Steht der Ukraine-Krieg vor einem Ende?
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„Wir werden bombardiert“, sagt die junge Frau, die sich selbst auf der Flucht aus ihrem Wohnblock filmt, sichtlich schockiert. In der Nähe hat eine Drohne eingeschlagen, und die Frau sucht mit ihrem kleinen Hund im Arm das Weite. „Ich hätte nie gedacht, dass der Krieg zu uns kommt“, sagt sie.
Es sind Szenen, wie man sie seit mehr als vier Jahren aus der Ukraine kennt, doch das Handyvideo stammt aus Selenograd, einem Vorort der russischen Hauptstadt Moskau. Zum Ziel ukrainischer Drohnenangriffe wurde er, weil hier etliche Betriebe der russischen Rüstungsindustrie ihren Sitz haben.
Die Ukraine hat den Krieg nach Moskau getragen.
Ukrainische Mittel- und Langstreckenraketen erreichen selbst Ziele tief im russischen Kernland und richten massive Schäden an. Bis zu 15 Prozent der russischen Raffineriekapazitäten wurden so in den letzten drei Monaten zerstört – ein enormer Verlust für die russische Wirtschaft. Laut der russischen Nachrichtenagentur Interfax wird im Kreml bereits darüber nachgedacht, die Ölexporte zu limitieren.
© AFP/APA/SOURCE/Russian Ministry of Emergency Situations
Angriff auf russische Großstadt Sysran
Die Ukraine hat den Krieg nach Russland getragen.
Im Visier der ukrainischen Armee stehen vor allem Militäreinrichtungen und Raffinerien, doch immer wieder kommt es auch zu Todesopfern in der Zivilbevölkerung. Im Internet posten Menschen Videos von Drohneneinschlägen und beraten darüber, wie man sich am besten vor den Angriffen schützt – und sie beschweren sich über die Regierung, die sie im Stich lasse.
Lange haben die Einwohner Russlands den Krieg nur über Fernsehen und Internet verfolgt, als Ereignis, das jenseits der Grenzen stattfindet. Jetzt ist er bei ihnen angekommen.
„Apokalyptische Szenen“
Ende vergangener Woche kamen bei einem ukrainischen Drohnenangriff auf das Wohnheim einer Berufsschule in der Stadt Starobilsk im russisch besetzten Luhansk mehr als 20 junge Menschen ums Leben. Laut ukrainischer Darstellung wurden in dem Gebäude Drohnen angefertigt und Rekruten ausgebildet.
Russland wird nach einer Verschnaufpause ein noch gefährlicherer Gegner sein als vor 2022
Franz-Stefan Gady, Militäranalyst
Der Kreml streitet das ab, Russlands Präsident Wladimir Putin sprach von einem „Terrorakt“ und drohte mit Vergeltung. Die ließ nicht lange auf sich warten. Am Wochenende erlebte die ukrainische Hauptstadt Kyjiw die heftigsten Angriffe seit Kriegsbeginn im Februar 2022. Russland flog Angriffe mit Marschflugkörpern, ballistischen Raketen und Hunderten Drohnen. Ein Markt und ein Einkaufszentrum wurden zerstört, zwei Menschen starben, rund 70 wurden verletzt. Anrainer sprachen von „apokalyptischen Szenen“.
Bei seinen Angriffen auf Kyjiw setzte Russland zuletzt – zum dritten Mal in diesem Krieg – die gefürchteten Oreschnik-Raketen ein. Dabei handelt es sich um Mittelstreckenraketen, die mit bis zu sechs Mehrfachsprengköpfen bestückt werden und gegen die Luftabwehrsysteme wenig ausrichten können.
Militärexperten gehen davon aus, dass Russland die Oreschnik-Rakete vor allem aus einem Grund einsetzt: um Angst und Schrecken zu verbreiten. Oreschnik-Raketen können nuklear bestückt werden, ihre Reichweite wird auf bis zu 3000 Kilometer geschätzt.
Damit ist die Rakete eine potenzielle Bedrohung auch für europäische Hauptstädte. Eskaliert Putin seine Angriffe, weil seine Soldaten an der Front festhängen und keine nennenswerten Gebietsgewinne verzeichnen? Sind die heftigen Angriffe auf Kyjiw so etwas wie ein Verzweiflungsakt?
„Ich denke nicht“, sagt dazu der österreichische Militärexperte Franz-Stefan Gady. „In der Luftkriegsführung hatte Russland immer Eskalationspotenzial, und nun wird wieder einmal versucht, die ukrainische Verteidigung abzunutzen.“ Tatsache sei aber auch, dass an der Front eine Pattsituation herrsche. Russland verzeichne Rückschläge und versuche nun, Moral und Widerstandswillen der Ukraine zu brechen.
