Ein Junge, umgeben von zerstörten Häusern, am 25. November 2025 im Norden des Gazastreifens.
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Österreicher, der in Gaza hilft: „Die Zerstörung ist schwer in Worte zu fassen“

Franz Luef, ein gebürtiger Steirer, ist gerade für die NGO „Ärzte ohne Grenzen“ in Gaza im Einsatz. Hier erzählt er, was vor Ort passiert.

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Porträt von Franz Luef im Einsatz in Gaza. Er trägt eine weiße Weste der NGO "Ärzte ohne Grenzen" und steht vor einem Gebäude.
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Zur Person

Franz Luef, geboren 1974 in der Steiermark, arbeitet seit 2003 in verschiedenen Funktionen für die NGO „Ärzte ohne Grenzen“, die medizinische Nothilfe in Krisen- und Kriegsgebieten leistet. Er ist seit Jahren regelmäßig als Einsatzleiter in akuten Krisen tätig und ist 2025 bereits zum dritten Mal für mehrere Wochen als Notfallkoordinator in Gaza. Das Interview mit profil führt er am 27. November über Video-Call von vor Ort. 

Herr Luef, Sie sind aktuell im Gazastreifen. Wo genau erreiche ich Sie?

Franz Luef

Ich sitze in meinem Büro in Khan Junis, der zweitgrößten Stadt im Gazastreifen. Ich bin in der ersten Novemberwoche angekommen, also vor rund drei Wochen. Für mich ist es der dritte Einsatz in Gaza in diesem Jahr. 

Nach Vermittlung des US-Präsidenten Donald Trump gilt seit dem 10. Oktober eine fragile Waffenruhe. Hält sie auch? 

Franz Luef

Natürlich hat sich die Situation seitdem deutlich verbessert. Aber es gibt weiterhin Drohnen und Luftanschläge der israelischen Armee. Vergangenen Samstag, am 19. November, kam es etwa 800 Meter von meinem Wohnhaus entfernt zu einem Luftangriff. Obwohl wir uns streng genommen in einer humanitären Zone befinden. Seit Beginn des Waffenstillstandes sind laut dem [Anm. von der Terrororganisation Hamas kontrollierten] Gesundheitsministerium 300 Menschen getötet sowie 800 weitere verletzt worden. Einige von ihnen werden in unserem Krankenhaus versorgt.

Der Gazastreifen ist nach zwei Jahren Krieg ein Trümmerfeld. Wo und wie leben die Menschen dort momentan? 

Franz Luef

Ein Großteil der Menschen, laut den Vereinten Nationen geschätzt 1,5 Millionen, leben weiterhin in Notunterkünften. Die Zerstörung ist schwer in Worte zu fassen. Ich war vor einer Woche im südlichen Teil von Gaza-Stadt. Ich habe den Stadtteil nicht mehr wieder erkannt. Im Gazastreifen sieht man eine systematische Zerstörung, die ich in dieser Form nur in wenigen Konflikten auf der Welt gesehen habe. Am ehesten kann man sie noch mit dem zerstörten Aleppo im syrischen Bürgerkrieg vergleichen

Im Gazastreifen sieht man eine systematische Zerstörung, die ich in dieser Form nur in wenigen Konflikten auf der Welt gesehen habe. Am ehesten kann man sie noch mit dem zerstörten Aleppo im syrischen Bürgerkrieg vergleichen

Das Bild zeigt die Zerstörung im Jabalia Flüchtlingslager im Norden des Gaza Streifens
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Treffen Sie auf Menschen, die dennoch zurück in ihre Häuser wollen?

Franz Luef

Ja, viele wollen zurück auf ihr Grundstück. Vorausgesetzt natürlich, dass sie es überhaupt noch finden. Derzeit haben wir mit starken Regenfällen zu kämpfen. Straßen haben sich in Schlammpisten verwandelt, in denen Autos stecken bleiben. Auch unsere Gesundheitszentren und die Zelte, die wir als Erweiterung unserer Kinderstation des Nasser Krankenhauses nutzen, waren überflutet. In den Notunterkünften, in denen der Großteil der Bevölkerung lebt, fehlt es an wasserdichten Zelten und generell an Hilfsgütern, um die Unterkünfte winterfest zu machen. Ich habe Menschen gesehen, die versuchen, das Wasser aus ihren überfluteten Zelten zu schöpfen. Nach zwei Jahren Krieg und dem ständigen Kampf ums Überleben sind die Menschen erschöpft. Alle wissen: Der Winter kommt! Und viele verstehen nicht, warum trotz Waffenstillstand nicht genug Hilfe vor Ort ankommt. 

Haben die Menschen genug zu essen?

