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© APA/AFP/SULEJMAN ALIHODZIC
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Abbau Seltener Erden: Eine österreichische Lösung für ein geopolitisches Problem
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Viele Hundert Meter tief unter der Erde rumort es. Im Finstern bohren lärmend die Maschinen ins Geröll hinein. Irgendwo im Süden Österreichs liegt ein Stollen verborgen. Seine genaue Lage: geheim. Der Betreiber: ebenfalls. Doch was hier in den unterirdischen Gängen getestet wird, könnte die Weichen für die zukünftige Versorgung Europas mit Seltenen Erden stellen.
„Raise Mining“ heißt Europas Antwort auf die drängende geopolitische Frage: Wie können wir uns von Chinas Marktmonopol auf Seltene Erden unabhängiger machen? Raise Mining – eine Art Aufwärtsabbau – ist ein kostengünstiges Abbauverfahren, das von der Montanuniversität Leoben in ebenjenem verborgenen Stollen für ein EU-Forschungs-Projekt mitentwickelt wurde. Das Verfahren soll nun in Norwegen, in der potenziell größten Seltenerd-Lagerstätte Europas, zur Anwendung kommen.
Die Seltenen-Erden-Elemente zählen heute zu den wichtigsten Industrierohstoffen. Aus ihnen werden potente Permanentmagnete hergestellt, die viele moderne elektrische Geräte wie Handys oder E-Autos antreiben. In hoher Konzentration ist die Ressource kaum zu finden. Der überwiegende Teil der Seltenerd-Vorkommen und der verarbeitenden Industrie liegt in China – und damit auch die Kontrolle über den Weltmarkt.
Die unsichtbare Mine
Im Gegensatz zu seinem Entstehungsort wird über das Raise-Mining-Abbauverfahren offen kommuniziert. Denn die erschwingliche Rohstoffgewinnung in Norwegen soll es eines Tages mit den chinesischen Kampfpreisen am Weltmarkt aufnehmen können. Und darauf ist man stolz.
„Das wird der erste Untertagebau von vorrangig Seltenen Erden“, erklärt Alf Reistad, CEO von Rare Earths Norway (REN). Der Abbau der Seltenerdmetalle erfolgt normalerweise an der Erdoberfläche. Diese Bergbaugebiete gleichen einer Marslandschaft mit tiefen Kratern, staubigen Schutthalden und lärmenden Gerätschaften. Ganz anders soll das im norwegischen Städtchen Ulefoss aussehen. Der bisher bekannte Ressourcen-Schatz von etwa neun Millionen Tonnen Seltenerdoxiden schlummert unter den Obstbäumen, den skandinavischen Holzhäuschen und der örtlichen Sekundärschule des 2000-Einwohner-Dorfes. Das österreichische Abbauverfahren soll – wie bei einem U-Bahn-Tunnel – zur Gänze unter Ulefoss ablaufen. Unsichtbar für das idyllische Leben an der Oberfläche.
Der Anteil der Seltenen Erden an dem Gesamtvolumen, das da gefördert wird, ist deutlich unter einem Prozent.
Thomas Frühwirt, Untertagebauexperte Montanuniversität Leoben
Ziel sei es, Landschaftseingriffe und Flächenverbrauch zu minimieren, erklären Michael Tost und Thomas Frühwirt von der Montanuni Leoben. Untertagebau ist in der Regel teurer als die obertägige Marslandschaft – Raise Mining soll das ändern. Im Stollen ist das meiste automatisiert. Von einer unterirdischen Plattform aus bohren Maschinen senkrecht nach oben in die Erde. Das ressourcenhaltige Gestein wird mit Sprengstoff herausgebombt. Es fällt hinab auf Transportlader, die das gewonnene Geröll über einen Tunnel in die Aufbereitungsanlage an der Oberfläche transportieren – fernab vom dörflichen Leben (siehe Grafik). Dort lösen bestimmte chemische Substanzen – auch diese sind laut Frühwirth „ein streng gehütetes Geheimnis“ – die Seltenerd-Elemente aus dem Bodenmaterial.
„Der Anteil der Seltenen Erden an dem Gesamtvolumen, das da gefördert wird, ist deutlich unter einem Prozent“, so Frühwirt. Der überwiegende, unbrauchbare Rest des Materials reist deshalb über die Tunnel zurück zum entstandenen Loch, um es wieder aufzufüllen. Und der Kreis schließt sich. Das Verfahren sei damit umweltschonender und kostengünstiger als andere Bergbaumethoden: Raise Mining benötigt kaum menschliche Arbeitskraft und „die Förderung durch Gravitation ist extrem kostengünstig“, so Wissenschafter Tost.
