Habsburg
Immer in der Mitte, das ist ganz klar, selbstverständlich. Ich habe in meiner Geburtstagsrede übrigens auch die Linken kritisiert.
Österreich hält stark an einer immerwährenden Neutralität fest. Sollte es der NATO beitreten?
Habsburg
Immerwährend gibt es in der Politik nicht. Ich habe mit der Art und Weise, wie die Neutralität bei uns in der Verfassung steht, überhaupt kein Problem. Aber die meisten Leute verwenden es ja nicht so, sondern als Feigenblatt für Dinge, die sie nicht machen wollen. Wenn die Neutralität dafür herhalten soll, dass wir keine Minensuchgeräte, Helme oder Rotkreuz-Pakete in die Ukraine liefern, dann ist die Neutralität völlig falsch verstanden. Ich spreche mich jetzt zweifellos nicht für eine sofortige NATO-Mitgliedschaft aus. Wofür ich mich aber vehement ausspreche, ist ein europäisches Sicherheitskonzept. Und an diesem Sicherheitskonzept sollte Österreich natürlich auch entsprechend teilhaben.
Im Zuge der aktuellen Iran-Krise ist immer wieder die Rede von der konstitutionellen Monarchie als einer möglichen Nachfolgeform des Mullah-Regimes. Wie beurteilen Sie die Lage im Iran? Kennen Sie Reza Pahlavi?
Habsburg
Reza Pahlavi, den Sohn des Schahs, habe ich einige Male persönlich getroffen, ich kann aber absolut nicht behaupten, dass ich ihn kenne. Wir sind uns begegnet, es kam zu Shakehands und dem üblichen Smalltalk. Er ist zweifellos eine integrative Persönlichkeit für verschiedene Strömungen im Iran. Wenn er zumindest in einer Übergangsphase eine Rolle spielen kann, fände ich das ausgezeichnet.
Viele Anhänger Pahlavis treten nicht nur unerbittlich dem Regime der Mullahs entgegen, sondern auch anders denkenden Oppositionellen wie den Linken – auch auf den Straßen Wiens.
Habsburg
Momentan sehen wir eine riesige Radikalisierung, einen Extremismus, der sich in jede Richtung herausbildet. Aber es gibt einen breiten Konsens, dass man das aktuelle Regime in Teheran loswerden will. Wo dieser Zug hingeht, das wissen wir alle noch nicht.
Der Kaiser von Österreich trug auch den Titel „König von Jerusalem“. Wie haben Sie den Gazakrieg erlebt und verfolgt?
Habsburg
Mit riesigem Bedauern. Was mich am meisten schmerzt, und das gilt jetzt nicht nur in Gaza, sondern generell: dieses Ersetzen von internationalem Recht durch das Recht des Stärkeren. Ich habe ein Problem überall da, wo Rechtsstaatlichkeit und humanitäres Völkerrecht unterbuttert werden.
Hatten Sie das Gefühl, dass Österreich an Israels Vorgehen in Gaza zu wenig Kritik geübt hat?
Habsburg
Sie müssen mich jetzt entschuldigen, weil ich nicht wirklich jeden Tag verfolge, was von Österreichs Seite aus zu einem Konflikt in Gaza gesagt wird.
Ihre Tochter Gloria hat sich ja via Social Media häufig zum Gazakrieg zu Wort gemeldet – propalästinensisch, Boulevardmedien schrieben sogar „antisemitisch“.
Habsburg
Der Antisemitismusvorwurf ist völliger Blödsinn. Meine Kinder sind in einem ganz anderen Bewusstsein aufgewachsen.
Die Frage, um die sich die Diskussion dreht, ist, ob Israel einen Genozid in Gaza verübt hat.
Habsburg
Für mich ist diese Frage eigentlich nicht unbedingt relevant. Wie man es rechtlich definiert, kann man sicherlich in zwei Richtungen auslegen. Das alles hat vielleicht eine Bedeutung für uns in der Argumentation, aber keine für die Tausenden Toten.
Der Name Habsburg taucht auch in den berüchtigten Files rund um den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein auf.
Habsburg
Und zwar ganze 56 Mal.
Sind Sie oder Ihre geschiedene Frau Francesca Habsburg Epstein je begegnet?