Franz Luef

Es gibt Verbesserungen, aber Unterernährung bleibt weiter ein Problem. Allein meine Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ behandelt in der von uns unterstützten Kinderstation des Nasser Krankenhauses in Chan Junis und unserer Station für akut unterernährte Kindern in Al Qarara knapp 20 unternährte Kinder. In den ersten Wochen nach dem Waffenstillstand kam nur wenig Hilfe an. Mittlerweile hat es sich eingependelt. Derzeit liegt die Quote bei 4.200 LKW-Lieferungen pro Woche, die über drei Grenzübergänge geliefert werden, vor allem aus dem Süden kommend. Das Problem: Mehr als ein Drittel der Lieferungen sind kommerzielle Waren, die zu überhöhten Preisen auf den Märkten verkauft werden. Niemand kann sich diese Preise leisten. 

Was sind das für Güter?

Franz Luef

Es ist absurd: Ich habe auf den Märkten schon E-Bikes oder Schokolade der Marke „Kinder“ gesehen. Aber auch Gasflaschen, die furchtbar teuer sind. Ein Großteil der Menschen versucht in den Ruinen der zerstörten Häuser Brennholz zu sammeln und ein offenes Feuer zu entfachen. Die Gasflaschen sind kaum erschwinglich. Solche kommerziellen Güter gelangen dennoch in den Gazastreifen, und das Schlimme ist: Ihnen wird an den Grenzübergängen sogar Vorrang gegeben. Währenddessen reicht das Trinkwasser nicht aus, und wichtige Hilfslieferungen für unsere Krankenhäuser kommen nicht an. 

Ein gelber Volkswagen-Bus bleibt auf einer überfluteten Straße in Gaza-Stadt stecken.
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Es wäre unverzeihlich, wenn es nicht gelingt, die Notunterkünfte winterfest zu machen.

Was genau fehlt ?

Franz Luef

Vor allem Wasserfilter, Materialen für die Wartung der Generatoren sowie medizinisches Equipment. Solche Güter zu bekommen, ist derzeit genauso schwierig, wie vor dem Waffenstillstand. Teilweise werden die Lieferungen von den israelischen Behörden völlig willkürlich abgelehnt. Letzte Woche hätten wir zwei Wasseraufbereitungsanlagen abholen sollen. Alles war organisiert und dann, in letzter Sekunde, hieß es, dass es doch nicht möglich ist.

Besteht die Befürchtung, dass solche Dinge an die Terrororganisation Hamas fallen könnten?

Franz Luef

Welche Gefahr stellen ein Ölfilter oder eine Autobatterie für Israel dar? Für uns bedeutet es, dass die Generatoren, die wir in den Krankenhäusern brauchen, ausfallen und es beispielsweise auf einer Neugeborenenstation keinen Strom gibt. Filter wiederum brauchen wir für die Aufbereitung des Wassers. 

Wie viel Hoffnung setzen die Menschen vor Ort in den Friedensplan von US-Präsident Donald Trump?

Franz Luef

Ich spreche regelmäßig mit unseren lokalen Mitarbeitern. Und diese zeigen sich wenig optimistisch. Im Januar, als es schon einmal eine Waffenruhe gab, war das anders. Weil damals das Abkommen gebrochen wurde, sind jetzt viele skeptisch. Aber natürlich hoffen sie, dass es zum Übergang in eine zweite Phase kommt. 

Provisorische Zelte in einem Flüchtlingscamp in Zentral-Gaza.
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Phase Zwei setzt voraus, dass die Hamas völlig entwaffnet wird. Halten Sie das für realistisch?

Franz Luef

Generell befürworten wir einen Waffenstillstand. Das kollektive Bestrafen einer gesamten Bevölkerung muss aufhören. Aber wie der Plan umgesetzt wird, müssen wir sehen. Ich bin zum vierten Mal hier und schon so oft eines Besseren belehrt worden. Trumps Friedensplan muss sich noch in der Praxis konkretisieren. 

Was ist derzeit ihre größte Sorge?

Franz Luef

Der herannahende Winter. Die in Gaza verwendeten Zelte verlieren nach einem Jahr ihren Schutz gegen Regen und Wind. Sie müssen mit Plastikplanen abgedeckt werden, um funktionstüchtig zu sein. Die Not ist nach wie vor sehr groß. Das kalte Wetter und die mangelhaften hygienischen Bedingungen und erhöhen das Risiko von Atemwegsinfekten und durch Wasser übertragbare Erkrankungen, die besonders für Kinder unter fünf Jahren und ältere Menschen tödlich sein können. Die internationale Gemeinschaft weiß, was auf sie zukommt. Es wäre unverzeihlich, wenn es nicht gelingt, die Notunterkünfte winterfest zu machen. 

Franziska Tschinderle

Franziska Tschinderle

schreibt seit 2021 im Außenpolitik-Ressort. Studium Zeitgeschichte und Journalismus in Wien. Schwerpunkt Südosteuropa / Balkan.