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„Keine Liebesbeziehung. Kein Sex.“ – ORF-Mitarbeiterin schildert Belästigungsvorwürfe
Der erste Tagesordnungspunkt der Sitzung des ORF-Aufsichtsgremiums am vergangenen Donnerstag wurde wohl erst kurzfristig auf die Agenda gehoben. Der Vorsitzende des ORF-Stiftungsrats, Heinz Lederer, und sein Stellvertreter Gregor Schütze, informierten ihre 33 Kollegen dabei über den Stand einer für den ORF hoch brisanten Affäre. Protagonist: Roland Weißmann, dem von einer Mitarbeiterin sexuelle Belästigung vorgeworfen wird. Weißmann selbst ist zu diesem Zeitpunkt bereits seit fünf Tagen Generaldirektor außer Dienst, an seiner Stelle sitzt im Gremium Radiodirektorin Ingrid Thurnher, die in einem späteren Tagesordnungspunkt schließlich einstimmig zur interimistischen Generaldirektorin gewählt werden wird.
Zuvor jedoch wird im Stiftungsratssaal ein Brief verlesen, den die betroffene ORF-Mitarbeiterin tags zuvor übermittelt hatte. profil liegt der Brief an den Stiftungsrat zur Gänze vor, sowie eine ausführliche schriftliche Stellungnahme der Frau, die sie nach Bekanntwerden der Vorwürfe verfasst hat.
„im höchsten Ausmaß als sexistische Belästigung…“
Gleich zu Beginn des Briefs an den Stiftungsrat kritisiert die Betroffene, dass „der Opferschutz im ORF nicht ideal“ funktioniere, weswegen sie sich „nicht an die ORF-Instanzen, sondern an einen Anwalt gewandt“ habe.
Die Handlungen von Weißmann habe sie „im höchsten Ausmaß als sexistische Belästigung, Ausnützung eines Autoritätsverhältnisses und Missbrauch struktureller Macht empfunden, über die ich nicht länger schweigen wollte“.
Die „2021 und 2022 stattgefundenen inkriminierten Handlungen“ wären „zu keinem Zeitpunkt ,einvernehmlich‘ oder im Rahmen einer die freundschaftliche Ebene verlassenden ,Beziehung‘“ von ihr gewollt gewesen.
Die Tatsache, dass ich nie sexuellen Kontakt mit ihm wollte und nie eine intime Beziehung zu ihm hatte, wurde mir letztendlich zum Verhängnis.
Weißmann habe sich „mehrfach und eindeutig in einer unpassenden Art und Weise“ an sie gewandt, „die jedenfalls im Kontext eines ungebührlichen sexuell konnotierten Verhaltens zu werten ist“. Die Vorkommnisse hätten sie „beunruhigt und verängstigt“.
Sie habe „jahrelang in der Angst und Sorge gelebt“, wegen ihrer „deutlichen Zurückweisung des Mag. Weißmann sozusagen aus ,Rache’ ihren Job zu verlieren. „Sie können sich vielleicht vorstellen, was die Nachrichten in mir ausgelöst haben, dass Herr Mag. Weißmann nochmals für die Funktion des Generaldirektors kandidieren würde und nicht nur damit meine Ängste von Bestand wären, sondern auch andere Frauen im ORF von solchen Verhaltensweisen bedroht sein könnten“, erklärt sie weiter.
„Mäuschen“
Sie habe sich aber „selbst mit großer Anstrengung davon überzeugt, „dass man derartiges nicht einfach hinnehmen darf, dass Frau ihre persönlichen Ängste überwinden muss und dass es vielleicht auch meines Anstoßes bedarf, die zu hinterfragende ORF-Unternehmenskultur im Umgang mit Frauen und sexueller Belästigung zu ändern. Insbesondere der Mut von Frau Gisèle Pelicot hat mich schließlich zu diesem Schritt veranlasst.“ Daher habe sie sich entschlossen, Weißmann mit seinen Taten zu konfrontieren, „auch wenn diese in meinem Fall schon einige Jahre zurück liegen, aber früher war mir dieser Schritt persönlich nicht möglich“.
