krimis sowie kuriose – bislang noch unveröffentlichte – Vorgänge aus dem Inneren des Kartenhauses.

Die Geschichte ist freilich noch lange nicht zu Ende: Wenn es zum Prozess kommt, ist von einem jahrelangen Verfahren auszugehen. Und sollte der als Bad Guy besetzte Jan Marsalek (der in Moskau vermutet wird) eines Tages wieder auftauchen, wird das mehr als genug Stoff für eine ganze Serie hergeben.

Halten Sie das Popcorn bereit, hier finden Sie schon mal den passenden Soundtrack. 

Einstweilen einen guten Start in die neue Woche wünscht

Christina Hiptmayr