Schüsse im Ärmelkanal: „Jeden Tag“ russische Angriffe
Als „surreal“ und „komplett unnötig“ beschreiben Jane und Alan Kelvey die unangenehme Begegnung mit einem russischen Kampfschiff im Ärmelkanal. Das britische Ehepaar war am Dienstagvormittag mit einer kleinen Crew auf seiner Segeljacht „Bright Future“ rund 23 Seemeilen südlich der Isle of Wight bei dichtem Nebel unterwegs, da tauchte das russische Kriegsschiff „Admiral Grigorovich“ auf. Die Fregatte habe vorerst fünf Signaltöne abgegeben, erzählten die Pensionisten der BBC. Daraufhin habe die „Bright Future“ ihren Kurs um zwei Grad gedreht, doch wenige Minuten später ertönte das Warnsignal der Russen erneut. Kurz darauf seien mit einem kleinen Kaliber vier oder fünf Schüsse in die Luft abgegeben worden.
Die Aussagen der Kelveys widersprechen der Darstellung des russischen Verteidigungsministeriums, wonach die Segeljacht auf Kollisionskurs mit dem Kriegsschiff gewesen wäre. Laut dem Ehepaar betrug der Abstand mindestens 450 Meter.
Moskaus provokante Aktionen
Die „Admiral Grigorovich“ war offenbar vor Ort, um Schiffe der russischen Schattenflotte durch den Ärmelkanal zu eskortieren. Mit dieser versucht Russland, Sanktionen westlicher Unterstützer der Ukraine zu umgehen und weiterhin Öl über die Weltmeere zu verschiffen.
Trotz bester Bemühungen Putins, sich den Sanktionen zu entziehen, werden wir ihm das nicht durchgehen lassen.
Die Warnschüsse sind bereits der zweite Vorfall auf dem Meeresarm zwischen Großbritannien und dem europäischen Festland innerhalb weniger Tage. Am Sonntag stoppte das britische Militär einen russischen Öltanker, der zur Schattenflotte Moskaus gehörte. „Trotz bester Bemühungen Putins, sich den Sanktionen zu entziehen, werden wir ihm das nicht durchgehen lassen“, schrieb der britische Premier Keir Starmer auf X, darunter ein Video von britischen Spezialeinheiten, die das russische Schiff stürmen.
Die Warnschüsse in Richtung der Segeljacht bezeichnete Starmer als „besorgniserregend und leichtsinnig“. Großbritannien habe „jeden Tag“ mit russischen Angriffen zu kämpfen, so der britische Premier.
Moskau startet immer wieder provokante Manöver in Europa. Russische Kampfjets fliegen knapp an NATO-Jets vorbei oder dringen in den Luftraum von NATO-Ländern ein, Moskaus Agenten greifen die kritische Infrastruktur an, Hacker setzen ganze Systeme mit Cyberangriffen lahm. Erst diese Woche wurde bekannt, dass Russland auch hinter dem Brandanschlag auf Starmers Haus vor einem Jahr in London steckt.
Provokationen mit Schiffen waren bisher aber relativ selten.
Neue Hoffnung auf Ende des Ukraine-Krieges
Moskau geht es darum, die Reaktionen des Westens zu testen und Europas Gesellschaften zu verunsichern. Das Kalkül ist, dass die Unterstützung für die Ukraine abnimmt und sich die Bevölkerung Parteien zuwendet, die gute Beziehungen zu Moskau anstreben.
Die Strategie scheint nicht ganz aufzugehen. Auf dem G7-Gipfel im französischen Evian beschlossen die Staats- und Regierungschefs weitere Sanktionen gegen Russland. US-Präsident Donald Trump will die ausgesetzten Sanktionen gegen russische Ölimporte wieder in Kraft setzen, den russischen Präsidenten Wladimir Putin forderte er auf, Verhandlungen über ein Ende des Krieges aufzunehmen.
An der Front kommen Putins Truppen schon lange kaum mehr voran. Die Ukraine hat ihre Drohnenangriffe auf russische Stellungen und Logistik hochgefahren und sorgt für schwere Verluste unter Moskaus Truppen. Mit vergleichsweise günstigen, weitreichenden Drohnen kann Kyjiw russisches Territorium angreifen, den Nachschub abschneiden und wichtige Ölanlagen zerstören.
Verliert Russland gerade den Krieg?
Im Moment sieht es schlecht aus für Moskau, doch noch ist nichts entschieden. China steht weiterhin hinter Russland, und Peking hat klar gemacht, dass es nicht will, dass Putin den Krieg verliert.
Nach dem G7-Gipfel zeigten sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz und der britische Premier Keir Starmer optimistisch, dass neue Bewegung in die Bemühungen um ein Ende des Ukraine-Krieges kommt. „Das Blatt wendet sich für die Ukraine“, sagte auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Die Lage sei deutlich anders als noch vor einem Jahr.