In ihrem Schreiben an den Stiftungsrat betont die ORF-Mitarbeiterin deutlich, warum sie den Rücktritt von Weißmann als ORF-Generaldirektor fordert. Es sei ihr nicht „zuzumuten“, dass ihr „der ehemalige Generaldirektor im Haus begegnet, womöglich in einer Funktion auftritt, in der er mir schaden kann oder über persönliche Netzwerke an mir Rache übt“. Weißmann bestreitet die Vorwürfe. Vergangene Woche ließ er über seinen Anwalt Oliver Scherbaum seine Sicht der Dinge darlegen, profil berichtete.
Die Betroffene schreibt weiter: „Alle gezielt aus dem ORF gestreuten Gerüchte, alle medialen Spekulationen über Intrigen oder Racheakte“ in Zusammenhang mit ihrem Fall würden jedweder Grundlage entbehren. Sie wehre sich gegen „Versuche der ,Täter-Opfer-Umkehr‘, ich sehe mich als bewusste und selbstbewusste Frau, die sich weder für Interessen Dritter einspannen lässt, noch ein ,Mäuschen‘ ist, welches von einem ,Mann‘ instrumentalisiert wird.“
„Keine Liebesbeziehung. Kein Sex.“
In einer ausführlichen Stellungnahme, in der sich die Betroffene öffentlich zu den Vorwürfen äußert, erklärt die Frau, sie habe versucht „die Angelegenheit rund um die Affäre Weißmann wirkungsvoll und diskret zu lösen“. Danach sei sie allerdings „diskreditiert“ und „diffamiert“, ihre „Opferrechte mit Füßen getreten“ worden. „Ich bin von den Verdrehungen der Tatsachen schockiert, erschüttert und emotional sehr betroffen. Dass Herr Weißmann mit Anwälten und medialer Begleitung gerichtliche Schritte und strafrechtliche Konsequenzen androht, empfinde ich als ein unangenehm durchsichtiges Ablenkungsmanöver und letztlich als ein weiteres Zeichen jenes Verhaltens, das mich in diese Situation gebracht hat. Meinem wiederholt kommunizierten Angebot, die Angelegenheit auf einem respektvollen Niveau zu lösen, wollte Herr Weißmann nicht nähertreten. Stattdessen wird offenbar Druck eingesetzt, dem ich mich ausdrücklich verwehre“.
Zunächst habe sie die Angelegenheit bewusst nicht öffentlich machen wollen. Erst nachdem die Vorwürfe publik geworden sind, entschied sie sich, ihr Schweigen zu brechen und sich zugleich unter Wahrung ihrer „Identitäts- und Persönlichkeitsrechte an die Öffentlichkeit zu wenden“.
In ihrer Darstellung weist sie die zentralen Gerüchte klar zurück und wählt dafür bemerkenswert deutliche Worte: „An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich festhalten, dass ich mit Herrn Weißmann nie eine Affäre hatte und es zu keinem Zeitpunkt zu einem intimen physischen Kontakt zwischen uns kam. Dies bin ich bereit, unter Eid zu erklären. Die Tatsache, dass ich nie sexuellen Kontakt mit ihm wollte und nie eine intime Beziehung zu ihm hatte, wurde mir letztendlich zum Verhängnis.“
Zum Schluss weitet sie den Blick über den eigenen Fall hinaus und rahmt ihre Wortmeldung als Signal: „Es soll damit nicht nur mich als Opfer schützen, sondern auch alle Frauen ermutigen, die an ihrem Arbeitsplatz oder in ihrem Umfeld Ähnliches hinnehmen mussten.“
Weißmann will nun eine Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Wien einbringen. In einer Aussendung am Dienstag hieß es, rund um die Vorgänge, die zu seinem Rücktritt als ORF-Generaldirektor führten, bestehe der Verdacht auf „strafrechtlich relevantes Verhalten mehrerer involvierter Personen“. Die Einbringung der Anzeige soll in Kürze erfolgen.