Links sieht man das Abtreibungslokal von außen, rechts ein Foto von der Managerin von "Abotak", Emilia Niemiec
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Säureattacken und pinke Herzlampen: Polens erste Abtreibungsklinik

Gegenüber vom polnischen Parlament befindet sich die einzige Abtreibungsordination des Landes. Ihre Mitarbeiterinnen werden regelmäßig Opfer von Angriffen, trotzdem denken sie nicht ans Aufgeben. Portrait einer furchtlosen Institution.

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In Warschau liegt die Temperatur im zweistelligen Minusbereich. Man spricht von einem „Ausnahmewinter“. Das fällt auch Emilia Niemec auf, sie ist die Managerin der ersten polnischen Abtreibungsordination „Abotak“. Sie merkt den harten Winter daran, dass die Abtreibungsgegner, die den Eingang zu ihrer Praxis versperren, kürzer ausharren als sonst. Am 8. März 2025, dem feministischen Kampftag, wurde „Abotak“ eröffnet. Die Lage der Ordinationsräume wirkt wie ein Statement: In der Wiejska-Straße 9 findet man „Abotak“, gegenüber befindet sich der Sejm, das polnische Parlament. Bevor die Praxis eröffnet wurde, befand sich hier ein Spirituosengeschäft: „Der Makler fragte uns davor mehrmals: ‚Mädels, wollt ihr nicht vielleicht doch das Spirituosengeschäft weiterführen, anstatt eine Abtreibungsordination zu eröffnen?‘“, erzählt Niemec lachend im Gespräch mit profil. 

Ihr Engagement für das Thema begann im Jahr 2016, als die ersten landesweiten Streiks gegen die restriktive Abtreibungspolitik der damals noch konservativen Regierung stattfanden. Zuerst ehrenamtlich, mittlerweile ist „Abotak“ ihr Vollzeitjob. 

„Abotak“– der Name setzt sich aus den Wörtern „Aborcja“, also „Abtreibung“ und „tak“ also „ja“ zusammen – ist die erste und einzige Abtreibungsordination Polens. Der Klinik sind rechtlich enge Grenzen gesetzt, sie reizt die legalen Möglichkeiten maximal aus, um Frauen zu helfen: denn Polen ist das Land mit einem der restriktivsten Abtreibungsgesetze Europas. Schwangeschaftsabbrüche sind nur dann erlaubt, wenn entweder das Leben der Frau in Gefahr ist, oder die Schwangerschaft das Ergebnis einer Straftat ist, etwa Vergewaltigung oder Inzest. Das Gesetz brechen allerdings nicht die Schwangeren selbst, sondern Personen, die den Abbruch für sie ausführen – also beispielsweise Ärztinnen und Ärzte. Um im Rahmen der restriktiven Regelung zu bleiben, verkaufen die Mitarbeiterinnen von „Abotak“ die Abtreibungspillen nicht selbst, es gibt anonyme Online-Shops, wo Frauen ihre Medikamente bestellen können. In der „Abotak“-Ordination wird man beraten und während der Einnahme der Pillen begleitet.  Operative Abbrüche darf das Team der Klinik nicht durchführen – dafür vermitteln sie Frauen ins EU-Ausland. Ein weiterer Service von „Abotak“.

Merchstand im Geschäft
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Im Eingangsbereich des Geschäfts
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Hier sitzen Betroffene während der Beratungsgespräche
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Messages auf der Toilettentüre
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Rosa, Plüsch und Schokolade

Dass „Abotak“ ein Ort zum Abbrechen einer Schwangerschaft ist, lässt sich beim Betreten nur erahnen. Direkt beim Eingang fällt einem die Reflexion des Regenbogens, mit dem die Glasfront beklebt ist, auf. Daneben befindet sich eine Kleiderstange mit dem „Abotak“-Merch - Pullis, Socken, Unterhosen oder Stoffsackerl, auf denen freche Sprüche wie „Fuck for Fun“ stehen, Plakate und ästhetische Fotos von Frauen in Unterwäsche, Sticker, Häferl. Mit den Einnahmen und mit Spenden finanzieren die Mitarbeiterinnen ihre Arbeit – und können Frauen in Not bei Abtreibungsreisen ins Ausland unterstützen.

