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Raiffeisen International: Festgefahren in der russischen Tundra

Trotz aller Bemühungen zur Entkoppelung beschäftigen Russland und der umstrittene Deripaska-Deal die Anleger der RBI nach wie vor. Gleichzeitig will die Bank Anteile an der heimischen Addiko Bank kaufen, die seit zwei Jahren in einer Patt-Situation mit einem serbischen Oligarchen feststeckt.

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„Ohne Russland.“ Es gab eine Zeit, da wären Aussagen wie diese auf einer Hauptversammlung der Raiffeisen Bank International AG (RBI) undenkbar gewesen. Russland war die Cash-Cow der RBI; ein großer Teil des Konzerngewinns wurde dort erwirtschaftet. Das war vor Russlands Angriff auf die Ukraine. Seitdem ist der Vorstand Jahr für Jahr um Abgrenzung bemüht. Die Gruppe muss „ohne Russland“ funktionieren, und die Gewinne sind heute auch ohne Russland“ robust. 

Für Johann Strobl ist diese Hauptversammlung die letzte. Vielleicht wollte er zu Beginn des Kriegs 2022 noch abwarten, den Konflikt aussitzen. Irgendwann, so die Hoffnung, müsste sich die Lage doch beruhigen. Tatsächlich hat der Russland-Krieg ihn ausgesessen. Ab 1. Juli übernimmt Michael Höllerer den Vorstandsvorsitz der RBI. Und mit ihm eine ziemlich festgefahrene Russland-Situation. Aber der Reihe nach. 

Am Vorabend der Hauptversammlung verkündete die RBI kurz nach Börsenschluss, dass sie ein freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot für die Addiko Bank vorbereite. Die RBI will alle ausgegebenen und ausstehenden Addiko-Aktien erwerben und hat dafür einen Angebotspreis von 23,05 Euro je Aktie in Aussicht gestellt; das Angebot soll an eine Mindestannahmeschwelle von mehr als 75 Prozent geknüpft sein. 

Die Addiko Bank ist die Nachfolgerin jenes Teils der Hypo Alpe Adria, in dem das noch gesunde Balkan-Geschäft gebündelt und fortgeführt wurde. profil hat ausführlich über die Bank berichtet, die seit zwei Jahren in einer Patt-Situation mit einem serbischen Oligarchen feststeckt sehr zum Missfallen der EZB. Die Geschichte können Sie hier und hier nachlesen.

Die RBI bietet also 23,05 Euro je Aktie. Das geplante Angebot ist an kartellrechtliche und regulatorische Genehmigungen gebunden und wäre, sollte es gelingen, ein durchaus symbolträchtiger Abschied für Noch-CEO Johann Strobl und ein markanter Start für Michael Höllerer. 

Immer wieder Russland

Doch auch auf dieser Hauptversammlung drehte sich vieles um die Russland-Frage. Dabei läuft es für die RBI auch „ohne Russland“ gut. Das Ergebnis ohne Moskaus Beitrag belief sich 2025 auf 1,443 Milliarden Euro und lag damit 48 Prozent über dem Vorjahreswert. Die Botschaft ist klar: Wir wachsen, und wir sind auf die Gewinne aus Moskau nicht mehr angewiesen. CEO Johann Strobl betonte immer wieder, dass man „weiterhin an einem Ausstieg aus Russland“ arbeite. Dass das aber nicht so einfach sei, weil sehr viele verschiedene Stellen von Moskau über Frankfurt bis Washington mitreden oder zumindest Einfluss nehmen. 

Die Lage dort als verfahren zu bezeichnen, wäre noch untertrieben.

Mit 5,622 Milliarden Euro Eigenkapital und einer bilanziellen Eigenkapitalquote von über 30 Prozent ist die Russland-Tochter AO Raiffeisenbank extrem stark kapitalisiert. Das Eigenkapital übersteigt sogar die Forderungen gegenüber Kunden, also die Kundenkredite, die zuletzt bei rund 4,4 bis 4,5 Milliarden Euro lagen. Eine solche Bank ist ein Unikum. 

