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Titelgeschichte
06/01/2022

Wirecard: Wie zwei Österreicher einen Milliardenkonzern in den Ruin führten

Der Fall Wirecard, ein Lehrstück über Kontrollversagen und mutigen Journalismus. Was Tausende E-Mails von Markus Braun und Jan Marsalek über deren verrückte Welt erzählen.

von Stefan Melichar, Michael Nikbakhsh

Tausende Schicksale, verdichtet in wenigen Zeilen. Es ist der 18. Juni 2020, kurz nach Mittag, als sich in den elektronischen Postfächern von Markus Braun und Jan Marsalek der Zorn und die Verzweiflung wildfremder Menschen entladen. Braun, ein Österreicher, ist zu diesem Zeitpunkt noch Vorstandsvorsitzender des Finanzdienstleisters Wirecard AG und 
hat kurz zuvor folgenschwere Informationen veröffentlicht: In den Büchern des Konzerns mit Sitz in Aschheim nahe München klafft ein annähernd zwei Milliarden Euro großes Loch, ein Viertel der Bilanzsumme scheint nicht vorhanden zu sein. Und: Wirecard-Finanzdirektor Jan Marsalek, auch er ein Österreicher, ist bis zur Klärung des Sachverhalts freigestellt worden.
Die Wirecard-Aktie taumelt, der Kapitalmarkt bebt, Anlegerinnen und Anleger schreiben den Ösis im Wirecard-Management verstörende E-Mails: „Sie haben uns ruiniert. Alles ersparte Geld hatten wir in Wirecard investiert, in dem Glauben in das beste deutsche DAX-Fintech-Unternehmen mit dem größten Zukunftspotential zu investieren, um damit das Haus unserer 5-köpfigen Familie abbezahlen zu können. Wir hatten 385.000 € und wollten eigentlich nur ein wenig mehr um schuldenfrei zu werden.“ 
 

„Ihr Unternehmen ist besser als der wildeste Action-Thriller im Kino! Rund 10.000 Euro wurden alleine heute bei mir als Aktionär in Luft und Asche aufgelöst.“

„Herr Doktor Braun, nun ist es also amtlich, dass Sie und Ihre Vorstandskollegen sich mit Anlegergeldern bereichert haben … Warum nur?“

„Schämen Sie sich! Schämen Sie sich! Schämen Sie sich! Schämen Sie sich! Schämen Sie sich!“

„Ich haben Ihnen und Ihrem Unternehmen vertraut und habe meine gesamten Rücklagen verloren. Meine Freundin hat mir vertraut und hat fast 50.000 verloren. Finden Sie das anständig? Ihnen wird am Ende genug für Haus und Garten bleiben. Mir nicht.“

„Herr Braun, wir reden von über 300.000 Euro. Wer gibt mir das Geld zurück? Sie???“

„Hallo Markus, macht es dir eigentlich Spaß Vertrauen in deine Person zu zerstören und Menschen in den Ruin zu treiben?“

„Unterirdisch, katastrophal, eines DAX-Unternehmens unwürdig … Ich und ganz viele Investoren haben das letzte Fünkchen Vertrauen verloren. Alles gelogen und betrogen. Das Kartenhaus fällt zusammen …“

Eine Woche später fällt das Kartenhaus tatsächlich zusammen, am 25. Juni 2020 stellt die Wirecard AG in München einen Insolvenzantrag. Markus Braun ist da als Vorstandschef bereits zurückgetreten, Jan Marsalek verschwunden.

Zwei Jahre sind vergangen – und bis heute suchen Geschädigte Antworten auf die eine Frage: Wie um alles in der Welt konnte das passieren? Unter den Augen des Wirecard-Aufsichtsrats? Der Wirtschaftsprüfer von EY, vormals Ernst & Young? Der deutschen Finanzaufsicht BaFin? (Die Verantwortung für das manifeste Kontrollversagen wird seit 2020 in Deutschland hin und her geschoben. Genau wie im Fall der fast zur selben Zeit zusammengebrochenen burgenländischen Commerzialbank Mattersburg).