120.000 Euro für ein Jahr Kriegsdienst
Seit vier Jahren schickt Moskau immer neue Soldaten an die Front, und die Verluste sind enorm. Das Rechercheinstitut Center for Strategic and International Studies (CSIS) schätzt die Zahl der gefallenen russischen Soldaten auf 325.000, britische Nachrichtendienste gehen sogar von fast 500.000 getöteten Soldaten aus.
Um die Verluste auszugleichen, braucht Moskau monatlich schätzungsweise 30.000 neue Soldaten. Doch die Überlebenschancen sind gering, und so steigt der Preis für die Anwerbung. Zuletzt hat Putin ein Dekret zum Schuldenerlass für Rekruten unterzeichnet: Wer sich für mindestens ein Jahr bei der Armee verpflichtet, erhält umgerechnet etwa 120.000 Euro Schulden erlassen.
Der Frust in Russlands Bevölkerung wächst. Durch die Einschränkungen des Internets und erhöhte Steuern war er schon vor Beginn der ukrainischen Offensive hoch, nun steigt er weiter an. Laut einer Umfrage des russischen Meinungsforschungsinstituts Levada Center sprachen sich bereits im April – also vor Beginn der aktuellen Angriffe – landesweit 62 Prozent der Bevölkerung für ein rasches Kriegsende aus.
Gady glaubt dennoch nicht, dass der Krieg bald vorbei ist. „Russland kann das jetzige Tempo mit Sicherheit noch bis Ende des Jahres durchhalten“, sagt der Militäranalyst, darüber hinaus sei keine ernsthafte Prognose möglich.
Sicher sei: Russland werde auch nach dem Ende des Krieges in der Ukraine ein gefährlicher Gegner bleiben. Schon in wenigen Jahren, glaubt Gady, könnte Moskau die Europäische Union ins Visier nehmen.
In seinem neuen Buch „Überfall – wenn der Krieg zu uns kommt“ beschreibt der Militärexperte das Szenario eines russischen Angriffs auf Litauen im Jahr 2029. In einer Art Planspiel zeichnet er nach, wie sich ein Krieg Russlands gegen die NATO auf Österreich auswirken würde. Fazit: Die Neutralität würde Österreich mehr schaden als nützen, vorbereitet sei das Land auf einen solchen Angriff nicht.
„Verstärkte Angriffe gegen Europa“
Weil Russland an der Front in der Ukraine nicht weiterkommt, strebe Putin einen größeren Konflikt mit Europa an, heißt es auch aus dem Government Communications Headquarters (GCHQ) in London, der größten nachrichtendienstlichen Behörde Großbritanniens, die sich mit Kryptografie und Datenaufklärung befasst. „Russland verstärkt seine täglichen hybriden Aktivitäten gegen das Vereinigte Königreich und Europa“, sagte die Chefin des Nachrichtendienstes Anne Keast-Butler am vergangenen Mittwoch. Moskau ziele „unerbittlich auf kritische Infrastruktur, demokratische Prozesse, Lieferketten und das Vertrauen der Öffentlichkeit“.
Angriff auf Österreich
Franz-Stefan Gady: „Überfall – Wenn der Krieg zu uns kommt“ (Molden Verlag, 160 Seiten).
© Molden
Angriff auf Österreich
Franz-Stefan Gady: „Überfall – Wenn der Krieg zu uns kommt“ (Molden Verlag, 160 Seiten).
Angriff auf Österreich
Franz-Stefan Gady: „Überfall – Wenn der Krieg zu uns kommt“ (Molden Verlag, 160 Seiten).
Derartige Angriffe spielen auch in Gadys Szenario eine Rolle: Begleitet von einer massiven Desinformationskampagne in den sozialen Medien starten russische Agenten, die zuvor nach Österreich eingeschleust wurden, Sabotageaktionen gegen Kasernen, Elektrizitätswerke und Verkehrsknotenpunkte wie Brücken und Tunnel, um durch Österreich verlaufende Nachschubrouten der NATO zu kappen.
Mit seinem Buch will Gady eine Debatte darüber in Gang setzen, wie sich Österreich vor möglichen Angriffen schützen kann. Alarmismus will er sich nicht vorwerfen lassen: „Russland wird nach einer Verschnaufpause, wenn es seine Lektionen aus dem Krieg in der Ukraine gelernt hat, ein noch gefährlicherer Gegner sein als vor 2022“, sagt er im profil-Podcast „Die Schlacht um Europa“. Schon jetzt sei Russland in der Lage, kleinere militärische Operationen gegen die NATO durchzuführen. Nach einem Waffenstillstand würde es zwei bis vier Jahre brauchen, um erneut zuzuschlagen – diesmal womöglich gegen ein EU-Mitglied.
Siobhán Geets
ist seit 2020 im Außenpolitik-Ressort und seit 2025 stellvertretende Ressortleiterin. Schwerpunkt: Europa und USA.