Kokain-Boom in Österreich: Neue Routen, neue Dealer, mehr Angebot
Alles beginnt ganz entspannt. In der WG-Küche mit ein paar Freunden und einer Flasche Billigwein vom Discounter. Man trifft sich, um die bestandene Uni-Prüfung zu feiern, oder auch einfach nur, um auf das Wochenende anzustoßen. Bis einer der Freunde eine Telefonnummer zugeschickt bekommt – und Kokain für die Runde organisiert. Seither endet der Abend nicht um Mitternacht, sondern um neun Uhr morgens. Zuerst in eine Bar, danach in den Club und schließlich in den Afterhour-Club oder zu irgendeinem Fremden in die Wohnung – ungefähr so haben fast alle Samstage der mittlerweile 26-jährigen Malina aus Wien ausgesehen. Jahrelang hat sie wöchentlich Kokain konsumiert: „Die meisten Wochenenden meiner Zwanziger habe ich bei Nacht verbracht“, erzählt sie. Malina heißt in Wirklichkeit anders, ihr Name wurde auf eigenen Wunsch von der Redaktion geändert.
Immer mehr junge Erwachsene verbringen ihre Wochenenden wie Malina. Laut dem Abwassermonitoring war Kokain in Österreich im Vorjahr mit einem Konsum von rund zwölf Tonnen nach Cannabis die beliebteste Droge. Laut dem Bundeskriminalamt sei der österreichische Kokainmarkt extrem dynamisch und wachse exponentiell – 17,6 Prozent aller Anzeigen in der Drogenkriminalität beziehen sich auf das Suchtmittel. Die von der Polizei sichergestellte Menge betrug 2021 noch 80,5 Kilogramm, 2023 waren es bereits rund 155 Kilo. Die Droge wirkt also fast omnipräsent – und wird immer beliebter.
Aber wie ist der Kokain-Boom zu erklären? profil begab sich auf eine Spurensuche unter Drogenfahndern, Konsumenten und den Banden, die mit dem weißen Pulver reich werden.
Wo unser Koks herkommt
Um nachvollziehen zu können, warum in Österreich öfter durch die Nase gezogen wird, muss man verstehen, wie das „weiße Zeug“ nach Europa kommt. Kolumbien ist weiterhin das wichtigste Produktionsland für Kokain, aber längst nicht das einzige. Über Kolumbien wird die Droge – meist über den Seeweg in Containern – zu den großen Häfen Antwerpen, Hamburg oder Rotterdam gefrachtet und findet schließlich ihren Weg über die Balkanroute nach Mittel- und Westeuropa.
Doch auch hier haben sich neue Orte etabliert, über die die Drogen zu den Dealern gelangen: Aufgrund der hohen polizeilichen Kontrollen in den drei „Trendhäfen“ Rotterdam, Hamburg und Antwerpen kommt zunehmend Kokain über kleinere Mittelmeerhäfen – etwa in Spanien oder Frankreich – nach Europa.
Während noch vor einigen Jahren insbesondere Dealer aus West- und Ostafrika in Wien verkauft haben, dominieren laut Ermittlern mittlerweile Balkan-Clans den Markt. Nachdem die Drogen in den Häfen am Mittelmeer landen, werden sie von Serbien oder Montenegro aus in ganz Europa verteilt.
Zwei Gruppierungen aus Montenegro spielen hier eine zentrale Rolle: die Kokain-Clans aus den Ortschaften Kavač und Škaljari in der montenegrinischen Region Kotor. Einst Verbündete, führen sie seit 2014 aufgrund von verschwundenen 200 Kilogramm Kokain einen blutigen Krieg. Es kam zu hunderten brutalen Morden – auch in Wien, wo 2018 ein Bandenmitglied des Kavač-Clans vor dem Innenstadtlokal Figlmüller erschossen wurde.
Zurück zum Kokainursprung: In Lateinamerika hat sich in den vergangenen Jahren einiges verändert. Laut Daniel Lichtenegger, Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung der Suchtmittelkriminalität, produzierte Kolumbien 2023 mit rund 2700 Tonnen um etwa 50 Prozent mehr Kokain als zuvor. Der nordamerikanische Markt dürfte gesättigt sein, während der europäische Markt in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist. Das liegt auch daran, dass die Grenze zu den USA immer strenger kontrolliert wird und dass andere Drogen wie Fentanyl dort nach wie vor sehr gefragt sind.
Neben Kokain aus Kolumbien konnten europäische Drogenfahnder auch Ware aus anderen lateinamerikanischen Ländern wie Peru und Bolivien sicherstellen, die etwa über Häfen in Ecuador nach Europa gelangt ist.
Man verlässt sich jedoch längst nicht nur auf den Schiffsverkehr – auch in der Luftfracht sowie im Passagierverkehr wird häufig Stoff aufgegriffen, etwa auf der Direktflugroute zwischen der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba und Wien. „Auch wurde in den letzten Jahren nicht nur Kokain in veredelter Form geschmuggelt, sondern zur Verschleierung Vorstufen dieser Droge, die dann in europäischen Laboren zu Kokain finalisiert werden“, so Lichtenegger.
