Österreichs Fussball-Nationalmannschaft bereitet sich gerade auf die WM in den USA vor – und das mit einigen Nebengeräuschen. Es gibt neue Millionenstars, große Reformpläne und ein Tauziehen um die Vertragsverlängerung von Teamchef Ralf Rangnick. Einblick in turbulente Wochen.
Ein trüber Tag Mitte März im ÖFB-Campus in Wien-Aspern. Ralf Rangnick sitzt erstmals im WM-Jahr vor der Presse – mit großer Brille, brauner Jacke und dieser knorrigen Mischung aus Ehrgeiz und Ernsthaftigkeit. Vor vier Monaten hat Österreichs Nationalmannschaft die erste WM-Teilnahme seit 28 Jahren fixiert. 125 Tage war seither Pause. Keine Trainings, keine Spiele, keine Siege. „Wie eine halbe Ewigkeit“ sei ihm das vorgekommen, sagt der 67-jährige Teamchef heute. Doch die Winterpause war kein Winterschlaf.
Rangnick hat die Zeit genützt, um zwei Millionen-Stars für den ÖFB an Land zu ziehen: den 20-jährigen Paul Wanner, eines der größten deutschen Fußballtalente, derzeit Stammspieler bei PSV Eindhoven. Und den 22-jährigen Carney Chukwuemeka von Borussia Dortmund. Zusammen liegt ihr Marktwert bei knapp 40 Millionen Euro.
Aus dem heimischen Nachwuchs rücken derzeit kaum Top-Spieler nach. Also hat Rangnick die zwei Doppelstaatsbürger – um die sich auch die Verbände aus Deutschland und England bemüht hatten – jahrelang umgarnt, Gespräche geführt und ihnen das ÖFB-Team schmackhaft gemacht. Wanners Vater ist Vorarlberger, Chukwuemeka wurde in Österreich geboren, ehe seine nigerianischen Eltern nach England auswanderten. Rangnick ist stolz auf seinen Coup. Die zwei, sagt er verschmitzt, seien für den ÖFB „nicht ganz so schlechte Transfers“.
ÖFB-Neuzugang Paul Wanner im Trainingslager in Marbella
Der Ehrgeiz des Teamchefs ist in der Winterpause offenbar nicht kleiner geworden. Wenn er da am Podium vor der Presse sitzt und von den tollen neuen Möglichkeiten des Kaders schwärmt, merkt man: Geistig ist er längst beim Turnier. Bei der Weltmeisterschaft, sagt er mit breiter Brust, „können wir für Aufsehen sorgen“.
Und eigentlich will er das auch danach noch fortsetzen. Rangnick plant bereits über die WM hinaus. Dabei schweben ihm laut profil-Informationen Reformen für den gesamten ÖFB vor. Das Problem: Sein Vertrag läuft nach dem Turnier aus. Und die Verlängerung stockte zuletzt – auch, weil es kritische Stimmen gab.
Im Hintergrund finden seit Monaten Gespräche statt. Zwischen Rangnick und ÖFB-Boss Josef Pröll. Zwischen Pröll und seinen machtbewussten Aufsichtsratskollegen. Es geht um Geld, Reformen, ein bisschen Radau – und: eine Entscheidung, die kurz bevorsteht.
Eigentlich träumt Rangnick schon vom schönen Santa Barbara in Kalifornien, wo das Nationalteam während der WM wohnen wird – zwischen Palmen, Pools und Prunk. Mehrmals reiste eine ÖFB-Delegation ins direkt am Meer gelegene Luxushotel Ritz-Carlton, um letzte Details zu klären. Rangnick, der das Resort im Dezember besichtigte, schwärmt, dieses sei „von allen, die ich angeschaut habe, das mit Abstand beste“. Auf das Nationalteam warten Sandstrände, perfektes Klima, kurze Wege, ein „schnuckeliger“ Flughafen. Er freue sich, erklärte ÖFB-Chef Pröll, „die Wunschlösung“ des Teamchefs ermöglicht zu haben.
