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Jung, arm, unsichtbar: Warum immer mehr Frauen finanzielle Sorgen haben
Einmal ins Kino gehen, in der Drogerie Kosmetik kaufen oder in einem Fastfood-Restaurant einen Burger mit Pommes holen – was für viele Jugendlichen und junge Erwachsene selbstverständlich scheint, ist für Lilli lange Zeit unerschwinglich.
Lillis Mutter hat Krebs und konnte deswegen jahrelang nicht arbeiten gehen. Sie bezog zwar AMS-Geld, doch dieses reichte kaum für die monatlichen Ausgaben. Als dann 2024 auch noch Lillis Vater nach einer schweren Operation für mehrere Monate ausfiel, musste Lilli für den Großteil des Unterhalts ihrer fünfköpfigen Familie aufkommen. Das sei jeden Monat aufs Neue ein Überlebenskampf gewesen, erzählt die 21-Jährige.
Während andere Mädchen in diesem Alter ausgehen, sich ausprobieren oder Pläne für die Zukunft schmieden, musste die gebürtige Wienerin funktionieren. 40 Stunden pro Woche arbeitete sie als Telefonistin im Frontoffice, pflegte zu Hause ihre kranken Eltern und kümmerte sich um ihre jüngeren Geschwister. Auf die Frage, wie sie das geschafft habe, antwortet Lilli wie selbstverständlich: „Du kürzt von deinem Schlaf ab“. In guten Nächten kam sie auf knapp vier Stunden, in anderen musste sie mit noch weniger auskommen.
Von klein auf belastet
Gerade junge Mädchen sind besonders armutsgefährdet, da ihre finanzielle Not im Vergleich zu gleichaltrigen Buben häufig lange unbemerkt bleibt. Grund dafür ist, dass Frauen nach wie vor den größten Teil der sogenannte Care-Arbeit übernehmen – also Tätigkeiten, die im familiären Umfeld stattfinden und unbezahlt bleiben. Dazu zählen beispielsweise Kinderbetreuung, Altenpflege oder Hausarbeit. Diese ungleiche Verteilung beginnt aber nicht erst im Erwachsenenalter, sondern bereits bei den Jüngsten.
Laut einer Studie des gewerkschaftsnahen „Momentum Instituts“ leisten bereits zehn bis vierzehn-jährige Mädchen um 31 Prozent mehr Care-Arbeit als Buben, bei den Jugendlichen sind es sogar um 49 Prozent mehr. Unter der Mehrfachbelastung können Schule und Ausbildung leiden, erklärt Martina Fürpass, Geschäftsführerin der Wiener Mädchen- und Frauenberatungsstelle „sprungbrett". Hinzu kommt ein weiteres Problem: „Wenn eine junge Frau die Schule oder die Ausbildung abbricht, um sich zuhause um ihre Familie zu kümmern, fällt das weniger auf als bei einem jungen Mann, weil es oft als selbstverständlich gilt. Die Folgen, was es heißt, keine Ausbildung zu haben, werden nicht bedacht.“
Wenn ein Döner zum Luxusgut wird
Zwischen Hausarbeit, Beruf und familiären Pflichten war auch Lilli stark belastet. Um sich etwas dazuzuverdienen, wurde sie kreativ: Über Plattformen wie Willhaben holte sie Dinge ab, die andere verschenkten. „Damit bin ich auf den Flohmarkt gegangen, habe mir einen Standplatz gemietet und jeden Sonntag verkauft“, erzählt sie. Dass sei ein wichtiger Nebenverdienst gewesen, auch weil er steuerfrei war.
Ich bin ein halbes Jahr mit zerrissenen Schuhen gelaufen, weil ich mir keine neuen leisten konnte.
über ihre finanziellen Sorgen
Ein Besuch beim Dönerladen, eine Bibliothekskarte oder gar ein Smartphone wurden in dieser Zeit zum puren Luxus. „Ich habe mir wirklich nur das Allernötigste gekauft“, erklärt Lilli: „Ich bin ein halbes Jahr mit zerrissenen Schuhen gelaufen, weil ich mir keine neuen leisten konnte.“
Als die Waschmaschine kaputt ging, wusch sie ihre Kleidung ein Jahr lang mit der Hand. Das sei anstrengend gewesen und habe viel Zeit in Anspruch genommen, erzählt Lilli. Deshalb begann die Familie damit, genau zu planen, welche Kleidungstücke mehrfach pro Woche getragen werden können. „Wir haben unsere Kleidung parfümiert, damit sie gut riecht und wir nicht stinken“, sagt Lilli dazu: „Dieses tägliche Umziehen gab es bei uns einfach nicht.“
Immer mehr Mädchen suchen finanzielle Unterstützung
Die Wienerin, die aus einer streng konservativen Familie kommt und auch deswegen in diesem Artikel mit ihrem Pseudonym Lilli genannt wird, ist eine von ungefähr 1600 jungen Frauen und Mädchen, die der Verein „sprungbrett" jährlich betreut. Die Beratungsstelle unterstützt Heranwachsende zwischen elf und 25 Jahren in schwierigen Lebenslagen durch kostenlose Angebote bei der Berufsorientierung und der Lehrstellensuche, aber auch bei psychischen Krisen und Schwierigkeiten in der Schule oder in der Familie.
Seit Herbst 2024 registriert der Verein, dass immer mehr junge Frauen mit finanziellen Sorgen Hilfe suchen: Waren es 2023 noch elf Prozent, hat sich die Zahl im Folgejahr mit 21 Prozent fast verdoppelt – und auch 2025 blieb die Nachfrage ähnlich hoch. Grund dafür seien die anhaltende Teuerung samt steigender Mieten und hoher Lebensmittelpreise, erklärt Geschäftsführerin Fürpass: „Auch die Einsparungen im Sozielbereich verschärfen die Lage weiter.“
Gespart wird ausgerechnet dort, wo die Unterstützung am notwendigsten wäre.
