Der ORF-Stiftungsrat bestellt den Generaldirektor
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Kommende Woche bestellt der Stiftungsrat des ORF dessen nächsten Generaldirektor – laut Gesetz unabhängig. Doch die 35 Stiftungsräte gelten in der öffentlichen Meinung als entmündigte Parteivasallen und politische Befehlsempfänger. Zu Recht?

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Hätten Wladimir Putin und Donald Trump den Sitzungssaal des ORF-Stiftungsrats geplant – er würde genau so aussehen wie derzeit. Der kolossale ovale Tisch mit mehreren Metern Durchmesser dürfte ganz nach dem Geschmack des zu megalomanischen Möbelstücken neigenden russischen Präsidenten sein, seinem amerikanischen Amtskollegen müsste die extravagante, an die Kommandobrücke eines Raumschiffs gemahnende Ausstattung gefallen. Ovales wäre Trump vom Weißen Haus ohnehin vertraut.

Am 11. Juni werden die 35 Stiftungsrätinnen und Stiftungsräte hier, im sechsten Stock des ORF-Zentrums am Wiener Küniglberg, den neuen Generaldirektor des Unternehmens bestellen – auf paradoxe, typisch österreichische Weise: Die Stimmzettel werden zwar wie bei einer geheimen Wahl in eine Urne geworfen, sind aber namentlich gekennzeichnet, sodass das Stimmverhalten jedes Stiftungsratsmitglieds protokolliert werden kann – was den Mut der Stiftungsratsmitglieder hemmt, gegen politische Vorgaben zu optieren.

Der Stiftungsrat überwacht wie ein Aufsichtsrat einer Aktiengesellschaft die Geschäftsführung und genehmigt langfristige Pläne zu Programm, Technik, Finanzen und Personal. Dessen Mitglieder sind von der Politik unabhängig und weisungsfrei, wie es im Bundesverfassungsgesetz über die Sicherung der Unabhängigkeit des Rundfunks vom Juli 1974 und im ORF-Gesetz aus dem Jahr 2001 geschrieben steht.

Freundeskreise

Die Realität beschrieb der legendäre ORF-Chef Gerd Bacher einmal so: „Die Politiker interessiert nicht, wie es dem ORF geht, sondern wie es ihnen im ORF geht.“ Dieses Wohlergehen soll durch informelle parteipolitische Fraktionen, sogenannte Freundeskreise, abgesichert werden, die vor allem bei ÖVP und SPÖ eine große Rolle spielen. Gemeinsam haben Schwarz und Rot eine deutliche Mehrheit im Stiftungsrat (siehe Grafik).

Gernot Bauer

Gernot Bauer

ist seit 1998 Innenpolitik-Redakteur im profil und seit 2025 Leiter des Innenpolitik-Ressorts. Co-Autor der ersten unautorisierten Biografie von FPÖ-Obmann Herbert Kickl.