Doch nicht alle im ÖFB-Apparat freuten sich mit. Das Nationalteam gönne sich einen Luxusurlaub, unkten Funktionäre zuletzt hinter vorgehaltener Hand, während Landesverbände und Bundesliga um ÖFB-Gelder streiten müssten. In diesen Wochen wurde also auch die Frage laut, ob ein anderer Teamchef dem Verband nicht „viel billiger“ käme, wie der steirische Landespräsident Wolfgang Bartosch ganz offen im „Kurier“ anmerkte. Rangnicks Verlängerung wurde zum Politikum. „Wenn er es zu den gleichen finanziellen Bedingungen macht“, spreche nichts gegen eine Fortsetzung, erklärte Niederösterreichs Landespräsident Johann Gartner. „Aber sonst wird es schwierig.“
Dabei verdient Rangnick nur so viel wie sein Vorgänger Franco Foda, etwa eine Million Euro pro Jahr, und weit weniger als jene zwei Millionen, die Marcel Koller bereits vor zehn Jahren erhalten hat. Rangnick füllt die Stadien, lockt Sponsoren an und spielte ein WM-Antrittsgeld von 10,5 Millionen Euro ein. Er bringt dem ÖFB mehr, als er kostet.
Gesprächsbasisarbeit
Mit dem Funktionärsfußvolk, also den ÖFB-Landesfürsten, spricht Rangnick nach den Querelen der Vergangenheit nicht mehr. Sein Ansprechpartner ist ÖFB-Boss Pröll, dem eine wichtige Rolle zukommt. In den letzten Jahren ging es zwischen Rangnick und den Länderchefs um die Verteilung der ÖFB-Gelder. Welche Mittel bekommt Rangnick fürs Nationalteam? Was fließt in die Landesverbände und zur Bundesliga? Pröll, der schon als ÖVP-Vizekanzler viel Erfahrung mit Föderalismus sammelte, kommt die Rolle des Konfliktlösers zu. Er führte dafür etliche Gespräche mit Rangnick, Funktionären und auch Spielern.
Während der WM-Auslosung Anfang Dezember in den USA unterhielten sich Rangnick und Pröll ausführlich über ihre weitere Zusammenarbeit. Rangnick will in erster Linie sichergestellt wissen, dass er im ÖFB unter professionellen Bedingungen arbeiten kann – etwa seinen Staff nach hohen Ansprüchen auswählen oder im Sportstrategischen mitmischen. Versäumnisse der letzten Jahre erschweren ihm nämlich gerade die Arbeit. Die goldene Spielergeneration wird älter. Stars wie David Alaba (bei der WM bereits 34), Marko Arnautović (37), Marcel Sabitzer und Michael Gregoritsch (32) könnten nach dem Turnier ihre ÖFB-Karrieren beenden. Während die Türkei, Norwegen oder Dänemark über Millionenstars Anfang 20 verfügen, kommen in Österreich kaum Top-Talente nach.
ÖFB-Präsident Pröll, Teamchef Rangnick: Die Gesprächsbasis passt.
Vergangenen Sommer meldete sich Rangnick noch spätabends bei Pröll, um ihm sein Leid zu klagen. Der Teamchef saß gerade vorm TV, verfolgte die 0:5-Pleite von Sturm Graz gegen Bodø/Glimt, als ihm auffiel, dass die Norweger mit neun Landsmännern aufliefen, die Steirer aber bloß mit zwei Österreichern – und selbst die waren nicht für den ÖFB spielberechtigt. „Irgendwas stimmt im Staate Österreich nicht“, kritisierte Rangnick. In der heimischen Bundesliga will man neuerdings vor allem mit Legionären Millionen verdienen, weshalb eigene Talente in den letzten Jahren immer seltener zu Einsätzen kamen.
Der ÖFB hat – auch deshalb – einen Strategieprozess gestartet. Laut profil-Informationen nahm Rangnick zuletzt an einer Sitzung mit Vertretern von Bundesligaklubs teil und teilte dort ordentlich aus. Es ging um die Liga ohne Fokus auf junge Österreicher, Fehler in der Ausbildung und den Mangel an kreativen Kickern im Land. Will Rangnick hier erfolgreich weitermachen, das ist ihm bewusst, muss er in grundlegende Bereiche eingreifen.
