Warum Israel Ziele im Iran und Irak angreifen möchte
Durch die irakische Hauptstadt Bagdad geistern Warnungen, die nicht an die Öffentlichkeit dringen sollen. Arabische und westliche Botschaften stellten in den Raum, dass Israel kurz davor stehe, Bomben auf den Irak abwerfen. Es kursierte sogar eine angebliche israelische Todesliste: Dieser beinhaltet Namen hoher Funktionäre mächtiger proiranischer Milizen, die im Irak fest verankert sind. Israel will diese Paramilitärs mit Luftschlägen „ausschalten“. So berichtet es die einflussreiche saudische Tageszeitung „Asharq al-Awsat“ („Mittlerer Osten“), die sich auf Insider-Infos aus Regierungskreisen in Bagdad bezieht.
Doch für eine solche Operation bräuchte Israel grünes Licht von seinem wichtigsten Verbündeten, den USA. Denn die ist ein strategischer Partner des Irak, stationiert dort selbst Truppen und hält (noch) eine schützende Hand über Bagdad.
Enge Verbündete: Trump und Netanjahu in der Knesset – Israels Parlament.
Washington scheint unentschlossen: Israel ist ein noch viel engerer Partner der USA als der Irak. Um also den USA Luftschläge gegen proiranische Ziele im Irak und gegen den Iran schmackhaft zu machen, fliegt Israels Premier Benjamin Netanjahu am 29. Dezember in die USA, wo er US-Präsident Donald Trump in dessen Resort Mar-a-Lago treffen soll. Es geht um mächtige, mit dem Iran verbündete Milizen und um Teherans umstrittenes Atom- und Raketenprogramm. Genehmigt Trump eine neue Militäroperation im Nahen Osten?
„Make Iraq Great Again“
„Die Waffen des Widerstands werden in den Händen seiner Kämpfer bleiben“, heißt es in einem kürzlich erschienen Statement der Kata’ib Hisbollah („Brigaden der Partei Gottes“). Sie sind zusammen mit der Nujaba-Bewegung, die auf US-Sanktionslisten steht, eine von zwei proiranischen Milizen im Irak, die sich weigern, sich entwaffnen zu lassen.
Einst wurde im Kampf gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ ab 2014 mit iranischen Finanzspritzen im Irak ein Netz an Freiwilligenverbändern hochgezogen – die meisten davon schiitisch und damit proiranisch ausgerichtet. Die meisten Iraker, genau wie die Iraner, sind Schiiten, eine der beiden großen Strömungen im Islam.
Nun soll die Ära der Milizen enden – nicht zuletzt auch auf Druck der USA, deren im Irak stationierte Truppen wiederholt ins Visier der proiranischen Kräfte kamen. Die Regierung in Bagdad sprach kürzlich von „Fortschritten“.
Denn der einflussreiche Milizenführer Qais al-Khazali, der die mehrere tausend Mann starke „Liga der Gerechten“ befehligt, lenkte ein. „Wir sind nun Teil des Staates“, sagte der proiranische Kleriker. Die Milizen sollen nicht aufgelöst, sondern in Iraks offizielles Militär eingegliedert werden. Der Iran fürchtet, so an Einfluss über die bewaffneten Verbände zu verlieren.
Iraks proiranische Milizen gelten als Staat im Staat.
Israel pocht auf eine Eingliederung. Nicht zuletzt, weil proiranische Milizen wiederholt Israel mit Raketen und Drohnen beschossen hatten.
Die USA hat einen anderen Fokus: Mit Mark Savaya sitzt ein neuer, von Trump ausgewählter Gesandter in Bagdad. Er ist ein Polit-Quereinsteiger und ein irakisch-amerikanischer Unternehmer, der mit dem Verkauf von legalem Cannabis viel Geld verdient hat. Sein Motto: „Make Iraq Great Again“. Und seine von Washington aufgetragene Aufgabe: Den Irak für US-Investitionen zu erschließen und den Einfluss des Iran zurückzudrängen. Eine schwierige Mission, denn der schiitisch dominierte Irak versuchte in der Vergangenheit traditionell, ein Gleichgewicht zwischen Teheran und Washington zu halten.
Am Radar
Netanjahu möchte Trump in Mar-a-Lago vier Pläne vorlegen. Es soll um Luftschläge gegen den Iran gehen, so der US-Sender NBC. Es ist etwas, das Netanjahu in der Vergangenheit schon einmal getan hat, und zwar im vergangenen Sommer. Israel fragte damals, ob der jüdische Staat den Iran allein bombardieren solle, mit beschränkter US-Hilfe, oder die USA allein eingreifen wollten. Washington entschied sich für eine vierte Option: USA und Israel bombardierten im Juni gemeinsam den Iran, um dessen Nuklearprogramm zu neutralisieren. Über 1.000 Iraner, um die 400 Zivilisten, und über 30 Israelis, fast alle Zivilisten, starben bei Bombardements.
Im Sommer: Iranische Raketen über Israel
Israelische Quellen sprechen aktuell von 3000 ballistischen Raketen, die der Iran womöglich bald jährlich herstellen und mit denen Teheran auch Israel erreichen könnte. China lieferte wichtige Bauteile – trotz eines Waffenembargos.
Laut Insidern geht es Netanjahu darum, diese militärische Schlagkraft, die der Iran laut Israel bald erreichen könne, im Keim zu ersticken. Denn obwohl Israel über ein hochtechnologisches Netz an Anti-Raketen-Systemen (das die meisten Flugkörper abfangen kann) verfügt, würde der Anti-Raketen-Schutzschild in dem Moment versagen, wenn zu viele Raketen auf einmal auf Israel einprasseln. Das System kann gleichzeitig nur rund 200 Flugkörper erfassen.
Der iranische Präsident Massud Peseschkian besucht eine Nuklearanlage.
Netanjahu, dessen Land über Atomwaffen verfügt, könnte in Washington auf taube Ohren stoßen. Trump sieht Irans Atomprogramm als weitaus größere Gefahr als dessen ballistische Raketen, so ein hochrangiger israelischer Diplomat gegenüber dem israelischen TV-Sender i24NEWS. Irans Nuklearprogramm gilt nach dem Krieg im Sommer als zum Großteil neutralisiert.
Geschwächter Iran
Die „Achse des Widerstands“, ein loses, von Teheran aus geleitetes Netzwerk an Milizen und Rebellengruppen ist zersplittert: Syriens Diktator Baschar al-Assad, Teil der „Achse des Widerstands“, wurde 2024 gestürzt, auch die Schiitenmiliz Hisbollah im Libanon und die islamistische Hamas im Gazastreifen haben an militärischer Schlagkraft eingebüßt. Die Milizen im Irak, die formell zum Netzwerk gehören, könnten bald nicht mehr existieren.
Doch trotz seiner Schwäche dreht Teheran wieder an der Eskalationsspirale: „Wenn der zionistische (israelische, Anm.) Feind gegen den Iran vorgeht, wird die Reaktion härter und vernichtender ausfallen als zuvor“, drohte Vizepräsident Mohammad Reza Aref Anfang Dezember. Der Iran, der aktuell Raketenübungen durchführt, rüstet wieder auf.