Es ist fünf Uhr nachts, als die Bewohner von Malis Hauptstadt Bamako vom Geräusch explodierender Bomben geweckt werden. „Es war ein höllischer Lärm. Mein Haus bebte“, wird ein NGO-Mitarbeiter profil später berichten. Über Bamako steigt Rauch auf.
Keine der in Mali lebenden Personen, mit denen profil für diesen Artikel sprechen konnte, möchte hier namentlich genannt werden. Die Gefahr ist zu groß. Das Land steckt in einem Bürgerkrieg. Auf der einen Seite steht eine autoritäre Militärregierung, auf der anderen stehen die mit Al-Kaida verbündeten Islamisten der „Gruppe zur Unterstützung des Islam und der Muslime“ (JNIM). Für Malis säkulare Stadtbevölkerung, unter der die Dschihadisten verhasst sind, ist die Diktatur der Generäle das kleinere Übel.
Ende April jedoch drohte Malis Armee unter einer gemeinsamen Militäroffensive von JNIM und verbündeten Tuareg-Separatisten zu zerbröseln. Die Rebellen eroberten die wichtige Wüstenstadt Kidal. Eine Autobombe explodierte in Kati, einer Hochsicherheitsvorstadt nahe Bamako, wo die Generalität lebt, und riss den Verteidigungsminister Sadio Camara in den Tod.
„Dann ging das Drama erst richtig los“, erzählt eine andere westliche Vertreterin. Die Menschen klebten an ihren Smartphones, Gerüchte verbreiteten sich rasend. „Niemand wusste, ob die Regierung noch in der Lage ist, die Situation zu kontrollieren“, sagt der NGO-Mitarbeiter: „Die Stadt war in Schockstarre.“
Niemand wusste, ob die Regierung noch in der Lage ist, die Situation zu kontrollieren.
NGO-Mitarbeiter
Kurz ist in diesen Apriltagen unklar, ob das herrschende Militärregime überhaupt überlebt hat. Juntaführer Assimi Goïta taucht tagelang unter – er fürchtet wohl, ebenfalls Opfer eines Attentates zu werden.
Die Sahelwüste ist zum Hotspot des internationalen Islamismus geworden. Versagen die Militärjuntas der Sahelstaaten – Burkina Faso, Mali und Niger – im Kampf gegen die Islamisten? Immerhin kontrollieren die Al-Kaida-nahe JNIM und Verbündete rund die Hälfte von Malis Staatsgebiet und mehr als ein Drittel von Burkina Faso.
Im Dreistaateneck Burkina Faso/Mali/Niger hat sich der Islamische Staat verschanzt. Auch in den Norden Togos und Benins stoßen die Gotteskrieger vor, während sie in Ghanas Grenzregionen Rückzugsbasen unterhalten. Ein 3000 Kilometer langer, von Islamisten kontrollierter Gürtel erstreckt sich durch die Sahelwüste.
Mit der JNIM ist eine der gefährlichsten Terrorgruppen Afrikas auf dem Vormarsch. Rund die Hälfte aller von Terroristen ermordeten Personen weltweit stammen aus dem Sahel. Der Sahel droht zu einem zweiten Afghanistan zu werden. Besteht auch eine Gefahr für Europa?
Spiel mir das Lied vom Dschihad
Drei Millionen Euro Kopfgeld sind für seine Ergreifung ausgeschrieben: Iyad Ag Ghali ist Malis meistgesuchter Mann. Der 72-jährige Mann mit dem Spitznamen „Der Stratege“, der sich öffentlich nur mit einem „Chèche“, dem traditionellen Schleier der Tuareg, zeigt, ist der Anführer der JNIM. Die Miliz, die 2017 aus einer Reihe kleinerer Islamistengruppen hervorging, gehört zum Netzwerk der Al-Kaida. Um dem Militär zu entgehen, verzichtet Ghali, der aus einem einflussreichen Klan der nomadischen Tuaregs stammt, auf sämtliche elektronischen Geräte – er gilt als „Phantom“.
Bevor er zum gefürchtetsten Islamisten Afrikas wurde, spielte Ghali Schlagzeug. Er schrieb für die Band Tinariwen, die heute noch um die Welt tourt und 2012 einen Grammy gewann, Songtexte und schaffte Musikinstrumente an, um den typischen „Wüsten-Blues“ der Gruppe zu performen. Ghali rauchte Marlboros, trank Whiskey und trieb sich in Malis Nachtklubs herum.
Doch pakistanische Prediger bekehrten ihm zum fundamentalistischen Islam. Ghali fand zu Gott – und zur Scharia.
Er stieg schnell zum Islamistenführer auf. Als seine Männer 2012 den Norden Malis rund um Kidal eroberten – eine Region, die später von Malis Militär zurückerobert wurde – verbot der Ex-Schlagzeuger das Musizieren. Wer doch zum Instrument griff, drohte seine Finger zu verlieren.
