Am Ende stand Marko Arnautović das Selbstbewusstsein deutlich ins Gesicht geschrieben, in Sachen Mienenspiel beherrscht der österreichische Rekordtorschütze allerdings alle Tricks inklusive dreifachem Übersteiger. Im ORF-Interview bei Paul Passler analysierte er deshalb mit perfektem Pokerface: „Ich freu mich über jede Minute, was ich am Platz stehe.“ Und es gab ja tatsächlich einigen Grund zur Freude, das erste WM-Spiel der Österreicher war spät, aber doch mit einem klaren 3:1 und einem Last-Minute-Elfmeter durch Arnautović himself zu Ende gegangen.
Marko Arnautovic und Teamkollegen: Freude über jede Minute
In der Disziplin des Sich-selbst-für-den-Allergrößten-Haltens bleibt Cristiano Ronaldo trotzdem Weltmeister auf Lebenszeit. Als Fußballgott machte er dieser Tage allerdings eine eher traurige Figur und wurde ganz eindeutig von der Heiligen Dreifaltigkeit Messi/Mbappé/Haaland abgelöst. Wer von den dreien den Heiligen Geist darstellt, wird übrigens sonnenklar, wenn man den norwegischen Stürmer in seiner neuen Funktion als „Global Ambassador“ des chinesischen Tee-Erfrischungsgetränks Wang Lao Ji (internationaler Markenname: Walovi) erlebt hat. Im Insta-Clip zum Soft-drink spuckt der Markenbotschafter fröhlich Feuer, während ein synthetischer Männerchor zur Melodie von Dschinghis Khans 70er-Discohit „Moskau“ Zeilen wie „Haa-land, Haa-land, feeling the heat Haa-Walovi“ trällert.
Das wäre vermutlich sogar den österreichischen Teamkickern zu blöd, die ja eigentlich für jeden schlechten Sponsoring-Scherz zu haben sind, aber wahrscheinlich verrechnet Herr Haaland für sein chinesisches Engagement ein bisschen mehr als den gängigen Hofer-Preis.
Selig ins Büro
Die erste Runde der Fußball-WM in Nordamerika ist überstanden, und sie hat sich als erstaunlich geringe Hürde erwiesen. Man kam auch als Zuseher sehr gut ins Turnier, die Spiele waren gefällig, teils sogar prickelnd, zumindest jene, die man sich bei einigermaßen vernünftigem Lebenswandel ansehen konnte. Aber auch die Sechs-Uhr-früh-Partien, insbesondere jene der österreichischen Nationalmannschaft gegen die Auswahl des Königreichs Jordanien, brachten schöne neue Erfahrungen mit sich, etwa das bislang unbekannte Fußballgefühl, nach einem euphorisch bejubelten Match nicht selig ins Bett, sondern ins Büro zu gehen und dort weiter an jenen Haltungsschäden zu arbeiten, deren furchtlose Überwindung der kapverdische Torhüter Josimar José Évora Dias, alias Vozinha, 40, im Match gegen Spanien so anschaulich vorgemacht hatte. Herrn Vozinhas biegsame Paraden vermittelten TV-Zusehern im besten Kreuzweh-Alter den Glauben an eine bewegliche Zukunft; ähnlich hoffnungsvoll stimmte uns sonst nur der ebenfalls in die Jahre gekommene belgische Mittelstürmer Romelu Lukaku im Match gegen Ägypten, als er durch seine schiere körperliche Präsenz im Strafraum die ägyptische Verteidigung geradezu zum Eigentor zwang. Selig sind die körperlich Starken!