Tatsächlich brauchte es einen mutigen Journalisten, um den Wirecard-Skandal aufzudecken: Dan McCrum, der in der britischen „Financial Times“ ab 2015 Artikel zu fragwürdigen Geschäftspraktiken von Wirecard veröffentlichte. Das hatte für ihn zunächst schwerwiegende Folgen. McCrum hat darüber ein Buch veröffentlicht, profil hatte Gelegenheit, ihn zu interviewen.
Der Zahlungsdienstleister Wirecard, das war Deutschlands Antwort auf Silicon Valley, digital, global, phänomenal. Dabei waren es eigentlich Österreicher, die das Unternehmen (dem Anschein nach) zu einem würdigen DAX-Konzern gemacht und der müden Deutschland AG Perspektive gegeben hatten: Markus Braun, ab 2002 CEO; Jan Marsalek, ab 2010 Vorstandsdirektor mit Zuständigkeit für das Tagesgeschäft; Susanne Steidl, eine dritte Österreicherin, die 2018 an die Konzernspitze gerückt war – ab da waren drei der vier Vorstandsmandate in österreichischer Hand. Und dann wäre da noch der Unternehmer Stefan Klestil, der Sohn von Thomas Klestil, der von 2009 bis zum Kollaps 2020 im Aufsichtsrat der Wirecard AG und der angeschlossenen Wirecard Bank AG vertreten war.

Gegen Markus Braun – er sitzt seit 2020 in deutscher Untersuchungshaft – hat die Staatsanwaltschaft München I inzwischen Anklage erhoben. Er soll sich gemeinsam mit zwei weiteren ehemaligen Wirecard-Managern vor Gericht verantworten. Derzeit prüft das Gericht, ob die Anklage zugelassen wird. Im Kern geht es um den Vorwurf der Veruntreuung und einen Schaden jenseits der drei Milliarden Euro. Braun, selbst einst Wirecard-Großaktionär, hat jedwedes strafrechtliche Fehlverhalten über seine Anwälte zurückweisen lassen – er wähnt sich vielmehr als Opfer des abgetauchten Jan Marsalek (profil berichtete ausführlich). Die Zivilgerichtsbarkeit wird ihrerseits noch Jahre mit der Abarbeitung von Schadenersatzforderungen beschäftigt sein.
Die eingangs zitierten E-Mails der Anleger entstammen einer großen Datensammlung, die profil 2021 zugespielt wurde. Es handelt sich um die dienstlichen Mail-Accounts von Markus Braun und Jan Marsalek, alles in allem rund 100.000 empfangene und gesendete Mails aus den Jahren 2014 bis 2020. Anhand dieser Datensätze veröffentlichten wir bereits im Vorjahr eine Serie von Artikeln, die bemerkenswerte Verbindungen der Wirecard-Spitze nach Österreich dokumentierten: zur Österreichisch-Russischen Freundschaftsgesellschaft, zum Verteidigungsministerium, zum Innenministerium, zu ÖVP-nahen Beratern, zum Umfeld von Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz, zu den Österreichischen Bundesbahnen, zu dem in Wien festsitzenden ukrainischen Oligarchen Dmitro Firtasch.

In der Korrespondenz der Wirecard-Direktoren selbst finden sich keine Hinweise auf die ihnen angelasteten Delikte. Wenn es dazu Kommunikation gab, dann lief diese über andere Kanäle. 

Die E-Mails lassen umgekehrt aber keinen Zweifel daran, dass Wirecard ein sehr spezielles Unternehmen war, geführt von sehr speziellen Leuten mit noch spezielleren Interessen. 

Hier: Markus Braun, Jahrgang 1969, ein Mann mit Sinn fürs Schöne und Gesellschaftliche, der stets in ganz großen Zusammenhängen dachte, politisch sehr gut vernetzt, in Österreich zumal. Im Wahlkampf 2017 unterstützte er Sebastian Kurz, ÖVP, mit 70.000 Euro, nachdem er in den Jahren zuvor 125.000 Euro an die NEOS gespendet hatte. 

