Friedrich Merz: Deutschlands Stehauf-Kanzler
Es gibt Politiker und Politikerinnen, die eine kometenhafte Karriere hinlegen und quasi über Nacht in höchste Ämter gelangen. Das war bei Donald Trump, dem schwerreichen Immobilienmogul, so. Aber auch bei Wolodymyr Selenskyj, der vor seinem Einzug ins Präsidialamt der Ukraine Komiker war.
Und dann gibt es Politiker wie Friedrich Merz, die lange Zeit wenig zu lachen hatten. Merz, knapp zwei Meter groß, hat in seiner Laufbahn immer wieder den Kürzeren gezogen. Lange sah es so aus, als wäre das sein Schicksal.
Bereits als Schüler trat er in den 1970er-Jahren in die christlich-konservative CDU ein. Jetzt, als siebenfacher Großvater, im Alter von 70 Jahren, ist er endlich dort, wo er immer hinwollte: im Berliner Kanzleramt. Merz’ Weg zur Macht verlief nicht sprunghaft, sondern überaus steinig.
Immer kam ihm etwas in die Quere. Im Jahr 2003 war es der Irakkrieg, der den angeschlagenen Sozialdemokraten in die Hände spielte. Sie stellten die Christdemokraten als Kriegstreiber dar, gewannen die Wahl knapp, und Merz wurde, anders als geplant, nicht Finanzminister.
Merz, knapp zwei Meter groß, hat in seiner Laufbahn immer wieder den Kürzeren gezogen. Lange sah es so aus, als wäre das sein Schicksal.
Noch größer waren aber die Steine, die Merz’ ewige Rivalin Angela Merkel ihm damals vor die Füße legte. Als Parteichefin ließ sie Merz entmachten, indem sie ihm den Fraktionsvorsitz entriss. Er stand fortan am Abstellgleis, tief gekränkt und überflügelt von einer Frau, die politisches Timing und Networking ganz offensichtlich besser beherrschte als er. Merz’ Vater, ein Richter, trat damals sogar aus Protest aus der CDU aus. Merz tat das nicht. Er wartete ab, wechselte in die Privatwirtschaft und verdiente als Aufsichtsrat von Banken und Investment-Gesellschaften viel Geld. Allein sein Privatjet, der in einem Hangar im Sauerland parkt, soll knapp eine Million Euro wert sein. So tief der politische Fall für Merz auch war, seine Laufbahn als Privatier war ein Höhenflug. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Schon wieder eine Panne
Merz ist schon so lange im politischen Geschäft, dass das deutsche Haus der Geschichte in Bonn bereits Archivgut zu seiner Person eingelagert hat. Zum Beispiel einen Bierdeckel, auf dem Merz vor über 20 Jahren die Skizze einer Steuerreform kritzelte. Die Initiative stand für sein Herzensthema – den Bürokratieabbau für Unternehmen –, aber sie floppte.
Insgesamt drei Mal hintereinander kandidierte Merz für den Parteivorsitz, bis es 2021 endlich klappte. Aber selbst als die Union im Februar 2025 die Bundestagswahl gewann und Merz mit den Sozialdemokraten eine Regierungsmehrheit zusammenhatte, wackelte sein Amt bis zur letzten Sekunde. Im ersten Wahlgang fehlten plötzlich sechs Stimmen. Schon wieder eine Panne – und was für eine! Noch nie war nach einer Bundestagswahl und erfolgreichen Koalitionsverhandlungen ein designierter Kanzler bei der Wahl im Bundestag gescheitert.
Ganz schön peinlich, könnte man sagen. Oder aber man dreht den Spieß um und kommt zu dem Schluss: Dieser Mann hat Durchhaltevermögen.
Insgesamt drei Mal hintereinander kandidierte Merz für den Parteivorsitz, bis es 2021 endlich klappte.
Genau das wird Friedrich Merz in seinem Amt auch brauchen. Denn die Herausforderungen sind gewaltig. Sein Vorgänger Olaf Scholz (SPD) hat nach dem Kriegsbeginn in der Ukraine mit viel Tamtam eine „Zeitenwende“ angekündigt, diese aber realpolitisch nie wahr gemacht. Merz, ein glühender Transatlantiker, muss jetzt einsehen, dass die USA kein loyaler Freund mehr sind, und er muss deshalb die Bundeswehr aufrüsten. Das wiederum wird der rechtsextremen AfD, die in Umfragen bereits die stärkste Partei ist, noch mehr Aufwind geben. Innenpolitisch muss Merz eine Brandmauer gegen die AfD bauen. Außenpolitisch, gemeinsam mit Frankreich und Großbritannien, einen Schutzschirm für die Ukraine. Er muss mit der Doktrin seiner Rivalin Angela Merkel brechen, in deren Schatten er lange stand; mit dem Irrglauben nämlich, dass man Wladimir Putin mit Dialog und Wirtschaftsdeals im Zaum halten könne.
Am Ende bleibt zu hoffen, dass der Nachwelt von Merz irgendwann mehr erhalten bleibt als ein archivierter Bierdeckel. Denn die Probleme, die die EU in seiner Amtszeit schultern muss, sind zu groß, als dass sie auf einen kleinen Pappdeckel passen.