Neuer ORF-Chef Clemens Pig: Ein Tiroler am Küniglberg
In der Nacht von gestern auf heute, schon nach der Geisterstunde, bestellten die 35 Mitglieder des ORF-Stiftungsrats Clemens Pig mit 21 Stimmen im ersten Wahlgang zum Generaldirektor für die Geschäftsperiode von 2027 bis 2031. Nach über 15 Stunden Sitzungsdauer, um 1.50 Uhr, trat Pig mit dem Vorsitzenden des Stiftungsrats, Heinz Lederer, und dessen Stellvertreter, Gregor Schütze, vor die wartenden Journalisten und gab sich lyrisch: „Ein langer Tag geht zu Ende, und ein neuer Morgen für den ORF bricht an.“
Der 51-jährige Innsbrucker war Ende Mai als klarer Favorit ins Rennen gegangen, geriet aber schnell unter Verdacht, der Wunschkandidat der Volkspartei zu sein. Dies verdankte Pig ÖVP-Generalsekretär und Mediensprecher Nico Marchetti. Mitte Mai lobte dieser den Geschäftsführer der Austria Presse Agentur überschwänglich: „Er ist definitiv ein Profi, und ich würde mich freuen, wenn er sich bewirbt.“
Pig zeigte sich in den vergangenen Wochen zusehends genervt, als schwarzer Kandidat gehandelt zu werden. Er sei immer politisch unabhängig gewesen und habe auch mit keinem Politiker über „irgendeine einzige Personalie gesprochen“. In kleinem Kreis klagte er, sogar Dossiers über ihn würden kursieren. Als Quelle der Intrigen vermutete er das Umfeld von Ex-Kanzler Sebastian Kurz. Die Mutmaßung: Dieser hätte gern seinen früheren Kabinettsmitarbeiter Philipp König, den Chef des Privatradios Kronehit, an der Spitze des ORF gesehen. Doch am Ende verzichtete König ohnehin auf eine Bewerbung.
Mit dem ORF übernimmt Pig das größte Medienunternehmen des Landes mit Einnahmen von jährlich 1,1 Milliarden Euro. Mehr als 700 Millionen Euro lukriert der ORF dabei aus der Haushaltsabgabe, etwa 200 Millionen Euro stammen aus Werbeerlösen, den Rest machen sonstige Umsatzerlöse aus. Insgesamt beschäftigt der ORF 4000 Mitarbeiter. Die Austria Presse Agentur, deren Chef Pig seit 2016 war, ist im Vergleich um eine Zehnerpotenz kleiner. Sie erwirtschaftet mit 500 Mitarbeitern einen Umsatz in Höhe von 80 Millionen Euro.
Sparstress
Das dringendste Problem für den neuen Generaldirektor ist die finanzielle Situation des ORF. Im Vorjahr musste der Rundfunk 88 Millionen Euro einsparen, für 2026 liegt der Sparbedarf bei 104 Millionen Euro. Für die Jahre 2027 bis 2029 sind weitere Einsparungen in Höhe von 130 bis 140 Millionen Euro geplant, zwei Drittel davon bei den Sach- und Programmkosten, ein Drittel bei den Personalkosten. Auslöser des Spardrucks ist die schwarz-rot-pinke Bundesregierung, die die monatliche Haushaltsabgabe in Höhe von 15,30 Euro bis Ende 2029 gesetzlich eingefroren hat – während Gehälter und Kosten mit der Inflationsanpassung steigen.
Das von Finanzminister Markus Marterbauer, SPÖ, vorgelegte Doppelbudget für 2026 und 2027 ließ am Küniglberg eine Befürchtung endgültig wahr werden. Die Regierung streicht dem ORF jährliche Ausgleichszahlungen in Höhe von 92 bis 93 Millionen Euro. Diese erhielt der Rundfunk bisher als Ausgleich für den verlorenen Vorsteuerabzug, der aufgrund der Umstellung von der ORF-Gebühr auf die Haushaltsabgabe nicht mehr möglich war. Ingrid Thurnher spricht von „einer Dimension und Kurzfristigkeit, die an den Grundfesten rüttelt“ und kündigt eine Klage gegen die Republik an. Auch Clemens Pig hat sich bereits für eine solche ausgesprochen.
In Zusammenhang mit dem gefallenen früheren ORF-Chef Roland Weißmann muss der neue Generaldirektor hoffen, dass Thurnher die Affäre in den kommenden Monaten halbwegs bereinigt. Zwar ergab eine Compliance-Untersuchung des ORF, dass Weißmann keine sexuelle Belästigung begangen hat. Dennoch sprach ihm Thurnher wegen unangemessenem Verhalten gegenüber der betroffenen Mitarbeiterin die Kündigung aus. Der Hintergrund: Am 8. März war Weißmann nur als Generaldirektor zurückgetreten, sein Basisvertrag als leitender ORF-Angestellter – mit entsprechendem Salär – blieb gültig. Mittlerweile hat Weißmann den ORF beim Arbeits- und Sozialgericht geklagt.
Spätestens mit seinem Amtsantritt als ORF-Generaldirektor zum Jahreswechsel muss Clemens Pig mit Interventionen und gut gemeinten Ratschlägen aus der Politik rechnen. Wie er damit umgehen wolle, beantwortet er so: „Höflich im Ton, hart in der Sache.“