Sinnlos und überdosiert: Vitamin D-Präparate fallen im Experten-Check durch
Das war’s wieder mit der Sonne in weiten Teilen des Landes. Dienstag hat sie sich kurz blicken lassen, jetzt ist sie wieder für die nächsten Tage verschwunden. Muss man deswegen jetzt sofort Angst haben, dass die Vitamin D-Werte in den Keller rasseln und zur nächsten Apotheke für Präparate hechten? Nein.
Der Mythos um das Wundermittel Vitamin D ist eigentlich schon seit Jahren entzaubert. profil-Wissenschafts-Ressortleiter Alwin Schönberger widmete dem Phänomen bereits mehrere Analysen. „Aufgrund der bestehende Datenlage empfehlen seriöse Fachgesellschaften keine Vitamin D-Supplementation bei gesunden Erwachsenen”, so fasst es Markus Herrmann, Institutsvorstand der Medizinischen und Chemischen Labordiagnostik an der Medizinischen Universität Graz, in aller Klarheit zusammen. Hilft Vitamin D gegen Rachitis, eine Krankheit bei Kindern, durch die die Wirkung des Vitamins vor über 100 Jahren zuerst erkannt wurde? Eindeutig Ja. Aber bei Herz-, Kreislaufproblemen, bei Infektionskrankheiten, bei Krebs? Dafür gibt es keinerlei Evidenz.
Trotzdem verkaufen sich Vitamin D-Präparate besonders in der dunklen Jahreszeit wie warme Semmeln. Der globale Markt ist laut dem Marktforschungsinstitut Grand View Horizon 3,8 Milliarden US-Dollar schwer und soll bis 2033 noch auf 7,3 Milliarden US-Dollar wachsen. Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) hat sich gemeinsam mit Stiftung Warentest 22 Präparate angeschaut und nur zwei davon geeignet zur Vorbeugung eines Mangels empfunden: die Produkte von GSE und Rotbäckchen. Der Rest sei viel zu hoch dosiert und könne damit Schäden hervorrufen. Wie viele Menschen hierzulande Vitamin D nehmen ist schwierig nachzuvollziehen, eine Studie spricht von 60 Prozent der Männer und 75 Prozent der Frauen. Sie ist zwar repräsentativ, allerdings wurde sie von Ökopharm in Auftrag gegeben, eine Marke für Nahrungsergänzungsmittel.
Generell rät der VKI davon ab, ohne ärztliche Abklärung zum Vitamin D-Mittel zu greifen. Damit gehen die Konsumentenschützer mit der medizinischen Fachwelt d‘accord. Trotzdem hält sich der Glauben hartnäckig, dass ein paar Tropfen Vitamin D am Tag ein Muss sind. Gefährdet für einen Mangel sind nur gewisse Risikogruppen wie Kinder, ältere Personen, Schwangere oder Menschen, die nicht viel an die Sonne kommen beziehungsweise ihre Haut bedecken. Bei solchen Risikogruppen ist wichtig: Zuerst abklären lassen und dann erst Vitamin D einnehmen, betont Mediziner Herrmann.
Im Sommer Sonne tanken hilft über den Winter
Vitamin D hat einige Besonderheiten, die es von anderen beliebten Supplementen wie Vitamin C unterscheidet: Es ist ein Steroid, das im Körper hormonell wirkt und zu den fettlöslichen Vitaminen gehört. Wohl am wichtigsten: Vitamin D kann gespeichert werden – im Fett und in den Muskeln. Sogar relativ lange, wie Herrmann erklärt. Wer im Sommer viel draußen war, hat erst im Februar langsam seine Reserven aufgebraucht. Und auch ab da reichen dann ein paar Stunden in der Woche an der frischen Luft, um wieder genug Vitamin D produzieren zu können – außer für die erwähnten Risikogruppen.
Aber eben weil Vitamin D gespeichert werden kann, wird es nicht einfach wieder ausgeschieden, wie bei anderen Nahrungsergänzungsmitteln, die zu hoch dosiert sind. Es bleibt im Körper und kann Schäden anrichten. Der VKI hat festgestellt: 20 der 22 Präparate sind überdosiert. Am schlimmsten sind hier die Präparate der Anbieter Hübner, Dekristolvit, Alsiroyal und Sanotact. Die empfohlene Tagesdosis übersteigt die des Produktes von GSE, das als sinnvoll eingestuft wird, um das 20-Fache. Ob dargereicht als Tropfen, Tabletten oder Kapseln, würde keine Rolle für die Wirksamkeit spielen.
Gefahr von Nierenschäden durch „Megadosen“
Nicht nur zahlen Konsumentinnen und Konsumenten durch diese Überdosierung für mehr Wirkstoff, als sie eigentlich brauchen. Vitamin D kann in rauen Mengen zu Nierenverkalkungen und neurologischen Symptomen führen. Denn es regelt den Kalziumstoffwechsel: Der Kalziumhaushalt kommt schnell aus dem Gleichgewicht, was unter anderem zu neurologischen Problemen führen kann.