Da Jan Marsalek, Jahrgang 1980, ein Mann mit Sinn fürs Teure, auf jedem gesellschaftlichen Parkett zu Hause – von Oktoberfest bis Opernball. Einer, der stets in ganz geheimen Zusammenhängen dachte, beste Kontakte ins nachrichtendienstliche Milieu pflegte, ins frühere Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) zumal. Auch er politisch gut vernetzt, ein bisschen ÖVP, ein bisschen FPÖ. Marsalek hatte Geschäftsbeziehungen mit den ehemaligen Kabinettsleuten von ÖVP-Innenminister Ernst Strasser, Christoph UImer und Thomas Zach (heute ein ORF-Stiftungsrat). Er dinierte mit Wolfgang Sobotka in Moskau, als dieser noch ÖVP-Innenminister war, beriet sich mit einem Bundesheer-Brigadier und einem ehemaligen BVT-Abteilungsleiter und ließ sich von einem ehemaligen FPÖ-Nationalratsabgeordneten am 18./19. Juni 2020 zur Flucht verhelfen. Seither soll Marsalek in Russland weilen, und in Deutschland wird mittlerweile darüber spekuliert, dass es einigen einflussreichen Personen durchaus willkommen wäre, er bliebe für immer dort. 

Was geben die dienstlichen Mail-Accounts nun über jene beiden Manager preis, die jahrelang die Finanzwelt zum Narren hielten? Markus Braun inszenierte sich gern als ein Tech-Visionär, der stets über den Dingen schwebte. Wie aus seinen Mails hervorgeht, neigte er zugleich aber  zum Mikromanagement – etwa, wenn es um die Außendarstellung von Wirecard ging. Regelmäßige Pressemeldungen über neue Geschäftsabschlüsse oder Partnerschaften gingen nicht nur pro forma über Brauns Mail-Account. Vielmehr schienen ihm möglichst häufige Veröffentlichungen ein großes Anliegen zu sein. Am 18. März 2019 etwa schrieb er einer Mitarbeiterin um 21.38 Uhr: „Haben wir eigentlich irgendeine Meldung aktuell?“ Braun wollte die Inhalte von Aussendungen stets persönlich kontrollieren. Im September 2019 machte er seinen Mitarbeitern klar, dass „ohne meine explizite schriftliche Freigabe keine Corporate news herausgegeben wird“. Beim Veröffentlichen von Erfolgsmeldungen war Wirecard durchaus ambitioniert – das wirkt im Nachhinein umso absurder, als die deutsche Justiz davon ausgeht, dass das Unternehmen seit 2015 in den roten Zahlen steckte.

Anfang 2017 entdeckte Markus Braun Twitter für sich – bekanntlich jene Plattform im Internet, die sich besonders gut zur kurzfristigen Befriedigung von Geltungsdrang, Anerkennungsbedürfnis und Eitelkeit eignet. Eine Social-Media-Mitarbeiterin stimmte laufend Tweet-Vorschläge mit Braun für dessen Account ab. Kam von ihr einmal nichts, forderte der CEO Aktivität ein: „Some ideas for positive, bullish tweets ?“ / „What about content for my twitter channel ?“ / „Do you have something for my twitter account?“ Wenn ihn der Hafer stach, verschickte Braun auch selbst Vorschläge: „What is your opinion about this potential tweet ?“ / „Vorschlag zu einem Tweet für morgen früh“ / „Würde gerne irgendetwas cooles auf twitter absetzen …“ 

Man merkt: Das Narrativ war für Braun von höchster Wichtigkeit. Umso verhasster mussten ihm jene sein, welche dieses zunehmend störten: Wie diese Leerverkäufer, die Mängel herausarbeiteten und auf fallende Kurse setzen, wie auch der „FT“-Journalist Dan McCrum, dem er im Jänner 2019 in für seinen Verhältnisse ungewöhnlich langen Mails unterstellte, gemeinsame Sache mit den Shortsellern zu machen (übrigens eine haltlose Behauptung).

Für Braun stand viel auf dem Spiel – auch, was seine privaten Finanzen anbelangte. Schließlich war er über seine Firma MB Beteiligungsgesellschaft mbH selbst Wirecard-Großaktionär, wobei er die Aktien teilweise auf Pump gekauft hatte. Fallende Börsenkurse trafen ihn auch persönlich. 