Habsburg
Nein, weder noch. Meine Ex-Frau ist Jeffrey Epstein nie begegnet. Ihr Name fiel deswegen, weil ein gemeinsamer Bekannter von Ep-stein und meiner Ex-Frau ein Projekt aufbauen wollte, wo es, glaube ich, um Musikdigitalisierung gegangen ist oder Ähnliches. Er wollte, dass sie in dieses Start-up investiert. Das Projekt kam aber nie zustande.
Hat es Sie geärgert, dass der Name Ihres Hauses in diesem Zusammenhang vorkam?
Habsburg
Überhaupt nicht. Völlig wurscht. Das ist mir so unvorstellbar egal, dass ich es kaum ausdrücken kann, denn ich kenne den Kontext.
Sie sind geschieden und wieder verheiratet, aber auch gläubiger Katholik. Ist die Ehe nicht ein heiliges Sakrament?
Habsburg
Sie können mir glauben, dass die Scheidung keine leichtfertige, sondern eine sehr schmerzhafte Entscheidung war.
Kürzlich titulierte der Wiener Dompfarrer Toni Faber den Zölibat in einem Interview als „alten Zopf“. Wie stehen Sie zu solchen Lockerungen innerhalb der katholischen Kirche?
Habsburg
Die Kirche ist mein Freund. Deswegen bin ich mit öffentlichen Kommentaren sehr vorsichtig.
Betrifft das auch den jahrelang vertuschten Missbrauchsskandal innerhalb der katholischen Kirche?
Habsburg
In diesem Zusammenhang habe ich mich sehr wohl mehrmals kritisch geäußert.
Die Kaiser von Österreich herrschten seit jeher „von Gottes Gnaden“. Wie sehen Sie diese Begründung des damaligen Machtanspruchs heute?
Habsburg
Da sollte man wahrscheinlich Gott außen vor lassen. Man soll sich einsetzen für seine Wertvorstellungen. Und seinen Glauben. Und ich bin ein gläubiger Mensch. Aber ich glaube nicht, dass man Gott für ein politisches System verantwortlich machen sollte. Wenn Sie Kaiser Franz Joseph im Jahr 1860 gefragt hätten, ob er sich vorstellen kann, dass im Jahr 1920 Österreich eine Republik ist, wäre das für ihn äußerst unwahrscheinlich gewesen. Wenn Sie mich heute fragen, ob ich mir vorstellen könnte, dass im Jahr 2060 oder 2120, eine andere Staats- oder Regierungsform in Österreich herrscht, kann ich nur antworten: Ich weiß es nicht.
Das heißt, es könnte auch sein, dass Ihre Zeit noch kommt?
Habsburg
So alt werde ich nicht, dass ich das noch erleben könnte.
Bei unseren Recherchen sind wir auf ein Zitat Ihrer Großmutter, der früheren Kaiserin Zita, gestoßen. Als Adolf Hitler nach dem Einmarsch der Nazis 1938 in der Schatzkammer nach dem legendären gelben Florentiner, dem mit 137 Karat viertgrößten Diamanten weltweit, fahnden ließ, habe sie ihm angeblich ausrichten lassen
„Der Florentiner wird erst aus seinem Versteck kommen, wenn der nächsten Kaiser von Österreich-Ungarn gekrönt werden wird.“ Kennen Sie dieses Zitat?
Habsburg
Nein, das ist mir völlig unbekannt.
Womit wir bei einem Thema angekommen sind, das im vergangenen November die Republik in Aufregung versetzte der Juwelenfund der Habsburger. Neben dem Florentiner zählen auch eine Smaragduhr Marie Antoinettes und andere Preziosen aus dem Besitz Maria Theresias dazu.
Habsburg
Mein Lieblingsthema.
Wir rekapitulieren kurz: Sie haben via „New York Times“ und „Spiegel“ öffentlich gemacht, dass der Schmuck, der von Ihrer Großmutter nach Kanada gebracht worden war, in einem Bankschließfach in Kanada aufgetaucht ist. Was ist denn jetzt der Status quo?
Habsburg
Der Status quo ist, wie ich es immer dargestellt habe: Die Schmuckstücke gehören einem Trust in Kanada. Der Trust ist eine unabhängige Institution. Dorthin wurde der Schmuck durch meine Cousins eingebracht. Das heißt prinzipiell, dass ich darüber gar nichts entscheiden kann. Ich kann nur schmunzelnd zur Kenntnis nehmen, welche Diskussion diese Nachricht ausgelöst hat.