Flüchtlingscamp in Mauretanien: Die UNHCR registrierte fast 200.000 Flüchtlinge, die vor den Kämpfen und der Gewalt der JNIM flohen.
Das Regime der JNIM wirkt wie eine Kopie der afghanischen Taliban: Frauen dürfen weder die Schule besuchen noch arbeiten oder das Haus ohne eine männliche Begleitperson verlassen, Männer müssen sich den Bart wachsen lassen; Tanzen, Alkohol und Hochzeiten nach Stammesritus sind verboten. Wer sich nicht beugt, wird öffentlich ausgepeitscht – oder in Extremfällen hingerichtet.
Verkompliziert wird der Bürgerkrieg durch zwei weitere Akteure: Zum einen die besonders radikale Terrorgruppe „Islamischer Staat – Sahel Provinz“ (IS-SP), die die Grenzregion zwischen Burkina Faso, Mali und Niger kontrolliert, aber eine tiefsitzende Feindschaft zur JNIM pflegt. Bei Kämpfen zwischen den beiden Terrorgruppen starben seit 2019 mehr als 2000 Menschen. Zum anderen sind da auch noch die Separatisten der Tuareg-Volksgruppe, die das Ziel eines eigenen Staates verfolgen und sich dafür mit JNIM verbündet haben.
Das Kreischen der Motorräder
Sie kommen meist wie aus dem Nichts: Mit Sturmgewehren bewaffnete Männer der JNIM rasen auf ihren Motorrädern Konvois entgegen, die Erdöl oder Lebensmittel transportieren. Nach kurzem Gefecht ist der Spuk vorbei, zurück bleiben nur die brennenden Gerippe der Lkw.
Mit solchen Angriffen terrorisiert JNIM den Sahel. Die Kämpfer bewegen sich mit ihren Motorrädern schnell durch die flachen Wüsten und Steppen und schlagen in Überraschungsangriffen zu. Malis Militärregierung hat mittlerweile den Verkauf von Motorrädern außerhalb der großen Städte verboten.
„Außerhalb von Gao ist man nicht sicher – das Territorium rund um die Stadt gehört den Rebellen und kriminellen Gruppen.
NGO-Mitarbeiter
JNIM dominiert den ländlichen Raum und belagert die großen Ballungszentren. Ein besonders drastisches Beispiel ist Gao in Ost-Mali. „Außerhalb von Gao ist man nicht sicher – das Territorium rund um die Stadt gehört den Rebellen und kriminellen Gruppen“, erzählt ein NGO-Mitarbeiter, dessen Partnerorganisation in der Stadt aktiv ist. Über den Landweg sei Gao gar nicht mehr erreichbar, ein kleiner Flughafen sei die einzige Lebensader der Wüstenstadt, in der rund 140.000 Menschen leben. Die Stadt wird seit April von JNIM belagert. „Die Preise sind explodiert. Güter kosten dreimal so viel wie in anderen Teilen Malis“, sagt der NGO-Mitarbeiter.
Motorräder sind in dem Sahel ein beliebtes Fortbewegungsmittel.
Auch Bamako spürt den Krieg. JNIM versucht, sämtliche Versorgungslieferungen in Malis Hauptstadt abzuschneiden und die Metropole in eine Blockade zu stürzen. In der Vier-Millionenstadt mangelt es an Treibstoff – besonders Diesel für das öffentliche Bus-System ist rar –, während die Preise für Lebensmittel ansteigen. „Doch die Restaurants und Nachtklubs sind offen“, erzählt der NGO-Mitarbeiter.
Frankreich adieu!
Lange war die tonangebende Macht im Sahel ein europäischer Staat: Frankreich, einst Kolonialherr Westafrikas, dominierte seine ehemaligen Kolonien – „Françafrique“ genannt – wirtschaftlich, stützte Frankreich-freundliche Regime und exportierte Uran aus dem Sahel. Kritiker sprechen von Neokolonialismus. Rund 4300 französische Soldaten kämpften seit 2014 in den Wüstenstaaten gegen die Islamisten.
Es ist ein kalter Blick, den Ibrahim Traoré – umringt von Soldaten in Totenschädel-Masken und Sonnenbrillen – in die Kamera wirft. Jänner 2022: In einer Fernsehansprache kündigen unzufriedene Soldaten aus Burkina Fasos Militär an, die Kontrolle über das Land zu übernehmen. Das erste Mal sieht die Bevölkerung an diesem Tag den Mann, der nur einige Monate später seine Gegner in der Militärjunta ausschalten und die Macht ganz an sich reißen wird. Schon damals trägt Traoré das rote Militär-Barett, das zu seinem Markenzeichen wird.
Ibrahim Traoré ist mit 38 einer der jüngsten Staatschefs der Welt.