Anders als die an Herrn Vozinha verzweifelnden Spanier bügelten die Deutschen die ihnen zugelosten „Insel-Kicker“ (wie ORF-Moderator Bernhard Stör die Auswahl von Curaçao beharrlich bezeichnete, sofern er nicht von „Karibik-Kickern“ sprach) sehr konsequent und fast ein bisschen gnadenlos nieder. Dafür trafen sich die deutschen Jungstars Felix Nmecha und Jonathan Tah im Anschluss ans 7:1 mit einigen Spielern von Curaçao am Mittelkreis zum gemeinsamen Gebet. Nmecha, der auch im Mannschaftsbus gern demonstrativ eine Bibel mitführt, erklärte der ARD hinterher: „Vom Ergebnis her ist es natürlich schön für uns, aber auch im Ganzen glauben wir alle, dass Jesus durch das Spiel verherrlicht wird. Deswegen sind wir zusammengekommen und haben zusammen gebetet.“
Religiöse Verehrung allenthalben: Auch der ÖFB hat sich dieser Tage mit seinem Trainergott Ralf Rangnick auf eine gemeinsame Zukunft geeinigt. Tunesien wiederum verabschiedete sich nur wenige Minuten nach dem 1:5 gegen Schweden von seinem Nationalcoach Sabri Lamouchi. Das mag Herrn Lamouchi im ersten Moment wie eine persönliche Katastrophe erscheinen, muss aber langfristig kein großes Malheur darstellen. Auch Herbert Prohaska hat seinen unehrenhaften Abschied als Teamchef anno 1999 (nach dem historischen 0:9 gegen Spanien in der damaligen EM-Quali) wohlbehalten überstanden und macht aktuell nicht nur als ORF-Kommentator gute Miene zu jedem Spiel, sondern auch als „Cheftrenner“ im roten Trainingsanzug Stimmung für die MA48. („Das Dreckige muss ins Runde.“)
Im laizistischen Frankreich ist die Trennung von Fußballgott und Staat derweil brüchig geworden. Einerseits besiegelte Kylian Mbappé seinen metaphysischen Status schon im ersten Match gegen Senegal mit zwei Toren (die er mit einer himmlischen Querflötengeste bejubelte); andererseits begab sich der Spieler in einem Interview mit der US-„Vanity Fair“ auch in die Niederungen der französischen Innenpolitik und diktierte dem Magazin ein paar sehr klare Worte an die Rechtspopulisten im eigenen Land: „Ich weiß, was es bedeutet und welche Konsequenzen es für mein Land haben kann, wenn Leute wie sie an die Macht kommen.“ Da hilft unter Umständen nicht einmal mehr beten.
Die Hand Gottes
V steht für Victory und ist als Handzeichen nicht annähernd so toxisch wie das gute alte OK-Zeichen, das von zeitgeistigen Neonazis für sich reklamiert (und von einem australischen Video-Referee bei der WM aus unklaren Gründen vor laufender Kamera demonstriert) wurde. V kommt neuerdings aber auch gehäuft in deutschen Nationalteamspielernamen vor, was den Trikot-Ausstatter der Mannschaft in eine mittlere Vervielfältigungskrise stürzte: „Aufgrund der hohen Nachfrage nach Beflockungen der Spieler Undav, Havertz und Pavlović kam es kurzfristig zu Engpässen bei der Verfügbarkeit des Buchstabens V“, bestätigte ein Adidas-Sprecher einen entsprechenden Bericht der „Bild“-Zeitung.
Bleibt die Frage, was die Hand Gottes bei diesem Turnier so treibt. Auf dem Platz hat sie anno 2026 jedenfalls nichts mehr verloren, der VAR würde solchen Schabernack auch gnadenlos vereiteln. Der Zauber der Fehlentscheidung, die Ungewissheit des Unwissens hat im modernen Fußball, dessen Gottseibeiuns Gianni Infantino heißt, definitiv keinen Platz mehr. Hier wird auf mindestens zwei Nachkommastellen genau gerechnet, wir sind ja nicht zum Spaß da. Und V steht natürlich für Verdienen.
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(profil.at)
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Sebastian Hofer
schreibt seit 2002 im profil über Gesellschaft und Popkultur. Ist seit 2020 Textchef und seit 2025 stellvertretender Chefredakteur dieses Magazins.