Boni statt Bergbau: Warum „European Lithium“ in Kärnten nicht fördert
Eigentlich sollte in Kärnten seit dem vergangenen Jahr Lithium abgebaut werden. So wurde das vom Management der „European Lithium Ltd.“ zumindest angekündigt. Wobei: angekündigt wurde das seit 2016 schon oft, genau so oft wurde der Projektstart aber auch wieder verschoben. Das liegt unter anderem, aber nicht nur an einem Rechtsstreit, dessen Ausgang abgewartet werden muss. Ungeachtet dessen zeigt ein Blick in die Geschäftsberichte aber, dass es zumindest, was das wirtschaftliche Fortkommen des Managements betrifft, gar nicht zwingend darum geht, ob Lithium abgebaut wird oder nicht.
Was also steckt dahinter, dass ein australisches Unternehmen seit 2011 Schürfrechte für österreichische Lithiumminen besitzt, diese Anfang der Woche um zwei weitere Jahre verlängert hat – und nach wie vor kein Produktionsstart absehbar ist?
Elektroautos, Smartphones, Windräder oder Solarzellen: für all diese Hightech-Erzeugnisse braucht es entweder Lithium oder andere seltene Rohstoffe. Da trifft es sich gut, dass das australische Unternehmen „European Lithium Ltd.“ seit mehr als 15 Jahren auf einem der größten Lithiumschätze Europas sitzt – laut Experten könnte die Lagerstätte im Kärntner Lavanttal jährlich genug Lithium für rund 350.000 Elektroautos liefern. Abgebaut wird dort aber auch im Jahr 2026 noch nichts. Im Gegenteil: Rund um den Jahreswechsel kursierten Medienberichte, das Wolfsberg-Projekt sei auf Eis gelegt worden. Stattdessen wolle sich die treibende Kraft hinter „European Lithium“, der australische Geschäftsmann Tony Sage, künftig mehr auf seltene Rohstoffe in Grönland als in Österreich fokussieren. Das revidiert allerdings sein Geschäftsführer Dietrich Wanke gegenüber profil – dazu später mehr.
„European Lithium“ und seine Abbaupläne
Seit 2011 besitzt das australische Unternehmen „European Lithium Ltd.“ die relevantesten Schürfrechte für Lithium in Österreich. Seither wurde mehrfach ein Produktionsstart im Lavanttal angekündigt – und verschoben. Bis heute baut das Unternehmen kommerziell keine Rohstoffe ab.
Börsegang in den USA: 2023 fusionierte European Lithium mit der US-Firma „Sizzle Acquisition Corp“ und gründete das neue Unternehmen „Critical Metals Corp“ (CRML). Ziel war ein Börsengang an der US-Techbörse NASDAQ, um dort frisches Kapital für das Wolfsberg-Projekt einzuwerben. Nach der Fusion erhielt European Lithium Aktien im Wert von 750 Millionen US-Dollar und wurde damit Mehrheitseigentümer von CRML. Das Wolfsberg-Projekt in Kärnten gehört nun formal Critical Metals Corp, die Führung ist personell identisch: Dietrich Wanke ist Geschäftsführer beider Unternehmen.
Critical Metals Corp treibt parallel auch Rohstoffprojekte in Grönland voran, wo seltene Elemente unter anderem für die Halbleiterindustrie abgebaut werden sollen.
Dass in Österreich so schnell nicht abgebaut wird, liegt auch an laufenden Rechtsstreitigkeiten: Das Land Kärnten hat entschieden, dass keine umfassende Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) nötig ist. Das Bundesverwaltungsgericht hob diese Entscheidung jedoch auf und verwies den Fall an das Land Kärnten zurück. „ECM Lithium AT GmbH“, die österreichische Tochtergesellschaft der Australier, hat dagegen am 19. Jänner 2026 Rechtsmittel beim Verwaltungs- und Verfassungsgerichtshof eingelegt.
Millionschwere Boni unabhängig vom operativen Geschäft
Ein Blick in die Geschäftsberichte der Jahre 2016 bis 2023 legt jedenfalls nahe, dass zumindest der persönliche wirtschaftliche Erfolg für das Management nicht zwingend im tatsächlichen Abbau von Lithium, sondern im kontinuierlichen Einwerben von frischem Anlegerkapital liegt.
In fast jedem Vergütungsbericht findet sich die Klarstellung, dass es „derzeit keine Verbindung zwischen der Vergütung und dem Vermögen der Aktionäre oder der Unternehmensleistung“ gibt. Stattdessen kann der Verwaltungsrat nach eigenem Ermessen Anreize, Boni und Optionen genehmigen. Diese Formulierung stellt klar, dass der Führungsebene Gelder ausgezahlt werden könne, ohne dass je ein Gramm Lithium kommerziell abgebaut werden muss.