Was bringt Sie daran zum Schmunzeln?
Habsburg
Dass die Geschichte in einer Art Emotionen geweckt hat, die mich wirklich amüsiert. Aber ich habe keinen Einfluss darauf, was mit dem Schmuck passiert.
Wieso haben Sie keinen Einfluss? Sie sind doch das Oberhaupt der Familie Habsburg.
Habsburg
Ja, aber ich bin nicht der Trustee. Und das ist auch schon der Punkt, dass es eben einen Trust gibt, der völlig unabhängig ist.
Als Armin Wolf Sie in der „ZIB 2“, man kann es nicht anders bezeichnen, gegrillt hat …
Habsburg
Ich fand das gar nicht so schlimm.
In diesem Interview erklärten Sie, dass Sie gar nicht gewusst hätten, dass dieser Schmuck existiert. Es fällt uns ein bisschen schwer, zu glauben, dass Sie als Oberhaupt des Hauses Habsburg-Lothringen davon keine Ahnung gehabt haben sollen.
Habsburg
Nein, ich wusste tatsächlich nichts davon.
Als 1921 die junge Republik bei Ihrem Großvater vorstellig wurde, um die Rückgabe der Juwelen aus der Schatzkammer zu fordern, erklärte der, so die Historikerin Kathrin Unterreiner in ihrem Buch „Die verschollenen Schätze der Habsburger“, dass ihm die Juwelen geraubt worden seien.
Habsburg
Auch davon weiß ich nichts.
Grob gesprochen gibt es zwei Ansichten darüber, wem diese Juwelen jetzt zustehen. Die eine Seite sieht sie als Eigentum der Republik, die andere klassifiziert sie als Privateigentum der Familie.
Habsburg
Ich bin überzeugt, dass eine Kommission, die hier eingesetzt wurde, dies realistisch betrachten wird. Auch wenn ich sehr bedauere, dass es keine internationale Kommission ist.
600 Mitglieder zählt die Dynastie heute in etwa. Es gibt auch die Debatte, dass alle Habsburger in der Causa zum Zug kommen sollten, da es sich um Eigentum des „allerhöchsten Kaiserhauses“ handeln könnte, das nicht an Personen gebunden ist.
Habsburg
Im Prinzip war es natürlich etwas, das meine Großeltern, Kaiser Karl und Kaiserin Zita, als ihr Eigentum betrachtet haben, und deswegen geht das natürlich vor allem an die Nachfahren meiner Großeltern.
Und die restlichen Zweige, etwa die Nachfahren von Kaiser Franz Joseph, regen sich da gar nicht auf?
Habsburg
Die Frage interessiert mich im Grunde genommen gar nicht, weil ich davon ausgehe, dass unser Familienerbe nie veräußert werden wird. Das Ganze gehört einem Trust. Und der Trust hat darüber zu entscheiden.
Von Boulevardmedien werden Sie häufig als „Kaiserenkel“ tituliert. Stört Sie das?
Habsburg
Es ist mir lieber, wenn man über meine Tätigkeit als Medienunternehmer berichtet. Wir haben den landesweit größten Unterhaltungsradiosender in der Ukraine. Ich erreiche 70 Prozent der Bevölkerung und jede Großstadt der Ukraine, auch die besetzten Gebiete im Donbass. Es gibt natürlich Nachrichten, aber wir kommentieren wenig. Wir senden in verschiedenen Sprachen. Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, auch in der Ukraine auf Russisch zu senden. Weil man ja nicht über den Fakt hinwegsehen kann, dass rund ein Drittel der ukrainischen Bevölkerung muttersprachlich Russisch spricht. Und ich will absolut nicht, dass diese Menschen sich jetzt auf russische Sender berufen müssen, um Nachrichten zu bekommen.
Die russische Sprache steht in der Ukraine unter Druck, es wurden auch russischsprachige Bücher verbrannt. Haben Sie das Gefühl, dass man über diese Dinge in der Ukraine offen sprechen kann?
Habsburg
Ich kann das, glaube ich, wirklich sehr offen diskutieren, weil ich auch immer mein eigenes Beispiel bringen kann: Ich bin muttersprachlich deutsch, ich bin kulturell deutsch, ich bin ethnisch deutsch bis zu einem gewissen Grad. Aber ich bin dezidiert kein Deutscher.