Rangnick würde sich einen starken ÖFB-Sportchef wünschen, der mit ihm Reformen umsetzt. In ÖFB-Sportdirektor Peter Schöttel sieht er keine große Hilfe. Schöttel ist zwar bei seinen Mitarbeitern beliebt, weil er sie – anders als Vorgänger Willi Ruttensteiner – machen lässt und mit großen Kompetenzen ausstattet. Ebenso wird er aber als behäbig und entscheidungsschwach beschrieben. Unter Schöttel kümmerten sich lange die Nachwuchs-Teamchefs darum, Spieler mit Doppelstaatsbürgerschaft für den ÖFB zu gewinnen. Wanderten welche ab, erklärte er bloß resignativ, dass es sich eben „schwer verhindern lässt, dass jemand für sein Vaterland spielen will“. Immer öfter griff ihm Rangnick ins Lenkrad, telefonierte mit Spielern und machte intern Druck, den Kampf um hoffnungsvolle Talente verbissener zu führen.
Vergangenen Sommer meldete sich Rangnick noch spätabends bei Pröll, um ihm sein Leid zu klagen. Der Teamchef saß gerade vorm TV, verfolgte die 0:5-Pleite von Sturm Graz gegen Bodø/Glimt, als ihm auffiel, dass die Norweger mit neun Landsmännern aufliefen, die Steirer aber bloß mit zwei Österreichern – und selbst die waren nicht für den ÖFB spielberechtigt.
Im Schatten von Rangnicks Arbeitseifer zog sich Schöttel immer mehr zurück. Und der Teamchef übernahm vermehrt Aufgaben, die eigentlich bei Schöttel lägen. Er kümmert sich um den Nachwuchs, forciert eine einheitliche Spielphilosophie und lockt internationale Top-Talente zum ÖFB. In den letzten Jahren wurden mehrere Nachwuchsteamchefs getauscht, neue Physiotherapeuten geholt, der Betreuerstab ausgeweitet – und mit Ex-Teamspieler Sebastian Prödl ein Nachwuchsleiter installiert. „Die Gesamtausrichtung des ÖFB ist ein großes Thema für ihn“, betont ein Funktionär gegenüber profil.
Ein öffentliches Scharmützel
Die Entscheidungsträger des ÖFB – Landesverbandspräsidenten und Vertreter der Bundesliga – sahen in den Reformen aber zuallererst ihre Pfründe bedroht. Denn wenn Rangnick mehr Geld in die Professionalisierung des Nationalteams steckt, bleibt den Landesverbänden und der Bundesliga weniger. Deshalb sind nicht alle Funktionäre über Rangnick glücklich.
Bei einer Aufsichtsratssitzung Ende Jänner sprach ÖFB-Chef Pröll unerwartet die Rangnick-Verlängerung an – obwohl das Thema nicht auf der Tagesordnung stand. Ein öffentliches Scharmützel war die Folge. „Wir wurden überrascht“, erklärte ein Funktionär dem profil perplex. Noch im Sitzungssaal entstand eine Debatte darüber, ob man sich Rangnick überhaupt weiterhin leisten wolle. „Es ging ums Geld“, erzählt ein Funktionär dem profil. Nachsatz: „Schließlich wollen alle zum Futtertrog.“ Viele Landesverbände finanzieren sich zu großen Teilen aus ÖFB-Geldern und hatten zuletzt Einbußen hinzunehmen. Auch die Bundesliga, die statt 42 Millionen Euro TV-Vermarktungserlös künftig pro Saison nur noch 34 Millionen kassiert, kämpft um mehr Geld. Hier zeigte sich der große Konstruktionsfehler des ÖFB. Jene Männer, die unabhängig im Sinne des österreichischen Fußballs entscheiden sollten, machen ihr Abstimmungsverhalten nun davon abhängig, ob sie selbst davon profitieren. Die Teamspieler hätten die besten Rahmenbedingungen und den zielstrebigsten Coach verdient, erklärte Niederösterreichs Landespräsident Gartner, „aber ich glaube nicht, dass wir uns das leisten können“.
Rangnicks Vorteil: Er genießt im Land Heldenstatus. Seine Spieler wollen ihn nicht mehr hergeben. Und: Sponsoren freuen sich, dass da endlich einer ist, der dem Verband positive Schlagzeilen bringt. Seit seinem Amtsantritt im Frühjahr 2022 hat er Österreich zu einer EM und einer WM geführt. Dabei wurden Kaliber wie Deutschland, die Niederlande, Kroatien und Italien besiegt. Von den letzten 36 Partien wurden bloß sechs verloren. Insgesamt hält Rangnick mit 1,90 Punkten pro Spiel den besten Schnitt aller ÖFB-Teamchefs.