Die Qualität von Kokain hat sich – zumindest im Großhandel – massiv verbessert, sie liegt durchschnittlich zwischen 75 und 90 Prozent Reinheitsgrad. Das Kokain, das letztlich konsumiert wird, wird hingegen immer stärker gestreckt – etwa mit Lokalanästhetika (Betäubungsmittel), Koffein oder Levamisol (Entwurmungsmittel).
Im Großhandel kostet ein Kilogramm zwischen 44.000 und 50.000 Euro – es soll aber auch Deals um rund 20.000 Euro pro Kilogramm geben. Und auf der Straße?
100 Euro das Gramm
„Früher habe ich zwischen 70 und 80 Euro pro Gramm gezahlt, in den letzten Jahren war mir reine Qualität aber immer wichtiger, deshalb gab ich meist 100 Euro aus“, erzählt Malina. 100 Euro ist seit vielen Jahren der Durchschnittspreis für Kokain am illegalen Markt: „Ich finde es schon interessant, dass in den letzten Jahren alles teurer geworden ist – außer die Drogenpreise. Die sind immer konstant geblieben.“
100 Euro für ein Gramm Kokain zahlt auch André, 26, wenn er mit seinen Freunden feiern geht. Auch er heißt in Wirklichkeit anders und möchte anonym bleiben. André kommt aus Bayern und lebt seit drei Jahren in Wien. Mit dem Umzug begann sein Kokainkonsum – durch einen Freund aus der Heimat: „Es ist zu einer Art Gruppendynamik geworden. Wenn man mit Leuten unterwegs ist, mit denen man sich wohlfühlt, und einer was dabei hat, sagt man nicht nein.“
Und wenn niemand etwas dabei hat, wird die Beschaffung von Kokain zur Gruppenaktivität: Die Jungs sprechen gemeinsam Dealer in der Nähe von Lokalen am Wiener Gürtel an, ziehen mit ihnen eine „Probelinie“ und kaufen schließlich ein Gramm – oder sie kaufen bei Dealern in Clubtoiletten, um sich danach gemeinsam in einer der Kabinen einzusperren und mit zusammengerollten Zehn-Euro-Scheinen Lines zu ziehen, erzählt André.
Dass Kokain fester Bestandteil des Wiener Nachtlebens ist, berichtet auch Malina: „Es ist nicht ohne Grund so, dass die Toiletten in den Cafés der bürgerlichen Wiener Bezirke wie Mariahilf, Neubau oder der Josefstadt immer besetzt sind. Mich wundert, dass die Polizei da nicht kontrolliert.“ Im Winter werde in Toiletten bekannter Hipsterlokale konsumiert, im Sommer in Parks: „Manche haben auch kleine Löffel, aus denen sie unterwegs unauffällig konsumieren können.“
Vor allem in studentischen, intellektuellen und künstlerischen Kreisen in Wien gehöre Kokain mehr oder weniger dazu, findet Malina: „Manche Menschen machen Kokain zu ihrer einzigen Charaktereigenschaft – und das Besitzen von Kokstaxi-Nummern zu ihrem Statussymbol.“
Bei sogenannten Kokstaxis handelt es sich um Drogendealer, die über Social Media oder Messenger-Dienste kontaktiert werden, um Kokain zu liefern – Lieferando für Drogen also. Erst im Dezember des vergangenen Jahres wurden sechs verdächtige Personen, die Kunden per „Coco Taxi“ beliefert haben sollen, von der Polizei verhaftet. Wenn Malina Kokain kaufen wollte, tat sie das ebenfalls über Kokstaxis. „Man denkt immer, dass es so schwer ist, die Telefonnummern zu bekommen und dass man kryptische Nachrichten schreiben muss – dabei ist das in echt eine ganz normale WhatsApp-Nachricht.“ Ein ihr bekannter Dealer postete auf seinem Instagram-Account regelmäßig Stories mit bestimmten Emojis, wenn er neuen Stoff hatte.
Laut Daniel Lichtenegger seien Kokstaxis jedoch eher ein Randphänomen – stattdessen bestellen immer mehr Menschen Drogen über Darknet, Social Media oder Messenger-Dienste und bezahlen mit Kryptowährungen, um ihre Spuren zu verschleiern.
Drogenverherrlichende Popkultur als Sündenbock?
Der Boom könnte auch mit seiner ständigen Präsenz in der Popkultur zusammenhängen. Im öffentlichen Diskurs wirkt es oft so, als sei Drogenverherrlichung in Rap- oder Popsongs sowie in Filmen und Serien schuld daran, dass der Kokainkonsum steigt. Auch Daniel Lichtenegger meint: „Die Popkultur bagatellisiert Drogen und macht auch Koks scheinbar cool.“
Aber ist das wirklich so? Malina erinnert sich an ihre Teenagerzeit, als der Wiener Rapper Yung Hurn auf dem Höhepunkt seiner Karriere war. Viele seiner Lieder behandelten Themen wie Sex, Partys oder Kokain. „Yung Hurn, wieso machst du das? Wieso sagst du das? (…) Yung Hurn, wieso bist du so? Wieso ziehst du Koks? Ich geh’ gern zur Polizei (scheiß Snitch)“, rappt der 30-Jährige in seinem Lied „Y.Hurn wieso?“. Wegen mittlerweile erhobener Missbrauchsvorwürfe gegen Minderjährige steht der Rapper bei vielen Fans in der Kritik.
