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ORF: Stiftungsratschef Lederer intervenierte für Produktionsfirma

Ein machttrunkener Stiftungsratschef interveniert für Interspot, während das System Wrabetz den ORF noch immer Millionen kostet: ein Zusammenspiel aus Einfluss, alten Netzwerken und fehlender Abgrenzung.

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Gestern Abend habe ich eine ordentliche Enttäuschung erlebt. Wieder einmal wurde ich von einem Mann versetzt, auf den ich mich wirklich gefreut hatte – und der „Ersatz“ war, sagen wir: ausbaufähig.

profil, „Kurier“, „Die Presse“ und die „Kleine Zeitung“ luden zu einer Diskussion mit dem Titel „Kann der ORF noch gerettet werden?“. Ich ließ mich dazu überreden, am Podium Platz zu nehmen – allerdings nur aus einem Grund: Der ORF-Stiftungsratsvorsitzende Heinz Lederer hatte zugesagt. Jener Mann also, der bisher jedes direkte Gespräch mit mir verweigerte und stattdessen sogar versuchte, bei meiner Geschäftsführung gegen mich zu intervenieren und mir Konsequenzen anzudrohen.

Umso größer war meine Vorfreude auf eine offene, sachliche Diskussion auf Augenhöhe. Ich schätze gepflegte Auseinandersetzungen sehr. Doch dazu kam es nicht: Lederer sagte kurzfristig ab – und ich musste mit FPÖ-Stiftungsrat Peter Westenthaler vorliebnehmen. Eventuell hängt Lederers Absage mit weiteren Fragen zusammen, die ich zu möglichen Geschäften seiner PR-Agentur gestern früh gestellt habe – und deren Vereinbarkeit mit seiner Funktion als Stiftungsratsvorsitzender zumindest diskutabel erscheint. Lederer steht dafür derzeit für seine Nebenjobs und sein Krisenmanagement im Fall Weißmann hart in der Kritik – profil berichtete schon über weitere Deals.

Konkret ging es etwa um ein mögliches Mandat für Interspot, eine etablierte TV-Produktionsfirma, die seit Jahrzehnten Sendungen für den ORF herstellt. Aus dem ORF wurde mir zugetragen, Lederer habe sich über längere Zeit intensiv dafür eingesetzt, dass Interspot-Aufträge verlängert werden. In Zeiten massiven Spardrucks ist der Wettbewerb um solche Aufträge härter denn je. Langjährige Produktionen wie „Studio 2“ oder „Seitenblicke“, bei denen es um Millionenbeträge geht, wurden neu vergeben. Und Lederer soll sich massiv bemüht haben, dass diese wieder der Interspot zufallen würden.

Warum also dieses Engagement?

Lederer selbst ließ meine Anfrage unbeantwortet. Bei Interspot hingegen erhielt ich Auskunft: Lederer habe für seine Unterstützung kein Geld bekommen, man kenne sich seit 25 Jahren, sei befreundet, er habe schlicht helfen wollen. Interspot habe versucht, einen Termin bei Generaldirektor Roland Weißmann zu bekommen – dieser sei jedoch nicht erreichbar gewesen. Also wandte man sich an den Stiftungsrat. Und Heinz Lederer habe schließlich interveniert.

Freunderlwirtschaft also.

Doch die entscheidende Frage bleibt: Warum mischt sich ein Stiftungsrat in operative Vergaben ein? Ist es wirklich angemessen, als Aufsichtsorgan Einfluss auf Vertragsentscheidungen zu nehmen oder gar dem Generaldirektor Termine nahe zu legen? Ich kann mir schwer vorstellen, dass sich ein Aufsichtsrat in anderen Unternehmen derart verhält – und würde mir das in meiner eigenen Organisation auch nicht gefallen lassen. Dort kennt man die Grenzen offenbar besser.

Ich habe Lederer noch weitere Fragen gestellt – Antworten habe ich bisher keine erhalten. Meine Recherchen laufen weiter, und ich werde Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, selbstverständlich darüber informieren.

Auch an den ORF habe ich zahlreiche Anfragen gerichtet. Die versprochene Transparenz lässt jedoch auf sich warten. Ich bekam knappe und wenig aussagekräftige Antworten – jeder ORF-Journalist hätte sich beschwert, wenn ihm eine Pressestelle derartiges auf konkrete Anfragen zurückschickt. Aber gut, die Pressestelle im ORF ist dieser Tage wohl besonders unter Druck. Besonders interessiert hat mich das Thema Betriebspensionen. Der Pensionsvertrag von Manager Pius Strobl ist aktuell ein zentraler Streitpunkt – und wohl auch ein Auslöser der aktuellen Affäre. Die Wurzeln reichen tief in die Ära Wrabetz.

Millionen Altlasten

Ex-Generaldirektor Alexander Wrabetz traf kurz vor seinem Ausscheiden Ende 2021 noch eine weitreichende Entscheidung: Er hinterließ die Verantwortung für den Pensionsvertrag von Strobl seinem Nachfolger Roland Weißmann. Der ORF musste dafür bilanzielle Rückstellungen bilden. Grundlage ist eine Vereinbarung aus den Jahren 2010/2011, die heute Rückstellungen von rund 2,4 Millionen Euro bedeutet. Die tatsächliche Auszahlung hängt von Strobls Lebensdauer ab. Der ORF möchte diese Pension nicht zahlen – nachvollziehbar, denn solche Betriebspensionen wurden offiziell bereits 2001 abgeschafft.

Dennoch bestehen Altlasten in Millionenhöhe weiter – sie reduzieren sich im Wesentlichen nur dadurch, dass Anspruchsberechtigte versterben.

Wrabetz selbst profitierte noch von der alten Regelung. Seine Pension beträgt rund 80 Prozent seines Letztgehalts – etwa 250.000 Euro jährlich. Entsprechend dürften Rückstellungen von drei bis vier Millionen Euro gebildet worden sein. Im Todesfall sind zudem Leistungen für seine Familie vorgesehen.

Der ORF beantwortete meine Fragen dazu nur knapp und ausweichend. Auch Roland Weißmann wollte sich nicht äußern.

Wrabetz betrieb eine Personalpolitik, die stark an frühere Jahrzehnte erinnert – viele Probleme wurden mit Geld gelöst. Ist ja immerhin nicht seines. Auch im Fall seines langjährigen Weggefährten Pius Strobl war das so. Dieser musste 2011 nach einer Abhöraffäre gehen, verschwand aber nie ganz: Zunächst war er externer Auftragnehmer, später wieder Berater und schließlich erneut ORF-Angestellter und verdiente über die Jahre Millionen.

Während gleichzeitig Mitarbeiter ab Mitte 50 mit „Golden Handshakes“ zum Gehen bewegt werden sollen, weil angeblicher Spardruck, kann der 69-jährige Strobl mit einem hochdotierten Vertrag weit über das Pensionsalter hinaus im Unternehmen bleiben.

Heute fordern manche im ORF (und der SPÖ) nach dem Fall Weißmanns sogar die Rückkehr von Wrabetz. Doch gerade in seiner Ära liegen viele der strukturellen Probleme begründet.

Der ORF sagt, er wolle aufklären.

Wir auch.

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Anna Thalhammer

Anna Thalhammer

ist seit März 2023 Chefredakteurin des profil und seit 2025 auch Herausgeberin des Magazins. Davor war sie Chefreporterin bei der Tageszeitung „Die Presse“.