Hinter einem Vorhang befindet sich das Zentrum der Ordination: Ein kleiner Raum, in dem Beratungsgespräche und die medikamentöse Einnahme der Abtreibungspillen stattfinden. Es ist ein etwa acht Quadratmeter großes Zimmer mit Fenster zum Innenhof, der gerade verschneit ist. Es hängen mehrere rosa Herzlampen an der Wand, daneben Poster und Fotos mit politischen Messages: „Abortion access is a community responsibility.“ (Deutsch: Der Zugang zu Abtreibungen ist eine gemeinschaftliche Verantwortung). Zwei bequeme, rosa Sessel befinden sich im Zimmer. Auf dem Beistelltisch stehen Taschentücher und Süßigkeiten: „Wir wollen, dass sich hier alle wohlfühlen“, so Niemiec. Der Raum ist mit einer Toilette verbunden, auf die die Frauen gehen, wenn nach der Einnahme der Abtreibungstabletten die Blutungen einsetzen. Auf der Toilettentüre finden sich Unterschriften von Frauen, die hier bereits abgetrieben haben – sie lässt erahnen, wie international das Klientel ist. Messages auf unterschiedlichen Sprachen. Sogar eine auf koreanisch. Die Geschichte dahinter: Es war eine junge Koreanerin, die alleine durch Europa gereist ist. In Polen angekommen, bemerkte sie, dass ihre Periode ausfiel und besuchte „Abotak“. Gemeinsam mit den Frauen führte sie eine medikamentöse Abtreibung durch. Sie ist eine von etwas mehr als zwanzig Frauen, die das Angebot bisher in Anspruch genommen haben. Wie viele Personen in Polen tatsächlich abtreiben, wird nicht exakt erfasst. Schätzungen zufolge bricht jede dritte Polin im Laufe ihres Lebens eine Schwangerschaft ab. Laut der internationalen Initiative „Women Help Women“, die anonym Abtreibungstabletten verschickt, werden jährlich fast 20.000 Pakete nach Polen gesendet.

It’s a boyborted!

Für viele Frauen, die ungewollt schwanger sind, kostet es viel Kraft und Überwindung, sich für eine Abtreibung zu entscheiden. Das von Rechten und Konservativen verbreitete Stigma, Schwangere würden diese Entscheidung leichtfertig treffen, stimmt nicht: „Die meisten Personen, die zu uns kommen, erzählen uns, sie hätten verhütet. Sie haben Tränen in den Augen und werfen sich selbst vor, dass eine ungewollte Schwangerschaft trotz Pille, trotz Spirale, trotz Kondom passiert ist. Viele von ihnen sind Mütter, die nicht damit gerechnet haben, kurz nach der Geburt wieder schwanger werden zu können“, so Niemiec.

Abtreibungsgegner blockieren den Eingang von der Klinik
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Sicherheitskameras vor dem Abotak-Geschäft zeigen, wie Abtreibungsgegner den Eingang versperren

Dennoch gelingt es der Managerin und ihren Kolleginnen, eine gute Atmosphäre zu bewahren. „Abtreibungen können auch was Schönes sein“, finden die Mitarbeiterinnen von „Abotak“. profil erzählen sie von Abbrüchen, die ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind. Freundinnen, die gemeinsam zu den Terminen gekommen sind, Händchen gehalten haben. Partnern, die sich vor dem Abbruch besonders gut informieren. Ein junger Mann nahm seiner Freundin einen Luftballon mit, auf dem zunächst „It’s a boy“ stand – das Wort „boy“ war durchgestrichen und durch „borted“ ersetzt, sodass dann darauf „It’s aborted“ zu lesen war (Deutsch: Es wurde abgetrieben). 

Das Team versucht in der Ordination das vergessen zu machen, was draußen vor sich geht. Die rechte „Pro-Life“-Gruppe versammelt sich regelmäßig vor der „Abotak“-Ordination, um zu stören. Sie spielen KI-generierte Lieder auf Lautsprechern ab, halten Besucherinnen auf, schreien „Ihr tötet Kinder“ durch Megaphone. „Ich habe einmal den Lärm mit einer Handyapp eingefangen. Mir wurden 135 Dezibel angezeigt. Das ist schon gesundheitsschädigend“, so Niemiec, deren Familienname wörtlich übersetzt „Deutsche“ bedeutet. Sie wird von den Protestierenden deshalb regelmäßig als „Nazi“ und „Hitler-Fan“ beschimpft. Viermal wurden sie und ihre Kolleginnen außerdem mit Buttersäure und roter Farbe attackiert. Zwar befindet sich die Polizei auch aufgrund der Nähe zum Parlament fast rund um die Uhr in der Wiejska-Straße, laut Niemec würden Beamte allerdings nur selten eingreifen. „Man muss mit der Zeit lernen, sich selbst zu schützen. Wir haben Pfefferspray bekommen und andere Instrumente zur Selbstverteidigung. Ich habe meinen Heimweg mittlerweile ändern müssen, ich betrete Straßen nicht mehr, wenn sie nachts nicht ausreichend beleuchtet sind.“ 

Emilia Niemiec, Managerin von Abotak
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„Mir war die rechte Regierung sogar lieber. Da wusstest du nämlich von Anfang an, wo du bei ihnen stehst.“

Emilia Niemiec und das „Abotak“-Team sind enttäuscht von den leeren Versprechen der aktuellen Mitte-Links-Regierung.