Schon Falco sang: „Ganz Wien ist heut’ auf Kokain“ – eine Zeile aus dem millionenfach gestreamten Hit „Ganz Wien“.
Durch soziale Netzwerke ist es heute so leicht wie nie, Musik zu veröffentlichen – und damit wächst im deutschsprachigen Raum die Zahl jener Künstler, die Kokain offen verherrlichen. Songs bekannter deutscher Künstler wie Ski Aggu, Tiefbasskommando oder Pöbel MC, in denen die Droge thematisiert wird, sind häufig aufwendig produziert und setzen auf eingängige, humorvolle Inszenierungen. Gerade diese stilistische Qualität trägt dazu bei, dass entsprechende Inhalte breite Aufmerksamkeit finden – unabhängig davon, wie problematisch ihre Botschaften sind.
Gleichzeitig zeigt die am 28. Oktober erschienene Netflix-Dokumentation „Babo – Die Haftbefehl-Story“ die andere Seite: die zerstörerischen Folgen einer Sucht. Der Rapper Haftbefehl spricht darin über seine Überdosis 2023, bei der er nach massivem Kokainkonsum kurzzeitig klinisch tot war. Die Dokumentation hat das Thema Drogenmissbrauch und die Konsequenzen drogenerherrlichender Popkultur – die der Rapper in seinen Songs jahrzehntelang selbst reproduziert hat – mitten in die öffentliche Debatte gerückt.
Folgen einer Kokainsucht
Laut der Wiener Suchthilfe hat Kokain ein hohes Abhängigkeitspotenzial: „Das hängt zum einen damit zusammen, dass die Substanz kurz wirkt und demnach schnell nachgelegt werden möchte, zum anderen damit, dass die als positiv wahrgenommenen Wirkungen möglichst bald erneut erlebt werden wollen.“ Regelmäßiger Konsum kann zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Persönlichkeitsveränderungen oder Angststörungen führen. Körperlich kann es zu Schädigungen des Herzgewebes kommen, die Herzfehler oder -infarkte nach sich ziehen. Außerdem zerstört nasaler Kokainkonsum die Nasenschleimhaut und kann die Nasenscheidewand durchlöchern.
André meint, er spreche mit seinen Freunden offen über die Folgen regelmäßigen, problematischen Kokainkonsums. Er konsumiere deshalb „nur“ alle drei Monate: „Ich kenne Fälle von Menschen, deren Charakter sich nach zu viel Kokain verändert hat. Don’t do coke – oder genieße es halt mit Vorsicht.“
„Mit Vorsicht genießen“
Ist es überhaupt möglich, Kokain mit Vorsicht zu genießen? „Wichtig ist hierbei die Unterscheidung zwischen problematischem Konsum und Risiken. Risiken bestehen bei jedem Konsum – und sie können niemals vollkommen reduziert werden“, heißt es von der Suchthilfe. Theoretisch ist es möglich, den Konsum so unter Kontrolle zu haben, dass er keine negativen Auswirkungen auf andere Lebensbereiche hat und man jederzeit wieder aufhören kann. Zwischen fünf und sechs Prozent der Gesamtbevölkerung haben zumindest einmal in ihrem Leben Kokain konsumiert.
Ein problematischer Kokainkonsum zeigt sich oft nicht zwingend im täglichen Konsum, sondern in sogenanntem Binge-Verhalten. Das bedeutet, dass man – wenn man konsumiert – extrem intensiv konsumiert.
Wie verheerend die gesundheitlichen Folgen exzessiven Kokainkonsums sein können, hat Malina hautnah miterlebt. Ein Freund ihres Ex-Partners fiel nach einer mutmaßlichen Überdosis Kokain in den künstlichen Schlaf – und befindet sich seit mittlerweile zwei Jahren im Koma.
Das war ein Mitgrund für die 26-Jährige, der Droge komplett den Rücken zu kehren. Seit Jahresanfang ist sie clean: „Erst wenn man selbst kein Kokain mehr zieht, merkt man, wie exkludierend diese Droge Dritten gegenüber ist – und dass diese Gruppendynamik eher Gruppenzwang ist.“ Kürzlich war sie auf einer Homeparty, auf der ein Teil der Gäste Kokain konsumierte. Die Gruppe sperrte sich im Schlafzimmer ein und war für den Rest der Partygäste nicht mehr ansprechbar: „Ich habe irgendwann gemerkt: Das ist nicht mehr mein Leben. So möchte ich nicht sein.“ Kokain vermisst sie bis heute nicht.