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Ausland
03/07/2022

Russland-Kenner Ivan Krastev: "Putin steht mit dem Rücken an der Wand"

Der Russland-Kenner Ivan Krastev hat Wladimir Putin bei einem Abendessen 2014 kennengelernt. Er spricht über die Veränderungen im Weltbild und die geistige Verfassung des russischen Präsidenten.

von Tessa Szyszkowitz, Robert Treichler

profil: Hat sich Wladimir Putin in der Isolation während der Pandemie verändert?
Krastev: Ich glaube, er dreht durch. Aber Putin selbst denkt, die Welt ist verrückt geworden. Der russische Präsident ist 69 und merklich gealtert. Er hat den Eindruck, der Westen spinnt, weil da über Schwulenehe und Ähnliches diskutiert wird. Putin soll während der Covid-Pandemie sehr isoliert gewesen sein.
 
profil: Dachte er wirklich, dass die Ukrainer von einer Nazi-Regierung befreit werden müssen, obwohl der ukrainische Präsident selbst Jude ist?
Krastev: Ja, Putin sieht in Kiew eine Gruppe von nationalistischen Nazis am Werk. Außerdem traut der russische Präsident seinen eigenen möglichen Nachfolgern nicht. Er denkt: Wenn ich das alles nicht jetzt in Ordnung bringe, dann ist es vielleicht zu spät.
profil: Wer könnte ihm denn nachfolgen?
Krastev: Es wäre Science-Fiction, wenn ich darüber spekulieren würde. Putin selbst hat keinen Nachfolger in Stellung gebracht, weil er sich damit zu einer lahmen Ente machen würde. Er hat nicht vor, in Pension zu gehen. Es wird nie ein normales Leben für ihn geben. Sein Palast am Schwarzen Meer, den seine Freunde für ihn gebaut haben, hat alles, was er braucht. Einen Nachtclub zum Beispiel - er kann ja nie in einen echten Nachtclub gehen. Ich habe von mehreren Seiten gehört, dass sich Putin, als Gaddafi in Libyen getötet wurde, stundenlang die Aufnahmen angesehen hat, wie der tote Diktator durch die Stadt geschleift wurde. Daran muss ich jetzt immer denken. Putin steht mit dem Rücken an der Wand.
 
profil: Das macht ihn noch gefährlicher.
Krastev: Dazu kommt, dass er fürchtet, gedemütigt zu werden. Er war der Vertreter einer Supermacht, und dann war es vorbei. Die jungen Russen sehen das nicht mehr so. Er aber will Rache. Es ist keine große Strategie dahinter. Warum hat er den Fernsehturm in Kiew angegriffen? Weil die Amerikaner 1999 in Belgrad den Fernsehturm bombardiert haben. Viele beschrieben Putin als jemanden, der sehr kalkuliert agiert und Spiele spielt. Aber ich höre aus seinem Umfeld - und heutzutage hört man sehr wenig -, dass er privat das Gleiche sagt wie öffentlich. Wir sollten ihn beim Wort nehmen. 
 
profil: War es früher anders, hat er sich verstellt, als er sagte, Russland sei ein Teil Europas?
Krastev: Wenn wir Putin verstehen wollen, müssen wir in die Zeit vor seiner Präsidentschaft gehen. Er war nicht in der Sowjetunion, als sie zusammenbrach. Er war in Ostdeutschland. Es ist schwierig, nicht in der Heimat zu sein, wenn diese durch einen revolutionären Moment geht. Er hat es nicht erlebt, und er kann nicht verstehen, warum die berühmten Geheimdienste nicht eingegriffen haben. Und warum die zweitgrößte Supermacht mit all ihren Nuklearwaffen nichts unternommen hat.
 
profil: Dieses Trauma bricht jetzt auf? Er hat sogar den Einsatz von Atomwaffen ins Spiel gebracht.
Krastev: Genau. Nicht, dass er die Welt damit zerstören wird. Aber er könnte taktische Atomwaffen in die Luft schießen oder im schlimmsten Fall in der Ukraine einsetzen. Es müssen auch nicht Atomwaffen sein, er verfügt auch über Vakuum-Bomben und Thermowaffen. Die Flammenwerfer mit thermobarischen Sprengköpfen legen alles im Umkreis von 300 Metern in Asche. Er will zeigen, dass nichts ausgeschlossen ist.
 