Der Mediziner beruhigt: Der Körper kann Vitamin D auch abbauen. Sonst würde jeder Tag in der Augustsonne zu einer Überdosis führen, so Hermann: „Allerdings gibt es sehr wohl Überdosierungen mit entsprechenden Nebenwirkungen. Deshalb sollte man Megadosen vermeiden und sich am besten vor einer Supplementation vom behandelnden Arzt beraten lassen.“
Neben der Überdosierung sind die Präparate häufig mit anderen Zusatzstoffen wie K2, Zink, Kalzium oder Selen versetzt. Herrmann klärt auf: Nach jetziger Studienlage hat nichts davon wirkliche Benefits. Der Wissenschaftler hat nicht nur auf Vitamin D einen Fokus, sondern auch auf Vitamin K, B-Vitamine und den Knochenstoffwechsel. Im Gegenteil, auch K2 hat eine tägliche Höchstmenge, die man so leicht überschreiten kann, schreibt der VKI. Stiftung Ökotest hat in einer Studie von 2025 außerdem umstrittene Stoffe wie Phosphate und Talkum in Vitamin-D-Präparaten gefunden.
Messmethoden sind ungenau
So sinnvoll Messungen sind, so inakkurat können sie sein, Herrmann: „Bei der Vitamin D-Bestimmung wird eine inaktive Vorstufe gemessen, die das für den Stoffwechsel zur Verfügung stehende Reservoir bildet. Man kann sich das etwa wie den Tankinhalt eines Autos vorstellen, der nur eine eingeschränkte Aussage darüber liefert, wie gut der Motor den Treibstoff verwertet.“
2023 entwickelten er und sein Team eine genauere Messmethode. Denn die Richtigkeit der verwendeten Messverfahren variiert zwischen Herstellern und Laboren um bis zu 20 Prozent, weshalb die Ergebnisse nur bedingt miteinander vergleichbar sind. Trotzdem werden sie mit universellen Grenzwerten interpretiert. Das von der Med-Uni Graz entwickelte Verfahren ist genauer, nur 70 bis 80 Prozent decken sich mit den Ergebnissen herkömmlicher Tests. „Rechnet man das einmal auf die gesamte österreichische Bevölkerung hoch, können wir auf diesem Weg sehr viele unnötige Vitamin D-Gaben vermeiden, die sich sicherlich im hohen sechsstelligen Bereich bewegen.“ Diese funktionelle Messung ist allerdings nicht in den normalen medizinischen Laboren verfügbar.
Die Angaben, wie viel Prozent der Bevölkerung überhaupt unterversorgt sind, schwanken. Herrmann spricht von 30 bis 40 Prozent, was er bei verschiedenen Studien in Österreich und Südtirol nachweisen konnte. Die deutsche Gesellschaft für Ernährung spricht allerdings nur von 15 und in Belgien gibt es Informationen, dass ganze 50 Prozent der Bevölkerung unterversorgt sind.
Im nördlich-gelegenen Finnland ist die Versorgung relativ gut, was unter anderem daran liegen könnte, dass dort auch Lebensmittel mit Vitamin D angereichert werden. Allerdings nehmen wir nur einen geringen Anteil, ungefähr zehn Prozent, durch Nahrung auf. Der Rest kommt durch die Sonne. Trotzdem empfiehlt Herrmann: Fisch, Fleisch und Milch helfen beim Vitamin D-Aufbau. Und es gibt auch nicht tierische Quellen: Pilze. Die können selbst nach der Ernte noch mit UV bestrahlt werden und Otto-Normalverbraucher können die Schwammerl, die sie sammeln, einfach in die Sonne legen, um sie mit anzureichern. Gesund ernähren, in der Sonne bewegen und auf den Körper achten. Vitamin D hin oder her, kein schlechter Tipp, gerade für den Winter, sagt auch der Fachmann.
Empfehlungen der Endocrine Society
Welche Personengruppen einer aktuellen Richtline der Endocrine Society zufolge
Vitamin D einnehmen sollten – und welche nicht.
1–18-Jährige: Empirische Belege für Supplementation, um Rachitis und Atemwegsleiden vorzubeugen.
19–74-Jährige: Keine Belege für den Nutzen einer Vitamin-D-Supplementation.
Über 75 Jahre: Empirische Belege für eine Supplementation zur Verringerung des Sterberisikos.
Schwangere: Belege für eine Supplementation zur Vermeidung des Risikos von ernstem Bluthochdruck, Organschäden, Frühgeburten, Kindstod und weiteren Komplikationen.
Menschen mit Diabetes-Vorstufen: Empirische Belege für eine Supplementation, um das Fortschreiten eines Diabetesrisikos einzudämmen.