2025 stieg der Goldpreis um 70 Prozent. In Brasilien wollen Goldgräber das Edelmetall nun nachhaltig schürfen.
16.01.26
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Von Maren Häußermann
Gilson Camboim öffnet die Tür zu seinem Büro. Es ist Sonntag, und die Räume sind leer. Die Klimaanlage hat er soeben erst eingeschaltet, draußen hat es über 30 Grad. Die Luftfeuchtigkeit des Regenwalds drückt in das Gebäude und auf den Kreislauf. Camboim, 47, grünes T-Shirt, lässt sich davon nicht beirren. Er ist an seinem freien Tag hierhergekommen, weil er seinem Besuch etwas Wichtiges zeigen möchte. Es hat mit den Gesteinsbrocken zu tun, die in einer Vitrine ausgestellt sind. Sie beinhalten verschiedene Mineralien, erklärt Camboim. Dann nimmt er einen Brocken aus der Vitrine und zeigt auf die kleinen, schimmernden Punkte an der Oberfläche: „Das ist Gold.“
Darum dreht sich hier in Peixoto de Azevedo, einer Gemeinde im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso, seit Ende der 1970er-Jahre alles.
Damals erfasste ein Goldrausch die kleine Ortschaft, und Tausende Goldgräber auf der Suche nach schnellem Reichtum strömten in das rasant wachsende Peixoto de Azevedo. Heute leben hier 35.000 Menschen.
Peixoto de Azevedo liegt im zentralen Bundesstaat Brasiliens Mato Grosso.
Die Goldgewinnung war von jeher ein problematisches Geschäft, verbunden mit Vertreibungen Indigener und Kriminalität aller Arten, und sie ist es bis heute geblieben. Erst Anfang November berichteten internationale Medien über einen Einsatz der brasilianischen Bundespolizei, die im Regenwald mehr als 200 Bagger zerstörte. Es handelte sich um Maschinen illegaler Goldgräber, hinter denen oft kriminelle Organisationen stecken, die das Edelmetall ohne Genehmigung abbauen.
Zudem nehmen sie dabei keinerlei Rücksicht auf die Umwelt. Um das Gold aus dem Stein zu lösen, verwenden sie giftige Chemikalien wie Quecksilber, die in das Grundwasser und die Flüsse geraten. Das gefährdet vor allem die indigene Bevölkerung, die sich von den Tieren und Pflanzen des Regenwalds ernährt.
Beamte des Umweltamtes Brasiliens IBAMA setzen einen illegalen Goldschürfer fest.
Es geht auch anders
All das müsse nicht sein, sagt Gilson Camboim. Er ist Vorsitzender der Genossenschaft für nachhaltigen Goldabbau. Die Mitglieder der Genossenschaft, Geologen, Biologinnen und Forstingenieure, produzieren Gold mit offizieller Genehmigung. Camboim öffnet eine Powerpoint-Präsentation auf seinem Laptop und beginnt zu erklären, wie das mit der Nachhaltigkeit funktioniert.
Die an die Wand projizierten Bilder zeigen den Bergbau in der Gegend: schlammige Flächen, Bagger, die in Gruben wühlen, Pfützen. Ja, man beschädige den Boden, räumt Camboim ein, aber nach getaner Arbeit werde er wieder neu bepflanzt. Wo einst Bäume standen und dann nach Gold gegraben wurde, wächst heute Soja. Allein im Jahr 2024 seien 23.000 Setzlinge verwendet worden, um die Natur wiederherzustellen, sagt der Genossenschafter. Dabei handelt es sich um lokale Pflanzen und den Versuch, wiedergutzumachen, was die jahrzehntelange Abholzung des Regenwaldes angerichtet hat. Nicht nur für den Goldabbau, auch für den massiven Sojaanbau, durch den der Boden nachhaltig zerstört wird.
Zur Bewässerung verwende man ausschließlich Wasser, das sich bei den Grabungen ansammle, also Grund- oder Regenwasser. Dieses würde nicht verschmutzt. Quecksilber oder ähnlich giftige Chemikalien kämen bei der Extrahierung des Goldes nicht zum Einsatz. Ein Video zeigt, wie Schlamm auf einer Art vibrierendem Tisch geschüttelt wird. Bei der anschließenden Waschung werden Sand und Kies von dem Gold getrennt, das schwerer ist und auf den Boden sinkt. Die Bilder von Männern, die Matsch in Plastikschalen schwenken, erinnern an Westernfilme.
Mithilfe von Chemie ginge es schneller und einfacher, aber Camboim und seine Kolleginnen und Kollegen schwören auf die alte, aufwendige Methode. Auf den Fotos tragen alle das gleiche grüne T-Shirt wie Camboim. Und weil es sich um eine Genossenschaft handelt, wird der Gewinn gerecht aufgeteilt. Zufrieden klappt Gilson Camboim seinen Laptop zu.
Der wahre Wert
Ana María González ist Anthropologin im Goldmuseum in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá. „Das hier hat alles keinen Wert“, sagt sie und zeigt um sich auf die glänzenden Ausstellungsstücke hinter Glas. Was sie sagen will, ist, dass das Gold im Museum der Bank der Republik Kolumbien keinen Verkaufswert hat. In Einklang mit der Unesco-Konvention hat der kolumbianische Staat das Gold als archäologisches Kulturerbe deklariert. Dadurch hat er den Handel mit den Ausstellungsstücken gesetzlich verboten. Könnte man sie klauen und einschmelzen? Ja, natürlich. „Das haben die Spanier gemacht“, sagt sie in abfälligem Ton und meint damit die vormalige Kolonialmacht. „So vernichtet man Geschichte.“
Ana María González ist Anthropologin in Bogotás Goldmuseum.