Geschäftsführerin sprungbrett
Mit 1. Jänner 2026 sind in Wien massive Kürzungen im Sozialbereich in Kraft getreten, insbesondere bei der Mindestsicherung. Betroffen sind vor allem subsidiär Schutzberechtigte, wohnungslose oder suchtkranke Menschen. Aber auch die Beratungsstellen für Frauen und Mädchen spüren das Sparprogramm. Viele Partnerprojekte des Vereins „sprungbrett" sind betroffen, darunter etwa Einrichtungen der Wiener Sucht- und Drogenhilfe, was es schwer macht, passende Angebote für die Mädchen zu finden und sie weiterzuvermitteln. Fürpass kritisiert: „Gespart wird ausgerechnet dort, wo die Unterstützung am notwendigsten wäre.“
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Ein blinder Fleck in der Statistik
Insgesamt sind in Österreich fast eine halbe Millionen Frauen von Armut bedroht: Wie viele Mädchen gefährdet sind, lässt sich hingegen nur schwer sagen. Sie gehen in der öffentlichen Debatte und den Armutsstatistiken oft unter. Das liegt auch an der Art und Weise, wie Armutsgefährdung statistisch erfasst wird, erklärt Karin Heitzmann. Sie ist Leiterin des Forschungsinstituts „Economics of Inequality" an der Wirtschaftsuniversität Wien.
„Wenn wir Armutsgefährdung anschauen, dann wird immer auf Basis von Haushalten gemessen, nicht auf Basis von Individuen“, sagt Heitzmann. Dabei wird angenommen, dass sämtliches Einkommen unter den Familienmitgliedern gleichmäßig verteilt ist und entweder alle Personen eines Haushalts armutsgefährdet sind oder keine davon: „Da wird kein Geschlechterunterschied gemacht.“
Insgesamt lässt sich europaweit ein Trend beobachten: Waren in früheren Jahrzehnten vor allem ältere Generationen armutsgefährdet, sind es jetzt Kinder und Jugendliche. „Mit der Jahrtausendwende hat sich das gedreht“, meint Heitzmann dazu: „Wir sehen, dass wir in der gesamten Europäischen Union stärker auf Familien schauen müssen, also auf Haushalte mit Kindern.“
Die Expertin betont zudem, dass spezielle Untersuchungen für Mädchen notwendig sind, da Armut ein komplexes Phänomen ist, bei dem verschiedene Faktoren wie Geschlecht, Alter und Herkunft zusammenspielen.
Am Beispiel eines Haushalts mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern: Das Familieneinkommen wird pauschal betrachtet, zusammengezählt und gleichmäßig auf alle Personen verteilt. Ist das Einkommen knapp, gelten automatisch alle Familienmitglieder als armutsgefährdet – auch wenn es in Wirklichkeit klare Unterschiede geben kann. So könnte die Tochter weniger Zugang zu eigenen Schulmaterialien, Freizeitangeboten oder Förderkursen haben als ihr Bruder.
Genau solche Fälle kennt man auch beim Verein „sprungbrett". „Manche Familien können sich nur die Nachhilfe oder Ausbildung für ein Kind leisten und da werden die Burschen den Mädchen vorgezogen. Die Tochter geht dann leer aus und bekommt keine notwendige Unterstützung“, erzählt Geschäftsführerin Fürpass.
Bildung als Faktor X
Dabei ist Bildung oft der entscheidende Faktor, um der Armutsfalle zu entkommen: Menschen, die lediglich einen Pflichtschulabschluss haben, sind in ihren späteren Leben häufiger von Armut betroffen. Jede weiterführende Ausbildung – sei es eine Lehre oder eine höhere schulische Qualifikation – senkt dieses Risiko deutlich.
Die armen Kinder von heute sind oft die armen Erwachsenen von morgen.
Leiterin des Forschungsinstituts Economics of Inequality an der Wirtschaftsuniversität Wien
Doch Bildung wird genauso wie Armut über Generationen hinweg vererbt. „Wenn Familien dauerhaft mit Existenzsicherung beschäftigt sind, wenn sich der Alltag darum dreht, wie man mit möglichst wenig Geld über die Runden kommt, bleibt kaum Raum für langfristige Planung oder Zukunftsvisionen“, erläutert WU-Expertin Karin Heitzmann: „Die armen Kinder von heute sind oft die armen Erwachsenen von morgen.“
Endlich selbst jung sein
Jemand der sich trotz aller Widerstände aus der Armutsfalle kämpfen will, ist Lilli. Die 21-Jährige hat sich hohe Ziele gesetzt, strebt eine Ausbildung im IT-Bereich an und hat auch schon eine Stelle in Aussicht – dafür muss sie Wien und ihre Familie allerdings verlassen und in eine andere Stadt ziehen. Traurig ist Lilli deswegen nicht.
Ganz im Gegenteil: Sie freut sich auf ihren neuen Lebensabschnitt. „Wenn man sein Leben lang im Schatten anderer steht – immer Mutter, Vater, große Schwester, Erziehungskraft, Organisatorin und verantwortlich für den ganzen Haushalt ist – dann bleibt keine Zeit, selbst jung zu sein“, sagt Lilli.
Mit ihrer Ausbildungsstelle bekommt sie ein stabiles Einkommen und durch den Ortswechsel eine neue Freiheit – und vielleicht wird der Cheeseburger mit Pommes für sie bald kein Luxus mehr sein, sondern nur mehr ein schneller Imbiss auf dem Heimweg von der neuen Arbeit.