Das zentrale Instrument dieser Geschäftspraxis sind sogenannte „Performance Rights“, deren Zuteilung an börsennahe Meilensteine gebunden ist. So wurden dem Management im März 2023 40 Millionen Aktien ausgezahlt, weil die Machbarkeitsstudie für das Projekt in Kärnten ergeben hatte, dass das Vorhaben einen Wert von mindestens 800 Millionen australischen Dollar haben könnte. Andere Boni sind an das Erreichen einer Marktkapitalisierung – also des an der Börse ermittelten Gesamtwerts des Unternehmens – von 250 Millionen Dollar oder sogar 350 Millionen Dollar gekoppelt.
Je besser also der Aktienkurs, desto schneller nähert man sich diesen Zielen.
Absichtserklärungen stützen Aktienkurs
Am 5. August 2022 schloss das Unternehmen ein Memorandum of Understanding (MoU) mit der BMW AG über die Abnahme von batterietauglichem Lithiumhydroxid ab. Drängt da nicht die Zeit? Offenbar nicht. Die Frage, ab wann laut dieser Vereinbarung abgebaut und an BMW geliefert werden müsse, beantwortete „European Lithium“ gegenüber profil im Dezember 2023 so: „Das Startdatum kann nach Vereinbarung nach vorne oder hinten verschoben werden.“ Nach einem baldigen Abbaubeginn klingt das nicht.
In Foren und Branchenmagazinen galt der „BMW-Deal“ als starkes Zeichen dafür, dass die Lithiumproduktion wohl kurz bevorstehe. Auf den Börsenkurs wirkte sich das jedenfalls positiv aus – zwischen 2. August und 8. August 2022 legte die Aktie von 0,052 auf 0,067 Euro zu. Ob die rund 15 Millionen Euro aus dem Deal bisher an ECM geflossen sind oder nicht, wollte BMW auf Nachfrage nicht beantworten. Aber: „Wir können bestätigen, dass wir mit European Lithium eine nach wie vor gültige Vereinbarung zum Bezug von Lithiumhydroxid aus Österreich haben“, so ein Sprecher des Autokonzerns.
Ähnlich verhält es sich mit der Obeikan Investment Group aus Saudi-Arabien. 2023 wurde beschlossen, dass das Lithium nicht in Kärnten, sondern in Saudi-Arabien weiterverarbeitet werden soll. Das im Juni 2023 vereinbarte „Binding Term Sheet“ sieht die Gründung eines 50/50-Joint-Ventures vor, in dem beide Partner zu gleichen Teilen Eigentümer und Entscheidungsträger einer geplanten Veredelungsanlage wären. Zwar ist die Vereinbarung grundsätzlich bindend, die vorgesehenen Preiskonditionen von 3000 bis 7000 US-Dollar pro Tonne gelten jedoch erst nach erfolgreicher Inbetriebnahme der Anlage. Solange keine Produktion stattfindet, besteht weder eine gesicherte Abnahme noch eine faktische Lieferverpflichtung.
Dass aber prinzipiell eine Raffinerie in Saudi-Arabien geplant sei und sich das Projekt damit einem Produktionsstart nähern könnte, dürfte sich jedoch auch auf den Börsenkurs niedergeschlagen haben, der zwischen Jänner (Unterzeichnung MoU) und Juni (Unterzeichnung „Binding Term Sheet“) mehrfach schwankte und im Juli schließlich ein Jahreshoch von 0,064 Euro pro Aktie erreichte.
Auch an anderer Stelle in Europa hat „European Lithium“ keine besondere Eile. Im November 2021 unterzeichnete man Verträge zur Übernahme ukrainischer Lithiumabbaustätten. Diese sind zwar rechtlich bindend, deren Wirksamkeit jedoch an das Ende des Kriegsrechts in der Ukraine gekoppelt – und das ist bis dato nicht absehbar.
Millionenboni für das Management
Ankündigungen und Absichtserklärungen wie diese sind maßgeblich, um neue Investoren und somit frisches Kapital aufzutreiben. Und hier verdient das Management kräftig mit. So weist der Geschäftsbericht 2019 aus, dass der damalige Geschäftsführer Stefan Müller zusätzlich zu seinem Honorar 62.100 australische Dollar (heute rund 36.200 Euro) an „Finders Fees“ und Provisionen für Kapitalplatzierungen im Mai 2019 erhielt. Dieses System der „Erfolgsvergütung für Geldbeschaffung“ setzt sich auch in den Folgejahren fort: Im Geschäftsjahr 2021 verbuchte Tony Sage eine zusätzliche „Success Fee“ in Höhe von 78.300 australischen Dollar für eine erfolgreiche Kapitalerhöhung im Januar desselben Jahres.