Doch seit die russische Zentralbank kurz nach Kriegsbeginn Kapitalverkehrsbeschränkungen verhängt und Dividendenausschüttungen in „unfreundliche“ Staaten faktisch blockiert hat, sitzt ein großer Teil dieses Geldes in Russland fest. Und obwohl die Bank auf Drängen der EZB ihr Geschäft deutlich zurückfahren musste und Transaktionen von und nach Russland stark eingeschränkt wurden, rollt der Rubel noch immer. Operativ erzielte die Russland-Tochter 2025 weiterhin sehr hohe Erträge: Allein der Zinsüberschuss lag bei rund 1,6 Milliarden Euro. Die RBI hat selbst darauf hingewiesen, dass ein Großteil dieses Zinsüberschusses daraus stammt, dass überschüssige Liquidität bei der russischen Zentralbank geparkt wird und auf Kundeneinlagen keine Zinsen gezahlt werden.

Von diesem Geschäft hat die RBI derzeit allerdings wenig abgesehen von erheblichem Reputationsschaden und juristischen Risiken. Und seit einiger Zeit hat das sehr viel mit dem russischen Oligarchen Oleg Deripaska zu tun. In einem Schiedsverfahren musste die RBI-Tochter in Russland 2,044 Milliarden Euro plus Zinsen zahlen; vollstreckt wurden am Ende rund 2,109 Milliarden Euro. 

Zur Vorgeschichte: Die RBI wollte über ihre Russland-Tochter 27,78 Prozent der Strabag-Anteile im Wert von 1,51 Milliarden Euro von der russischen Rasperia Trading Limited übernehmen. Vereinfacht gesagt: Statt Geld klassisch aus Russland herauszuschaffen, was kaum möglich ist, wollte die RBI mit in Russland gebundenem Geld Strabag-Aktien kaufen. 

Das Problem daran: Rasperia wurde dem sanktionierten russischen Oligarchen Oleg Deripaska zugerechnet. Deshalb galten die betreffenden 28,5 Millionen Strabag-Aktien als sanktionsrechtlich blockiert. Im Mai 2024 platzte der Deal; die Aufsichts- und Sanktionsbehörden in der EU und in den USA sahen das Konstrukt als zu riskant an. 

Für Rasperia war der geplatzte Deal ein Milliardenschaden. Deshalb zog die Gesellschaft im russischen Kaliningrad gegen Strabag und deren Kernaktionäre Uniqa, Raiffeisen-Holding Niederösterreich-Wien und die Haselsteiner Familien-Privatstiftung vor Gericht und bekam Schadenersatz zugesprochen. Da keiner dieser Aktionäre nennenswerte Vermögenswerte in Russland hatte, griffen die Behörden letztlich auf die Vermögenswerte der AO Raiffeisenbank zu, einer Art Verwandten dieser Gesellschaften.

Auf die Frage zweier Anlegervertreter, ob daraus Regressansprüche vor allem gegenüber der Strabag geplant seien immerhin geht es ja um Strabag-Anteile sagte Aufsichtsratsvorsitzender Erwin Hameseder: „Wir arbeiten noch nicht daran, den Schaden in Österreich weiterzugeben. Sondern daran, dass die Sanktionen aufgehoben werden.“

Seit 2022 müssen sich Vorstand und Aufsichtsrat immer wieder dieselbe Frage gefallen lassen: Arbeitet die RBI tatsächlich an einem Russland-Ausstieg, und wann soll er erfolgen? Immerhin wurde das Transfersperre-Regime für die RBI-Tochter in Russland nach der Vollstreckung des ersten Urteils wieder gelockert; dennoch bleibt ein Verkauf politisch, regulatorisch und praktisch extrem schwierig. Seit Jahren bekommen die Aktionäre im Kern dieselbe Antwort: Man verfolge weiterhin die Entkonsolidierung der Tochter durch einen Verkauf. Das sagte CEO Strobl auch diesmal wieder. Nur müsste ein solcher Schritt eben in Moskau, in Wien, in Frankfurt und indirekt auch in Washington durch ein Dickicht aus Politik, Aufsicht und Sanktionen. Sisyphusarbeit also. Mal sehen, welche Antwort Neo-CEO Höllerer den Anlegern im kommenden Jahr geben wird.   

Marina Delcheva

Marina Delcheva

leitet das Wirtschafts-Ressort. Davor war sie bei der „Wiener Zeitung“.