Laut profil-Informationen formulierte Rangnick gegenüber Pröll zuletzt klar seine Wünsche und deutete an, in Österreich bleiben zu wollen. Also braucht es – so wie im ÖFB traditionell üblich – einen Kompromiss.
Im ÖFB ist seine Beliebtheit geringer, weil Rangnick aneckt und seine Nase in alle möglichen Dinge steckt. Einige Funktionäre hätten lieber einen pflegeleichteren Teamchef, der sich bloß auf das grüne Feld konzentriert – und das große Ganze den honorigen Herren überlässt. Immer wieder trudeln Angebote für Rangnick ein, gerade soll laut profil-Informationen auch ein anderer Nationalverband Interesse zeigen. Manche im ÖFB würden seinen Abgang nicht ungern sehen. Aber Rangnick verbeißt sich gerne in seine Aufgaben.
Gehaltserhöhung dank Sponsoren
Laut profil-Informationen formulierte Rangnick gegenüber Pröll zuletzt klar seine Wünsche und deutete an, in Österreich bleiben zu wollen. Also braucht es – so wie im ÖFB traditionell üblich – einen Kompromiss. Schon Ende letzten Jahres ging ÖFB-Chef Pröll auf die Landespräsidenten zu und stockte ihre Gelder auf. Kurz darauf gab es auch ein Angebot für Rangnick, wie ein Entscheidungsträger dem profil bestätigt. Doch da soll sich der ÖFB finanziell kaum bewegt haben – und Rangnick nicht verstanden haben, warum Vorvorgänger Koller vor zehn Jahren zwei Millionen erhielt und er bloß die Hälfte.
Nun lenkt der ÖFB ein. Das Teamchefsalär wird doch kräftig erhöht – von bislang einer Million Euro auf etwa zwei Millionen. Der Hintergrund: Mehrere Sponsoren haben sich bereit erklärt, das Gehaltsplus zu finanzieren. Sprich: Eine Million zahlt der ÖFB, die andere kommt von den Geldgebern, die Rangnick als ÖFB-Aushängeschild im Land halten wollen. Dazu soll ein Budgetrahmen für die Professionalisierung der Nationalmannschaft beschlossen worden sein, in dem er sich bewegen kann. Für Rangnick, das ergeben profil-Recherchen, ist vor allem entscheidend, dass der oft noch behäbige ÖFB handlungsschneller wird – und er sich nicht, wie in den letzten Jahren, in endlosen Streitereien aufreiben muss. Nun gehe es „nur noch darum, ob er zustimmt oder nicht“, heißt es im Verband.
Und es sieht gut aus. Rangnick gefällt es in Österreich.
Er ist in Obertrum am See heimisch geworden, wird bald 68 Jahre alt und hat ein Herzensprojekt, an dem er weiter schrauben kann. Dazu kommt: Der Deutsche war nie wirklich beliebt in seiner Karriere – weder als spröder Taktik-Professor noch als unnahbarer Konzernmanager, der einst die Dosenklubs von Red Bull konkurrenzfähig machte. Nun aber wird er geliebt – von einem ganzen Land.
Rangnick wirkt zufrieden in diesen Tagen. Im spanischen Marbella wurde zuletzt unter Palmen für die WM in den USA, Kanada und Mexiko trainiert. Eine kleine Spitze hatte Rangnick für die Gegner seines Reformeifers dennoch parat. Bei der Pressekonferenz vor zwei Wochen fragte er gut gelaunt in die Runde, ob der ÖFB vielleicht doch noch ein wenig Geld übrig hätte: Es brauche noch einen Lehrer, schmunzelte er, der dem bloß Englisch sprechenden Neuzugang Chukwuemeka ein paar Brocken Österreichisch beibringe.
ÖFB-Boss Josef Pröll möchte den Vertrag von Erfolgs-Teamchef Ralf Rangnick verlängern – doch mehrere Funktionäre stehen auf der Bremse. Es geht um Geld, Eitelkeiten und den Reformeifer des Deutschen.
Josef Pröll will als neuer ÖFB-Chef den Verband aufräumen. Ein Gespräch über spätabendliche Sprachnachrichten von Teamchef Ralf Rangnick, das Budgetloch bei der Wiener Austria - und jenes im Bund.