„Es war barbarisch“: Heftige Kämpfe in der syrischen Stadt Aleppo
Es ist zwei Uhr Nachmittag am Montag den 5. Jänner, als Bahoz Afrin die ersten Bomben hört. „Wir konnten es zuerst nicht glauben. Unser Bezirk ist dicht besiedelt – hier leben viele Zivilisten“, erzählt Afrin, den profil per WhatsApp erreicht. Der kurdische Lehrer lebt im mehrheitlich kurdischen Stadtteil Achrafieh in Aleppo. Kurdische Milizen hatten vier Drohnen türkischer Bauart beschossen, die über dem Gebiet kreisten, danach eröffnete die islamistisch geführte Übergangsregierung Syriens wahllos das Feuer, beschreibt Afrin.
Es folgen tagelange Kämpfe. Bis zum Wochenende kontrollierte die Miliz der Asayîş (kurdisch für Sicherheitskräfte) die Viertel Scheich Maksud und Achrafieh. Es sind zwei kurdische Hochburgen in dem sonst von der Übergangsregierung von Präsident Ahmed al-Sharaa kontrollierten Aleppo. Die Asayîş-Miliz steht den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) nahe, ein Bündnis mächtiger Milizen, die den Nordosten des Landes kontrollieren und in denen die Kurden die tonangebende Macht sind. Die SDF wurden einst im Kampf gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“ von der EU politisch unterstützt und von den USA hochgerüstet.
Scheich Maksud und Achrafieh
In Scheich Maksud, dem größeren der zwei kurdischen Viertel, lebten laut Zahlen aus 2016 ungefähr 30.000 Menschen. Die Mehrheit davon, zwischen 60 und 80 Prozent, sind Kurden, aber auch Minderheiten, wie christliche Armenier und Assyrer, leben in dem Bezirk.
Mehr als hunderttausend Vertriebene
Aleppo wurde immer mehr zum Brennpunkt eines schwelenden Konflikts zwischen SDF und Damaskus.
Afrin versteckt sich bei einem Nachbarn im Erdgeschoss. Er hofft, hier sicherer zu sein als in seiner Wohnung im vierten Stock. Über Scheich Maksud steigt Rauch auf, Afrins Ohren dröhnen: „Wir konnten nicht auf die Straße gehen, es wäre zu gefährlich gewesen. Hunderte Raketen, Bomben überall. Es war ein barbarisches Töten.“ Zwei Tage harrt er bei dem Nachbarn aus.
Ich musste meine Familie da rausholen.
Kurde
Dann verstummen die Waffen. Die Übergangsregierung ruft am Mittwoch (7. Jänner) eine kurzlebige Waffenruhe aus. Afrin packt einen Koffer und marschiert Donnerstagfrüh mit seiner Familie zwei Kilometer durch zerbombte Straßen. „Ich musste meine Familie da rausholen“, sagt er.
Mit ihm fliehen rund 140.000 Menschen aus Scheich Maksud und Achrafieh. Doch viele blieben, sagt Afrin: „Es ist hart, bei dieser Kälte vertrieben zu werden.“ In Syrien hat es aktuell um die fünf Grad.
140.000 Menschen flohen aus Scheich Maksud und Achrafieh.
Syriens fragiler Frieden
Asayîş-Kämpfer lieferten sich tagelang mit Maschinengewehren und Raketenwerfern Straßenkämpfe mit Regierungstruppen. Dutzende Menschen starben, darunter laut dem Gesundheitsamt Aleppos 24 Zivilisten. Schlussendlich handelten die SDF und die Übergangsregierung einen Waffenstillstand aus: Asayîş-Milizionäre wurden in den Nordosten Syriens evakuiert, der von der SDF verwaltet wird. Ganz Aleppo steht nun unter Kontrolle der Übergangsregierung.
In Nordostsyrien kam es zu Protesten.
Der Konflikt in Aleppo droht die sowieso schon stockenden Verhandlungen zwischen SDF und Damaskus über eine Reintegration Nordostsyriens, bei denen die USA vermittelt, zu sprengen. Syriens Präsident al-Scharaa fordert die SDF, die über 70.000 Kämpfer verfügt, solle ihre Waffen abgeben. Die Befürchtung steht im Raum, Damaskus könnte versuchen das Verhandlungspatt militärisch zu lösen.
Der Kontakt zu jenen, die in Scheich Maksud und Achrafieh geblieben waren, sei abgerissen, sagt Afrin. Viele hätten Angst vor Repressalien, schreibt der kurdische Lehrer, und würden sich bedeckt halten. Er habe gehört, dass es in Achrafieh weder Strom noch Wasser gebe. „Ich weiß nicht, ob ich zurückkann“, sagt Afrin, der bei Verwandten in einem Vorort Aleppos Unterschlupf gefunden hat. „Meine Familie und ich haben Angst, festgenommen oder gar gefoltert zu werden.“