Besonders bemerkenswert ist das Geschäftsjahr 2023, in dem das Unternehmen über zwölf Millionen australische Dollar Nettoverlust machte. Dieser Verlust entstand aber nicht durch Investitionen in die geplante Mine in Wolfsberg, sondern durch interne Kosten: Allein 7,54 Millionen Dollar flossen in die Vorbereitung des Börsengangs an der US-Börse NASDAQ. Weitere 2,6 Millionen Dollar gingen als aktienbasierte Vergütungen an das Management und an Berater.
Trotz dieser massiven Verluste erhielt der Vorstandsvorsitzende Tony Sage laut Geschäftsbericht über seine Privatfirma „Okewood Pty Ltd.“ einen Sonderbonus für „bedeutende Transaktionen“. Sage, der die strategische Leitung des Unternehmens als Chairman innehat, bezieht seine Vergütung dafür rechtlich als Beraterhonorar seiner privaten Firma. 2023 erhielt er dafür laut Vertrag, 360.000 Dollar pro Jahr, hinzukam ein Sonderbonus von 300.000 Dollar. Rechnet man die im selben Jahr verbuchten Performance Rights im Wert von 1,15 Millionen Dollar hinzu, erhielt der Vorstandsvorsitzende eine Gesamtvergütung von mehr als 1,8 Millionen australischen Dollar (derzeit rund eine Million Euro) – während das Unternehmen tief in den roten Zahlen steckte.
Warum solche Boni komplett entkoppelt vom operativen Geschäft genehmigt werden und Millionensummen ausbezahlt werden, obwohl bislang kein Gramm Lithium abgebaut wurde, argumentiert Wanke, der Geschäftsführer von European Lithium so: „Es ist unsere Unternehmensphilosophie so zu verfahren. Deshalb auch der klare Hinweis in der entsprechenden Konzernberichterstattung.“
Wann wird in Österreich abgebaut?
Selbst, wenn eine Lagerstätte nach den ersten Prüfungen und Studien als vielversprechend bewertet wird, heißt das nicht, dass daraus überhaupt ein Bergbau wird.
Zu dieser Konzernberichterstattung gehören aber auch vor Optimismus strotzenende Ankündigungen. Wie knapp das Projekt im Lavanttal aber wirklich vor dem Abbau steht, lässt sich seriös kaum beantworten, meint Mathias Burisch-Hassel vom Lehrstuhl für Rohstoffmineralogie an der Montanuniversität Leoben. „Selbst, wenn eine Lagerstätte nach den ersten Prüfungen und Studien als vielversprechend bewertet wird, heißt das nicht, dass daraus überhaupt ein Bergbau wird“, sagt der Experte. Denn: Rohstofflagerstätten zu erschließen, seien in der Regel „High-Risk, High-Reward-Projekte“ – also hochriskante und nur im Erfolgsfall hochlukrative Unterfangen. Konkret heißt das laut dem Experten, dass nur etwa drei von tausend Explorationen später zu tatsächlichem Abbau führen. Nach Veröffentlichung des Artikels war es dem Unternehmen wichtig zu betonen, dass sich das Wolfsberg-Projekt nicht am Anfang befindet, sondern eine endgültige Machbarkeitsstudie vorliegt. Die kommunizierten Lithiummengen würden demnach der detaillierten Exploration zugrunde liegen, für die Bohrkernproben im Ausmaß von 17 Kilometern untersucht wurden.
„Ein großer Schritt in Richtung Abbau steht dann bevor, wenn alle Prüfungen darauf hindeuten, dass sich die Produktion lohnt. Denn dann braucht die Firma ein Rieseninvestment, um die notwendige Infrastruktur aufzubauen“, sagt Burisch-Hassel zu profil. Dass Projekte auch genau in diesem Stadium enden, sei durchaus möglich und komme regelmäßig vor, meint der Experte, der selbst Projekte quer über den Globus begleitet.