profil: Gerade mit Wien und Berlin verbindet ihn doch aber eigentlich auch eine gewisse Nähe, empfindet er sich als unser Feind?
Krastev: Am Anfang war er ein Sowjetmensch. Dann hat er versucht, sich als postsowjetischer Mensch zurechtzufinden. Er war fasziniert von Deutschland, er wollte verstehen, wie Deutschland funktioniert. Die moderne Welt hat ihn interessiert. Er wollte seine Reputation darauf aufbauen, dass er Russlands Platz im Westen definierte. Russland hat zum Beispiel als eines der ersten Länder nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 den USA zugesagt, dass es den Krieg gegen den Terror mitkämpfen würde.
profil: Warum hat er sich dann von diesen westlichen Allianzen abgewendet?
Krastev: Der Wendepunkt kam mit den Farb-Revolutionen 2003 in Georgien und 2004 in der Ukraine. Er hatte Angst, dass es in Russland auch Rufe nach einem Regimewechsel geben würde. Er begann, nationalistische Bewegungen wie "Naschi" in Russland zu fördern. Dann, 2007, sprach er vor der Münchner Sicherheitskonferenz
 
profil: Er sagte damals, dass die NATO-Erweiterung nach Osteuropa ein "provozierender Faktor" sei…
Krastev: Und dann führte er 2008 Krieg gegen Georgien. Heute hat er sich ganz von seiner sowjetischen Vergangenheit gelöst. Seine Rede zur Anerkennung der russischen Separatistenrepubliken in der Ukraine war ganz klar antisowjetisch. Es klang für mich wie das berühmte Memorandum der Serbischen Akademie der Wissenschaften 1986, mit der ein Krieg am Balkan intellektuell vorbereitet wurde.
 
profil: Der Titoismus, der jugoslawische Kommunismus, wurde als "antiserbische Doktrin" bezeichnet.
Krastev: Die Serben - die Mehrheitsnation in Jugoslawien-befanden plötzlich, dass sie das größte Opfer des Kommunismus waren. Putin macht jetzt etwas Ähnliches. 2017 hat die russische Regierung noch keine offizielle Position zur russischen Revolution 1917 eingenommen. Die kommunistische Periode war Teil der Geschichte. Dann bewegte Putin sich von der roten zur weißen Position in dieser Frage. Das bedeutet: Er glaubt heute, dass die Bolschewisten mit der Gründung der Sowjetunion das historische Russland zerstörten.
 
profil: Es geht ihm also in diesem Krieg nicht um die Wiedererrichtung der Sowjetunion, sondern um die Rückkehr des alten Russlands?
Krastev: Putin hat es in seinem historischen Essay von vergangenem Juli selbst so aufgeschrieben. Es ist zwar nicht gerade die Arbeit eines Historikers, er schreibt auf dem Niveau eines Studenten, aber immerhin: Voller Leidenschaft bekannte er, dass er selbst all diese Arbeit gemacht hatte. Er schreibt über eine Mauer, die seiner Meinung nach zwischen Ukraine und Russland errichtet worden sei und dass diese Mauer zerstört werden sollte - ganz so, als würde er über die Berliner Mauer sprechen. 1989, als diese fiel, war Putin in der DDR. Das war sein traumatischer Moment. Er kommt jetzt darauf bei der Ukraine zurück, auch wenn es dort keine Mauer gibt. Seine Idee dreht sich um ein historisches Russland. Das heißt nicht, dass er die Ukraine annektieren will, sie kann unabhängig sein. Ukraine und Belarus aber sollen mit Russland die große russische Zivilisation bilden.
profil: Dann ist er nicht verrückt geworden, er hat nur seine Haltung von postsowjetisch auf altrussisch verschoben?
Krastev: Bei ihm gibt es jetzt ein messianisches Element, das er früher nicht hatte.
 
profil: Immerhin, seine Wandlung vom postsowjetischen Politiker zum russischen Messias könnte bedeuten, dass Polen und die baltischen Republiken vor ihm sicher sind. Denn das alte Rus war nicht so groß wie die sowjetische Einflusszone.
Krastev: Stimmt. Aber der Messianismus birgt andere Gefahren. Ich dachte bisher immer, es gibt Dinge, die wird er nicht tun, weil die Risiken und Kosten zu hoch wären. Diese Hoffnung habe ich seit seinem Überfall auf die Ukraine aufgegeben.
 
