Kurt Kotrschal. Der Biologe und Studienautor auf einem vorige Woche für profil aufgenommenen Selfie

© Kurt Kotrschal

Wissenschaft
07/02/2021

Die Jäger und Sammler der Bilder

Warum fotografiert der Mensch wie verrückt - und teilt die Bilder mit aller Welt? Forscher ergründeten diese Frage nach Kriterien der Evolutionslehre. [E-Paper]

von Alwin Schönberger

inst litt Kurt Kotrschal unter Flugangst. „Was habe ich damals gemacht? Ich habe wie wild aus dem Fenster fotografiert“, sagt Kotrschal. Der Wiener Biologe und langjährige Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau hält dieses Verhalten für eine unbewusste Bewältigungsstrategie, um Kontrolle über eine als bedrohlich empfundene Situation zu erlangen.

Mittlerweile hat sich Kotrschal auch beruflich damit befasst, welchen tieferen Sinn das Fotografieren haben könnte. Gemeinsam mit Leopold Kislinger von der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz publizierte der 68-Jährige soeben einen wissenschaftlichen Artikel im Fachjournal „Frontiers in Psychology“. Die Forscher gingen auf Basis jüngerer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse einer scheinbar banalen, bisher aber ungeklärten Frage nach: Warum fotografiert der Mensch? Weshalb fertigt er heute mehr Aufnahmen an als je zuvor – von Verwandten, Freunden, wichtigen Ereignissen, brenzligen Momenten, von Essen, Katzen und sich selbst? Die ganze Welt schießt, speichert und teilt Fotos auf sozialen Medien. Mehr als 90 Prozent der Bilder stammen heute von Smartphones, die mehr als zwei Drittel der Menschheit nutzen.

Dies allein auf die allgegenwärtige und leicht zu bedienende Handy-Technologie zurückzuführen, greift zu kurz: Mobiltelefone verfügen noch über viele andere Anwendungen, etwa Audio-Aufnahmen, aber diese werden weit nicht im selben Ausmaß genutzt. Die Menschen fotografieren stattdessen unablässig, und zwar ziemlich unabhängig von Region und Kultur. Fotografie entwickelte sich daher zur „menschlichen Universalie“. Traditionell kennt man humane Universalien wie Sprache, Kochen, Musik oder Waffengebrauch. Hinzu kamen im Lauf der Geschichte „neue Universalien“ wie Autofahren oder Tabakkonsum. Ist das Fotografieren ebenfalls eine solche neue Universalie? Ja, meinen die Forscher in ihrem Text, der den Titel „Hunters and Gatherers of Pictures“ trägt, also Jäger und Sammler von Bildern.

Wenn ein Fototheoretiker und ein Biologe den Ursachen und Hintergründen eines global verbreiteten Verhaltens nachspüren, fragen sie nach dessen Funktionen, auch im evolutionären Sinn, sowie nach den zugrunde liegenden neuropsychologischen Mechanismen: Teilen nahezu alle Menschen auf dem Planeten eine bestimmte Praxis, wird diese mit bestimmten Eigenschaften der humanen Natur zusammenfallen und individuelle wie auch soziale Vorteile mit sich bringen – um in der Umwelt bestmöglich zu bestehen, das eigene Ansehen zu mehren und letztlich den Fortpflanzungserfolg zu steigern.

Und das soll gelingen, indem man ein paar schiefe Bilder bei einer alkoholintensiven Party knipst? Exakt dieser Frage widmen sich Kislinger und Kotrschal in ihrem Fachartikel, für den sie Studien aus Neurowissenschaft und Evolutionsbiologie, aus Genetik, Psychologie und Soziologie sichteten. [...]

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