Braun pflegte durchaus routiniert den Lebensstil der Reichen und Schönen. Der Wirecard-Chef konnte – seinen Mails zufolge – eingehende Erfahrung mit Privatjets vorweisen und war dabei durchaus wählerisch. Im Juli 2019 schickte eine  Jet-Firma ein Angebot für einen Flug nach London an Brauns Büro und ergänzte: „Weil Herr Dr. Braun von der Latitude begeistert war, habe ich diese auch wieder reingenommen (...). Des Weiteren habe ich dieses Mal auch eine Falcon im Angebot (ich weiß, dass er diesen Hersteller nicht bevorzugt; habe das Flugzeug aber auf Grund Baujahr und Preis trotzdem reingenommen).“ Braun wollte die Falcon abermals nicht:  „Nimm die erste (die citation sovereign)“, schrieb er seiner Assistentin. Als die Jet-Firma im September 2019 einen Los-Angeles-Flug organisierte, klärte sie per Mail Wünsche in Bezug auf das Catering ab. Brauns Vorgaben: „Keine Pilze, kein rotes Fleisch“. 

Braun gefiel es offenbar in Südfrankreich. Dort benötigte er mitunter einen schwimmenden Untersatz. Eine Hotel-Concierge leitete dem Wirecard-Chef im Sommer 2019 das Angebot einer Jacht-Firma mit verfügbaren Modellen weiter. Die Rückfrage Brauns: „Is there something bigger?“ 

Wer viel Geld hat, muss dieses auch entsprechend anlegen. Ein Wiener Rechtsanwalt unterbreitete dem Wirecard-Chef im Juli 2019 Ideen für Immobilieninvestitionen. Brauns Antwort: „Villen finde ich spannend.“ 

Im Februar 2020 ereilte Braun dann die frohe Kunde, dass er erstmals in die Milliardärs-Liste von „Forbes“ aufgenommen werden sollte – mit einer Bewertung von rund 1,2 bis 1,3 Milliarden US-Dollar, dies basierend auf seinem Wirecard-Aktienanteil. Nur Wochen später spitzte sich die Situation bei Wirecard massiv zu, als Sonderprüfer von KPMG den Konzern durchleuchteten. Ende April 2020 lieferten die Prüfer einen höchst kritischen Bericht. Nüchtern betrachtet, war die Lage für Wirecard da bereits existenzbedrohend. Gleichzeitig setzten die Banken, die Brauns Beteiligungsfirma mit hohen Krediten finanziert hatten, das Messer an. Ungeachtet dessen übermittelte die Ehefrau des Wirecard-Chefs ihrem Mann Anfang Mai 2020 ein Angebot einer österreichischen Vinothek für eine „Eilbestellung“ nach Wien. Dieses umfasste Champagner und Wein für insgesamt rund 23.000 Euro. Aus einer angehängten Liste konnten offenbar weitere Weine ausgewählt werden. Braun antwortete seiner Frau: „Das passt beim cheval blanc kannst du auch 2010 nehmen aber 2009 ist auch gut.“ Zur Orientierung: Eine 0,75-Liter-Flasche des „2010 Château Cheval Blanc 1er Grand Cru Classé A“ aus der Region Saint-Émilion kostete gemäß Liste 1344 Euro (exklusive Steuer).

Braun widmete sich in jener prekären Zeit jedoch nicht nur teurem Wein, sondern auch teurer Kunst. Eine Wiener Galeristin lag dem Wirecard-Chef im Frühjahr 2020 wochenlang wegen Bildern von Hermann Nitsch im Ohr. Braun leitete entsprechende E-Mails an seine Schwester weiter, die das Tagesgeschäft seiner Beteiligungsfirma managte. Offenbar schlug Braun schlussendlich zu. Am 15. Juni 2020 – drei Tage, bevor  Wirecard das Bilanzloch öffentlich machte –  übermittelte die Galerie der MB Beteiligung GmbH eine Rechnung über insgesamt 246.000 Euro. 