profil: Sie haben Putin vor etwa zehn Jahren persönlich kennengelernt.
Krastev: Das war 2014, als ich in kleinem Kreis zu einem Abendessen geladen war. Seither hat Putin sich verändert. Damals war er ein normaler Politiker. Heute sieht er sich als Mann der Geschichte. Deshalb hat er 2014 die Annexion der Krim durchgeführt, das hat auch bei seiner Bevölkerung noch funktioniert. Die Antwort der Russen auf die "Rückholung" der Krim war generell positiv. Es ging um das historische Recht Russlands auf die Krim. Putin spürte seine Mission. Aber bei der Ukraine hat er sich verschätzt.
 
profil: Putin hat die Ukrainer unterschätzt, die nicht unter seine russische Knute wollen. Er hat die Reaktion des Westens unterschätzt. Und er hat seine eigene Bevölkerung falsch eingeschätzt.
Krastev: Das unabhängige Radio Echo Moskau, der letzte kritische Fernsehkanal Doschd - er hat alles zugesperrt, um auch die letzten kritischen Medien mundtot zu machen. Trotzdem gehen die Leute gegen diesen Krieg auf die Straße. Und was die Reaktion des Westens betrifft: Beim Iran hat es zwei Jahre gedauert, bis die Sanktionen so verschärft wurden, wie jetzt gegenüber Russland in vier Tagen.
 
profil: Warum ging es so schnell?
Krastev: US-Präsident Joe Biden hatte eine klare Position von Anfang an: eine militärische Intervention der NATO war ausgeschlossen, aber die wirtschaftlichen Sanktionen sollten eine klare Sprache sprechen. Das war auch wichtig, um China zu zeigen, dass Grenzverschiebungen zum Beispiel in Taiwan nicht einfach hingenommen werden. Dann haben die Amerikaner Geheimdienstmaterial geleakt über Putins Aufmarschpläne, und damit hat der russische Präsident den Überraschungseffekt verloren. Putin ist Geheimdienstoffizier und kein General. Er braucht die Überraschung als Element seiner Strategie. Das war in Georgien und mit der Krim so. Deshalb ging die "Sonderoperation" in der Ukraine schief.
 
profil: Die Europäer aber waren die eigentliche Überraschung, auch Deutsche und Österreicher reagierten viel heftiger als erwartet.
Krastev: Der ukrainische Widerstand hat alles verändert. Europa lebt in einem Post-Kriegszustand, es geht nicht mehr ums nackte Überleben. Und plötzlich sagen die Ukrainer, dass sie bereit sind, ihr Leben für ihr Land zu opfern. Obwohl sie wissen, dass sie diesen Krieg nicht gewinnen können. Das hat die Europäer bewegt. Putins Krieg hat es geschafft, innerhalb von einer Woche die schwedische Neutralität und deutschen Pazifismus zu zerstören.
 
profil: Wie werden wir nach diesem Krieg mit Putin umgehen?
Krastev: Der finnisch-sowjetische Krieg 1939 bis 1940 ist wahrscheinlich ein gutes Beispiel: Nehmen wir an, Putin besetzt Kiew nicht, fordert aber die Neutralität der Ukraine, und die Ukraine muss die Annexion der Krim und des Donbass durch Russland anerkennen. Das alles muss Selenskyj akzeptieren. Das ist wichtig, denn nur Selenskyj kann es jetzt legitimieren. Dass Selenskyj bleibt, ist wieder der Preis, den Putin zahlen muss. Selenskyj könnte zwar eventuell die Neutralität akzeptieren. Aber wird er seine Zustimmung geben, dass die Gebiete abgetreten werden? Das wird nicht leicht. Aber es ist ein denkbares Szenario.

Ivan Krăstev, 57, ist ein bulgarischer Politikwissenschafter, der in Wien am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) forscht. Er ist auch Vorsitzender des Centre for Liberal Strategies in Sofia und berät europäische Regierungen und Thinktanks. In der "New York Times" schreibt er eine regelmäßige Kolumne. Seine zuletzt erschienen Bücher sind "Europadämmerung" (2017), "Das Licht, das erlosch" (2019) und "Ist heute schon morgen? Wie die Pandemie unser Leben veränderte"(2020).