In Aussendungen der Projektwerber selbst findet man diesen Kontext selten. „Dass Firmen gerne den Optimismus in den Vordergrund stellen, ist klar. Das ist aber in jeder Branche so“, sagt der Montanuni-Professor. Und auch Absichtserklärungen, wie sie European Lithium abgeschlossen hat, beobachte er immer öfter. Denn: solche Hochrisiko-Investitionen zu tätigen, mache vor allem für Weltkonzerne Sinn – im Erfolgsfall sichert sich ein Automobilhersteller damit frühzeitig wertvolle Rohstoffe für die Batterieproduktion. Im schlimmsten Fall ist es für Konzerne, die weltweit operieren, verkraftbar, mehrere Millionen Euro abschreiben zu müssen.
Wanke bestreitet Projektstopp in Kärnten
„Medienberichte, die so etwas schreiben sind unseriös und eindeutig als faktenlose Gerüchte zu bewerten. Das Projekt im Lavanttal ist nicht auf Eis gelegt!“
Grönland statt Lavanttal?
Rund um den Jahreswechsel berichtete das Online-Portal „Börse Global“, dass European Lithium vorerst vom Projekt in Kärnten Abstand nehme. Dietrich Wanke, Geschäftsführer von ECM und CRML möchte das gegenüber profil so nicht stehen lassen: „Medienberichte, die so etwas schreiben sind unseriös und eindeutig als faktenlose Gerüchte zu bewerten. Das Projekt im Lavanttal ist nicht auf Eis gelegt!“
Passend dazu, gab das Unternehmen Anfang der Woche bekannt, dass die bestehenden Abbaulinzenzen in Österreich um zwei Jahre verlängert werden. Als wesentlichen Zeitverzögerer macht Wanke das Bundesverwaltungsgericht und den noch ausstehenden UVP-Feststellungsbeschluss des Landes Kärnten verantwortlich. „Dieses offene Verfahren bestimmt die Planungssicherheit und dazugehörigen Zeitplan zur Projektentwicklung“, sagt Wanke zu profil.
Parallel dazu möchte das Unternehmen aber auch in Grönland vorankommen, das geht aus dem Geschäftsbericht des Jahres 2023 hervor. Darin wird ein Investment von 3,375 Millionen US-Dollar erwähnt, womit Förderlizenzen in Grönland erworben wurden. Im Rahmen des „Tanbreez-Projekts“ möchte das Unternehmen Elemente wie Gallium, Zirconium, Niob, Tantal und Hafnium abbauen. Gebraucht werden diese unter anderem in der Halbleiterindustrie, für LED-Lampen, in der Luft- und Raumfahrt, der Nuklearindustrie oder auch der Medizintechnik. Einen konkreten Zeitplan gibt es aber auch dort nicht – im vierten Quartal dieses Jahres soll eine Machbarkeitsstudie erarbeitet sein.
Grönland: „Zwei bis fünf Jahre bis zum Abbau“
Wo steht dieses Projekt derzeit und wie schnell könnte ein Abbau beginnen? Ein Kabinettsmitarbeiter der grönländischen Wirtschaftsministerin Naaja H. Nathanielsen erklärt dazu im profil-Gespräch, dass prinzipiell fast alle Genehmigungen vorhanden seien, die Prüfung eines Produktions- und eines Schließungsplans (der beschreibt, wie eine Mine nach Ende des Betriebs sicher und nachhaltig geschlossen wird) soll in zwei Monaten abgeschlossen sein. „Dann brauchen sie noch eine Genehmigung für den eigentlichen Gewinnungsbetriebsplan der Mine. Sollte das alles vorliegen und eine Produktionsanlage errichtet sein, denke ich, dass sie in zwei bis fünf Jahren mit dem Abbau starten könnten“, so der Kabinettsmitarbeiter.
Damit die Elemente dann auch wirklich aus dem Gestein gelöst werden können, bedarf es aber eines komplexen chemischen Verfahrens und spezieller Anlagen, die höchstwahrscheinlich nicht in Grönland errichtet werden. Realistischer sei es aufgrund der Infrastrukturgegebenheiten vor Ort, dass das gewonnene Gestein verschifft wird, meint Nathanielsens Mitarbeiter. Und: es sei zwar noch nie vorgekommen, aber „unsere Bergbaulizenzen sind mit klaren Beschränkungen und zeitlich geregelte Fristen versehen, um sicherzustellen, dass es bei einem Projekt Entwicklungen gibt. Wenn diese nicht eingehalten werden, kann die Regierung die Lizenz zurückziehen“, heißt es aus Nuuk zu profil.
Recht viel Zeit voller optimistischer Aussendungen und Absichtserklärungen wird also nicht mehr vergehen können, bis das Unternehmen liefern muss – und tatsächlich kommerziell Rohstoffe abbaut. Zumindest in Grönland.