Die große Enttäuschung

Dass sie auf sich alleine gestellt sind, werfen Niemiec und ihre Kolleginnen auch der amtierenden Regierung vor. 2023 wurde nach zehn Jahren rechtskonservativer PiS-Regierung wieder eine Mitte-links-Regierung ins Parlament gewählt. 2021 war das ohnehin strenge Abtreibungsgesetz in Polen weiter verschärft worden.

Das Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen bei schweren Fehlbildungen des Fötus löste landes- und weltweite Proteste aus. Politiker der Mitte- und Linksparteien versprachen den Polinnen und Polen, dieses Gesetz rückgängig zu machen. Das ist bisher nicht passiert. Einerseits, weil weiterhin ein PiS-naher Präsident regiert, der sein Veto für eine Gesetzesänderung einlegen würde. Andererseits konnte man innerhalb der Regierung keine Mehrheit für diesen Beschluss finden. „Wir sind am meisten von den linken Politikerinnen und Politikern enttäuscht. Sie haben uns vieles versprochen, aber nichts davon eingehalten“, so Niemiec: „Mir war die rechte Regierung sogar lieber. Da wusstest du nämlich von Anfang an, wo du bei ihnen stehst.“ Auch die Spendeneinnahmen für Abtreibungshilfsangebote sind seit der neuen Regierung gesunken: „Das Thema ist jetzt einfach nicht mehr so präsent, weil man mit unserer Ordination und unseren Angeboten eine Lösung gefunden hat und weil es international keine Aufregung über offen misogyne Regierungsmitglieder gibt.“

2027 wird in Polen ein neues Parlament gewählt. Dass die Regierung das Abtreibungsgesetz bis dahin lockert, ist unwahrscheinlich. Prognosen zufolge könnten die rechtsnationale PiS-Partei und die rechtsextreme Konfederacja-Partei die nächsten Wahlen gewinnen. Ob ihnen eine rechte Koalition gelingt, ist allerdings fraglich. Was befürchtet man in den kommenden Jahren bei „Abotak“? „Wir gehen im schlimmsten Fall davon aus, dass wir unser Lokal schließen müssen und dass man das Gesetz weiter verschärft“, so Niemiec: „Aber wir geben nie auf. Wir haben mittlerweile einen eigenen Bus, mit dem wir durch Polen fahren und können unsere Arbeit dort verrichten.“

Um weiterarbeiten zu können, braucht es Geld. „Wir haben immer weniger Mittel. Wir bitten etwa unsere Patientinnen bei Abtreibungen im Ausland immer häufiger, für zumindest einen Teil der finanziellen Kosten aufzukommen. Früher konnten wir die Reisen bedürftiger Frauen ganz finanzieren“, erzählt die „Abotak“-Managerin. Was wird die Zukunft zeigen?

Regal mit Abotak-Merchandise, Abtreibungspillen und Plakat einer älteren Frau an der Wand.
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Regal mit Abotak-Merchandise, Abtreibungspillen und Plakat einer älteren Frau an der Wand.
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Regal mit Abotak-Merchandise, Abtreibungspillen und mehreren Frauen
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Zwei junge Frauen verlassen das Hinterzimmer des Geschäfts. Es sind zwei Freundinnen, beide Anfang zwanzig. Mit einer der Beraterinnen sprechen sie auf Englisch, sie lachen: „Also gib mir einfach Bescheid, ob du es alleine machen willst oder bei uns“, sagt die Beraterin. „Danke, ich denke, ich werde zu euch kommen. Bei euch fühle ich mich sicher“, antwortet eine der Freundinnen. Sie hat vor wenigen Tagen herausgefunden, dass sie schwanger ist. Vielleicht findet man bald auch ihre Message auf der Toilettentüre.

Transparenzhinweis: Mitfinanziert von der Europäischen Union. Die Autor:innen tragen die alleinige Verantwortung für den Inhalt der Veröffentlichung. Weder die Europäische Union noch die Förderorganisation haften dafür.

Natalia Anders

Natalia Anders

ist seit Juni 2023 Teil des Online-Ressorts und für Social Media zuständig.