Soweit aus den vorliegenden Mails ersichtlich, spielte sich das High-Society-Leben Brauns vor allem in Wien und in Kitzbühel ab. Engeren Kontakt hatte der Wirecard-Chef zum Beispiel zum Investor Alexander Schütz. 2020 traf Braun mit dem Immobilien- und Kaufhausinvestor René Benko zusammen. Als wenig später Corona zuschlug schrieb der Wirecard-Chef an Benko: „Lieber René, ich weiß die Zeiten sind extrem hart insbesondere für den Handel, wenn ich dich in irgendeiner Form unterstützen kann, lass es mich wissen.“

Zahlreiche Einladungen in Brauns Mail-Account deuten auf ein hochkarätiges Netzwerk hin. Ein wichtiger Strippenzieher: PR-Berater Wolfgang Rosam. Dieser lud etwa im Dezember 2018 zur „Weihnachtsdegustation ‚Bordeaux-Granaten & Taste of California‘“ und freute sich über Brauns „fixe Zusage“, als Jury-Mitglied teilzunehmen. Rosam führte weitere Juroren an (wobei nicht erkennbar ist, ob diese dann tatsächlich teilnahmen). Dazu zählten Ex-SPÖ-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, ÖVP-Finanzminister Hartwig Löger, Wirtschaftskammer-Chef Harald Mahrer, der Siemens-Top-Manager Wolfgang Hesoun, Andritz-Chef Wolfgang Leitner sowie „Unternehmer, Investor & Winzer“ Siegfried Wolf. Im März 2019 lud Rosam dann erneut zu sich nach Hause ein – diesmal „zu unserem kleinen Dinner mit Herrn Bundeskanzler Sebastian Kurz“. Leitsatz: „Es soll ein entspannter, aber auch kulinarischer und vinophiler Abend werden.“ 
Länger bekannt war Braun offenbar auch mit der Unternehmensberaterin Antonella Mei-Pochtler. Der Wirecard-Chef gehörte dem unter Kanzler Kurz gegründeten und von Mei-Pochtler geleiteten Thinktank „Think Austria“ an.  Für Februar 2019 war laut elektronischem Termineintrag ein persönliches Treffen zwischen Braun und Kurz geplant.

In Deutschland zählten der frühere Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sowie der PR-Berater und frühere Chef der „Bild“-Zeitung Kai Diekmann zu Brauns Kontakten. Mails deuten darauf hin, dass man 2020 an einer gemeinsamen Lobbying-Strategie feilte. In Österreich sorgte Diekmann zuletzt für Aufsehen, als er Bundeskanzler Karl Nehammer in die Ukraine begleitete. Seine PR-Agentur berät die ÖVP.

Handverlesene Kontakte finden sich nicht nur in den Mails von Markus Braun, sondern auch in jenen von Jan Marsalek. Insgesamt fällt jedoch auf, dass die Tonalität, in der die ein- und ausgehenden Nachrichten verfasst sind, bei Marsalek deutlich weniger unterkühlt wirkt. Man merkt: Marsalek stand direkt an der Geschäftsfront – mit Kunden, potenziellen und tatsächlichen Partnern, mit anderen Wirecard-Managern sowie mit Beratern. Marsalek war auch der Mann für das generalstabsmäßige Socializing, das jährlich am Münchner Oktoberfest kulminierte. In Marsaleks Büro wurden ganze Excel-Listen erstellt, um die nötigen Platzreservierungen zu koordinieren. Doch der Wirecard-Manager beherrschte die hohe Kunst der geschäftlichen Geselligkeit nicht nur im Bierzelt: 2015 lud Marsalek einen Geschäftspartner zum Wiener Opernball ein. In der Folge drehte sich eine nicht unwesentliche Zahl an E-Mails um die Frage, zu welchem Friseur die Freundin des Geschäftspartners vor dem Ball gehen könnte. Für die Rückfahrt von der Wiener Staatsoper zum Hotel Imperial – Luftlinie plus/minus 500 Meter – ließ der Manager übrigens zwei „Standby-Wagen“ (Mercerdes S-Klasse) für jeweils 815 Euro buchen.  