Sind Sie Österreicher?
Habsburg
Eindeutig Österreicher, aber hundertprozentiger.
Wie viele Pässe besitzen Sie?
Habsburg
Ich glaube, ein österreichischer Pass reicht völlig aus, weil es ja ein Pass ist, der heute weltweit zu den besten Dokumenten gehört, mit denen man überhaupt herumreisen kann.
Verdienen Sie mit Ihrem ukrainischen Sender Ihren Lebensunterhalt?
Habsburg
Nein. Zweifellos nicht mehr seit dem Jahr 2022. Dort zu bleiben, war keine ökonomische Entscheidung, es ging vielmehr darum, vor Ort Präsenz zu zeigen. Dadurch, dass der Radiosender einem Ausländer gehört, ist er viel weniger Problemen ausgesetzt, als es einer wäre, der womöglich im Besitz ukrainischer Oligarchen ist. In einem Land, das im Krieg steht, gibt es auch Zensur. Aber wir haben ein gutes Arbeitsverhältnis mit den entsprechenden staatlichen Stellen.
Verzeihen Sie die Frage: Aber wovon leben Sie dann?
Habsburg
Ich habe nach wie vor Radiosender in Holland. Diese habe ich mit Christo Grozev, meinem Freund, dem Aufdeckerjournalisten, gegründet. Christo und ich kennen einander vom Studium in Bozen. Die niederländischen Medienbeteiligungen sind heute mein finanzielles Hauptstandbein.
Angesichts der Debatte um die Juwelen: Haben die Österreicher ein verkrampftes Verhältnis zu den Habsburgern?
Habsburg
Ich lebe jetzt seit 40 Jahren in Österreich, früher war die Situation noch anders. Heute ist es wesentlich entspannter.
Aber es gibt ja auch, das sieht man etwa an Ihrem St.-Georgs-Orden, die bürgerliche Sehnsucht, mit Aristokraten, nennen wir es flapsig, zu kuscheln.
Habsburg
Das haben Sie jetzt gesagt.
Es gibt ja auch die nicht unkomischen aristokratischen Jargon-Bezeichnungen für Bürgerliche, die den Kontakt zu Blaublütern suchen Hermelinflöhe oder Kronenkraxler. Ist das etwas, was Sie auch im St.-Georgs-Orden erleben?
Habsburg
Nein, ich habe Respekt vor den Menschen. Es gibt eine menschliche Sehnsucht nach Kontinuität, weil sie die Zukunft berechenbarer macht. In unserer extrem schnelllebigen Zeit, in der wir ununterbrochen unvorstellbare Paradigmenwechsel erleben, steht der St. Georgs-Orden für Werte- und Geschichtsbewusstsein. Damit ist dieses Interesse wahrscheinlich zu begründen.
Ist es für Sie auch eine Frage der Kontinuität, dass Sie keine klare Antwort auf die Frage Armin Wolfs gegeben haben, ob Sie sich als rechtmäßigen Kaiser dieses Landes sehen?
Habsburg
Ich bin ja nicht in einer Position, wo ich gewisse Antworten geben muss. Ich muss darauf keine direkte Antwort geben. Was mich interessiert, ist die heutige Zeit und was jetzt geschieht. Für mich funktioniert unser politisches System im Großen und Ganzen, und es hat über die letzten sieben Jahrzehnte bewiesen, dass es eine tragfähige, sichere, gute Struktur für unseren Kontinent gibt.
Sehen Sie die Österreicher noch immer als Ihre Untertanen?
Habsburg
Hätte ich mich dann in einer demokratischen Wahl gestellt?
Warum antworten Sie dannnicht mit einem klaren Nein auf die Frage, ob Sie sich als rechtmäßiger Kaiser Österreichs sehen?
Habsburg
Die nächste Frage, die dann immer kommt, ist: „Wie stehen Sie denn zur Republik?“ Und da sage ich: Kein System ist immerwährend. Für mich gibt es gewisse Begriffe, die haben in der Politik nichts verloren. Immerwährend. Niemals. Das sind Begriffe, die eigentlich aus dem Religionsbereich stammen und nicht in die Politik gehören. Ich glaube, dass ich ein besserer Demokrat bin als viele andere.