Für die Expertin haben die archäologischen Objekte einen immateriellen Wert, der den materiellen bei Weitem übertrifft. Auch für die indigenen Völker hatte Gold vor allem einen symbolischen Wert, sagt sie.
„In Erzählungen heißt es, dass für die indigenen Völker die Sonne das wichtigste göttliche Wesen war. Denn ohne Sonne gibt es kein Essen und kein Leben. Sie beteten die Sonne an. Und das Gold repräsentiert dieses Wesen, weil es dieselbe Farbe hat. Es strahlt, und man glaubte, dass es sich dabei um Schweiß, Samen oder Tränen der Sonne handle.“ González erklärt, dass der Wert auch in der Seltenheit des Materials gründete. Für die Völker in den Bergen von Tolima zum Beispiel waren Muscheln wertvoller als Gold, weil sie keinen Zugang dazu hatten.
Auch heute noch rührt der Wert des Goldes von seiner beschränkten Menge. „Aus der Geschichte haben die Menschen gelernt, dass sich der Wert des Goldes nie verringert, wie etwa der von Dollars oder Pesos. Gold ist immer mehr oder weniger gleich wertvoll geblieben. Es ist wie der Besitz von Land, der in der Regel auch nicht weniger wert wird, weil es nicht unendlich viel davon gibt.“ González verweist auf Familien, in denen Goldschmuck vererbt oder für schlechte Zeiten als Reserve aufbewahrt wird.
Aus der Geschichte haben die Menschen gelernt, dass sich der Wert des Goldes nie verringert.
Ana María González
Anthropologin
Gold steht für Sicherheit
Der Wert von Gold basiert also auch heute auf einer symbolischen Bedeutung: Gold steht für Sicherheit.
Tatsächlich begründen Experten den aktuellen Anstieg des Goldpreises auch damit, dass Zentralbanken Goldreserven horten. Laut der Europäischen Zentralbank (EZB) sind diese so groß wie zuletzt zu Zeiten des Bretton-Woods-Systems, in dem bis in die 1970er-Jahre alle Wechselkurse an den US-Dollar gekoppelt waren, der wiederum auf 35 Dollar je Unze Feingold festgelegt wurde. In ihrer Analyse geht die EZB davon aus, dass geopolitische Risiken die Zentralbanken dazu motivieren, in Gold zu investieren. Damit versuchen sie, ihr Portfolio zu diversifizieren, um gegen zyklische Abschwünge, Inflation oder Sanktionen abgesichert zu sein.
Die vermeintliche oder tatsächliche Wertbeständigkeit des Goldes bringt auch Investoren dazu, auf das Edelmetall zu setzen. Damit könnten sie auf lange Sicht erfolgreich sein. Denn der Wert ergibt sich heute auch aus neuen Bedürfnissen der Wirtschaft, wie Goldgräber Gilson Camboim weiß. Die Technologie in Smartphones, Laptops beziehungsweise auch in der Raumfahrt ist auf Gold angewiesen. Das Edelmetall ist leitfähig und beständig, es reagiert weder mit Sauerstoff noch mit Wasser, rostet nicht, und es läuft nicht an.
Wie viele andere Rohstoffe ist auch Gold in den vergangenen Jahren wichtiger geworden, um bei der technologischen und wirtschaftlichen Entwicklung mithalten zu können, ohne abhängig zu sein. Und wie in anderen Sektoren stellt die gestiegene Nachfrage eine Herausforderung für die Bemühungen dar, nachhaltig zu produzieren.
Schwarzmarkt
Genossenschaftsvorsitzender Camboim ist überzeugt, dass der Markt für den Goldabbau nicht einbrechen wird. Und er ist sich sicher, dass die Abbaumethode der Genossenschaft für die Zukunft die beste ist. Den illegalen Abbau zu verhindern, sei allerdings fast unmöglich, räumt er ein. Es sei schwierig, nachzuweisen, ob Gold legal oder illegal produziert wurde. Das stellt auch Länder der EU vor Probleme. Laut einer Studie des Thinktanks Escolhas kommt der Großteil der Goldimporte Deutschlands, Tschechiens und Italiens aus dem Amazonas-Gebiet, wo das Risiko für illegalen Goldabbau besonders hoch ist.
Camboim hält jedoch nicht den illegalen Abbau von Gold für das größte Problem, sondern die Tatsache, dass auch legal abgebautes Material oft auf dem Schwarzmarkt landet. Durch diese Vermischung könne illegales Gold im übertragenen Sinn reingewaschen werden, klagt Camboim.
In Peixoto de Azevedo wird der Goldabbau trotz allem voll Stolz betrieben. Davon zeugt auch das Gesetz Nr. 12.153 des Gemeinderates vom 16. Juni 2023. Es hält fest, dass die Kommune bis auf Weiteres „Goldhauptstadt des Bundesstaates Mato Grosso“ genannt werden darf.