Bei der Lektüre von Marsaleks E-Mails verfestigt sich der Eindruck, dass in seinem Fall haupt- und nebenberufliche Interessen zu einem großen Ganzen verschwammen. Marsalek verfolgte teils irre  wirkende Projekte. So hatte er zum Beispiel intensiven Mail-Kontakt  mit dem Finanzminister von Accompong. Sie werden lange auf dem Globus suchen müssen, um Accompong zu finden. Es handelt es sich um einen Miniaturstaat innerhalb von Jamaika mit einer gewissen Unabhängigkeit, aber nicht einmal 2000 Einwohnern. Der Minister kam 2015 mit Wirecard in Kontakt und wollte eine Kooperation beim Aufbau der finanziellen Infrastruktur seines Landes herstellen. Ob Marsalek hier tatsächlich ein Geschäft witterte, sei dahingestellt. Jedenfalls war er entschlossen, bisherige Karibik-Erfahrungen zu nutzen: „Könntet Ihr bitte das Logo, die Fahne und den Schriftzug auf der ID-Karte, die wir für Grenada designed haben … gegen das Logo und den Schriftzug von Accompong austauschen?“, wies der Manager eine Mitarbeiterin an. 

Marsalek und andere Wirecard-Manager zerbrachen sich den Kopf darüber, wie man für  Accompong eine Art Minizentralbank einrichten könnte. Die Österreichische Staatsdruckerei unterbreitete sogar ein Angebot für den Druck von „Security vouchers“, die offenbar als eigene Währung gedacht waren. Letzten Endes dürfte – soweit aus den Mails erkennbar – nichts aus dem Unterfangen geworden sein. Eine Luftnummer, wie so einige  im Reich von Jan Marsalek. 

Marsalek interessierte sich für den libyschen Markt, den Iran, Kurdistan, Tatarstan und natürlich Russland. Marsalek stand diesbezüglich in gutem Kontakt mit Florian Stermann, dem damaligen Generalsekretär der Österreichisch-Russischen Freundschaftsgesellschaft, der wiederum um den FPÖler Johann Gudenus herumschwarwenzelte. 

Beste Kontakte pflegte Marasalek zudem mit Martin Weiss, einem früheren Abteilungsleiter des Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT; nunmehr: Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst) – aus den Mails ist diese Beziehung allerdings so gut wie nicht ableitbar. Ganz James-Bond-Style, pflegte man hier möglicherweise andere Kommunikationskanäle.

Eine weitere spannende Österreich-Connection manifestierte sich in einem Beratervertrag: Auf Wunsch Marsaleks kam ein Auftrag von Wirecard für die Wiener Gradus Proximus Corporate Advisory GmbH zustande. Diese gehört je zur Hälfte zwei früheren Mitarbeitern im Kabinett des damaligen ÖVP-Innenministers Ernst Strasser: Thomas Zach und Christoph Ulmer. Zach leitete zuletzt den ÖVP-„Freundeskreis“ im ORF-Stiftungsrat. Wie profil berichtete, war Gradus Proximus ab Mitte 2016 bis Juni 2020 für Wirecard tätig – laut Vertrag zu einem Jahreshonorar von 300.000 Euro. Zach/Ulmer erstellten dafür „Social-Media-Reports“. Der Auftrag endete demnach offenbar erst mit dem Untergang Wirecards.

Marsaleks letztes überliefertes E-Mail von seinem Dienstaccount datiert übrigens vom 18. Juni 2020 und lautet: „Das müsste ein Philippino sein. I’ll check.“ Damals war die Wirecard-Führungsetage verzweifelt auf der Suche nach einem Ansprechpartner bei einer philippinischen Bank, der die Existenz von Geldern auf Treuhandkonten bestätigen sollte – Geld, das tatsächlich nicht da war, auf Konten, die tatsächlich nicht existierten. 

Das Einzige, was Marsalek noch checkte, war seine Flucht. Am 19. Juni 2020 fuhr er mit dem Taxi aus München nach Wien und bestieg hier einen kleinen Flieger und entschwand Richtung Minsk in Belarus. Den Flug bezahlte Marsalek in bar. Organisiert hatte das Flugzeug  der frühere FPÖ-Mandatar Thomas Schellenbacher. Der sagte dazu später vor Ermittlern aus, ihm sei zwar der „Arsch auf Grundeis“ gegangen, aber er habe halt zeigen wollen, dass er auch „schwierige Sachen“ meistern könne.

Die Nachlese der Wirecard-Mails führt letztlich zu einer verblüffenden Erkenntnis: Eigentlich ein Wunder, dass diese Firma so lange durchgehalten hat.