Über die Region schwappt eine ganze Welle an Staatsstreichen: In Mali wird schon 2020 geputscht, in Niger übernimmt das Militär 2023 die Macht. Das hat auch mit Frankreich zu tun. Zuerst jubelt die Bevölkerung über den Bruch mit Frankreich, weil sie unzufrieden mit dessen Rolle als Anti-Terror-Partner ist.
„Malis Bevölkerung überschätzte die Stärke der französischen Truppen und war frustriert, dass sie die islamische Gewalt nicht stoppen konnten“, sagt die Sahel-Expertin Nina Wilén. Sie ist Direktorin des Afrika-Programms des belgischen Thinktanks „Egmont-Institut“ und forscht seit Jahren zum Sahelkonflikt. Ein Übergreifen des JNIM–Terrors nach Europa hält sie für unwahrscheinlich: „Obwohl JNIM ein Al-Kaida-Ableger ist, sind Anschläge außerhalb von Afrika undenkbar.“
Obwohl JNIM ein Al-Kaida-Ableger ist, sind Anschläge außerhalb von Afrika undenkbar.
Nina Wilén
Sahel-Expertin
Der 38-jährige Traoré ist, zusammen mit General Assimi Goïta (Mali) und General Abdourahamane Tchiani (Niger), einer von drei Militärdiktatoren im Sahel. Die Juntaführer teilen nicht nur ein Faible für das Auftreten in Tarnfarben und Barett, sondern auch eine ideologische Ablehnung der französischen Dominanz.
Assimi Goïta (links), Abdourahamane Tchiani (mitte) und Ibrahim Traoré (rechts)
Sozialisiert wurde der frühere Geologie-Student Traoré in einem Ableger des marxistischen Studentenbundes „Generalunion für Burkinische Studenten“, der sich für einen radikalen Bruch mit der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich einsetzte. Der Unmut gegenüber Frankreich braute sich schon seit Längerem zusammen. Seine ehemaligen ideologischen Gefährten ließ Traoré jedoch nach seiner Machtergreifung verhaften, als diese die „Verletzung demokratischer Freiheiten“ anprangerten.
Wir afrikanische Staatschefs müssen aufhören, wie Marionetten zu tanzen, jedes Mal, wenn die Imperialisten an den Fäden ziehen.
Ibrahim Traoré
Juntachef Burkina Fasos
Die westafrikanischen Juntas beendeten prompt jegliche Militärzusammenarbeit mit Frankreich. „Wir afrikanische Staatschefs müssen aufhören, wie Marionetten zu tanzen, jedes Mal, wenn die Imperialisten an den Fäden ziehen“, sagte Traoré 2023, als der letzte französische Soldat den letzten der drei Sahelstaaten verließ. „Dann gehen wir. Nichts für ungut“, konterte der französische Präsident Emmanuel Macron.
Doch die Saheldiktatoren haben längst einen neuen Sicherheitspartner gefunden: Russland.
Russland privjet!
„Das ist alles auf Russisch“, sagt ein Tuareg-Kommandant in einer Dokumentation des Senders „arte“ und hält eine Ausgabe des sowjetischen Romans „Wie der Stahl gehärtet wurde“ in die Kamera. Er steht in einem verwüsteten Militärstützpunkt in der malischen Stadt Kidal, die im April an das Tuareg-JNIM-Bündnis fiel. Hier hausten noch vor Stunden Söldner des „Afrika Korps“, dem Nachfolger der Gruppe Wagner, die nun Frankreich als Sicherheitsgarant ersetzen sollen.
Rund 2500 russische Paramilitärs sind in den Sahelstaaten stationiert – die meisten davon in Mali, das seit 2021 über eine Milliarde US-Dollar für die Dienste der Söldner bezahlte. Die Russen zogen sich nach der Offensive im April in den Süden Malis zurück, dessen säkulare Städte als für die Islamisten schwer zu knackende Bollwerke gelten.
Die Juntas, die einst schnelle Siege gegen die Rebellen versprachen, scheinen gegenüber dem Vormarsch der Islamisten machtlos.
Russische Söldner wurden aus Malis Norden hinausgedrängt.
Gerade der junge und schneidige Traoré steht mit dem Rücken zur Wand. Laut offiziellen Zahlen kontrollieren JNIM und IS-SP bereits rund ein Drittel Burkina Fasos, manche Analysten gehen jedoch davon aus, dass die Islamisten mittlerweile mehr als die Hälfte des Landes in ihrer Hand haben. Nur noch die Hauptstadt Ouagadougou hat das Militär noch effektiv unter Kontrolle.
Bei seinem Machtantritt hatte Traoré versprochen, die Terrorgefahr in einem halben Jahr zu beseitigen.
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(profil.at, rsb)
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Raphael Bossniak
ist seit Juli 2025 im Außenpolitik-Ressort. Davor freier Journalist für APA, Kurier und die deutsche Nahostfachzeitschrift zenith. Schwerpunkt Nahost / Kaukasus / Osteuropa.