Raise Mining
© Rare Earths Norway/Infografik Noa Croitoru-Weissman
Raise Mining
Europäische Mühlen
Bis der Abbau beginnen und sich das alles rechnen kann, muss in Ulefoss noch einiges passieren: Das Unternehmen muss den Stollen und die unterirdische Rampe bauen, Flächen für die Aufbereitungsanlage umwidmen lassen, Stromleitungen verlegen, Zufahrtsstraßen pflastern. Um eine neue Mine in Europa hochzufahren, dauert es in der Regel 20 Jahre, so CEO Reistad. „Wir können nicht weitermachen wie bisher“, appelliert Christian Rainer, Projektmanager bei REN. „Die EU hat den Anschluss vor 30 Jahren verpasst. Es ist also eine echte strategische Herausforderung, den Rückstand aufzuholen.“
Immerhin hat die EU die Risiken ihrer Rohstoffabhängigkeit mittlerweile erkannt. Mit dem 2024 beschlossenen Critical Raw Materials Act (CRMA) will die Union strategische Lieferketten absichern. Bis 2030 sollen demnach nicht mehr als 65 Prozent des jährlichen Verbrauchs Seltener Erden aus einem einzigen Drittstaat stammen. Dafür fördert die EU heimische Projekte.
Norwegen ist nicht Teil der Union. Aber das norwegische Unternehmen hofft, im Rahmen des CRMA bald als „strategisches Projekt“ eingestuft und gefördert zu werden.
Bei erfolgreicher Umsetzung will REN mindestens zehn Prozent des europäischen Bedarfs an Seltenen Erden decken. „Es herrschen keine fairen Wettbewerbsbedingungen bei Seltenen Erden“, sagt CEO Reistad. In China und in den USA unterstützen die Regierungen die Produzenten direkt. Hier hingegen geschieht das nicht im erforderlichen Ausmaß. Wir hoffen, dass es in Zukunft ein funktionierender Markt sein wird, der auf Angebot und Nachfrage basiert. Derzeit ist das jedoch nicht der Fall.“
Marktkampf
Der Marktführer China ist der restlichen Welt in der Produktion Seltener Erden und der daraus gefertigten Permanentmagnete Jahrzehnte voraus. Schon in den 1980er-Jahren überholte die chinesische Planwirtschaft die USA als weltweit größten Produzenten Seltener Erden. Seit Jahrzehnten subventioniert die Regierung dort den ressourcenintensiven Abbau. Die Folgen für Mensch, Tier und Umwelt nimmt der weltgrößte Exporteur des begehrten Rohstoffs im Lichte der unschlagbaren Produktionspreise bereitwillig in Kauf.
Derzeit werden etwa 98 Prozent des EU-Bedarfs an Seltenerd-Produkten durch China gedeckt. Vor allem die bereits verarbeiteten und für den Verbau vorbereiteten Permanentmagnete aus Seltenen Erden kauft die ganze Welt in China. Die potenten Magnete wandeln elektrische Energie effizient in Bewegung um und betreiben so modernste Geräte und Maschinen.
Diese Marktabhängigkeit ist geopolitisch nicht unbedenklich. „Die Wertschöpfungsketten sind an sich private Netzwerke. Nun kommt es aber immer häufiger vor, dass politische Akteure die zentrale Rolle von Handelsunternehmen ausnutzen, um ihre politischen Zwecke zu erreichen“, erklärt Peter Klimek, Komplexitätsforscher beim österreichischen Lieferketteninstitut und Wissenschaftler des Jahres 2021. „Mit Liefernetzwerken wird zunehmend Geopolitik gemacht.“
Das „Öl des 21. Jahrhunderts“ betreibt so ziemlich alles, was mit Digitalisierung und grüner Transformation zu tun hat: E-Autos, Windkraftanlagen, Robotersysteme, aber auch Drohnen und Satelliten, die zur Verteidigung essenziell sind. Über diese Elemente zu verfügen, heißt über den Fortschritt verfügen. Und momentan sind alle Glieder der Lieferkette fest in chinesischer Hand. „Der wirkliche kritische Flaschenhals ist bei der Weiterverarbeitung“, so Klimek. Die Wertschöpfung Seltener Erden unterteilt sich in drei Stufen: Abbau, Verarbeitung und abschließende Herstellung der Permanentmagnete. Der globale Abbau konzentriert sich zu 60 Prozent auf China. Die Verarbeitung jedoch zu 90 Prozent. Fertige Magnete kommen zu über 95 Prozent aus China. „Die österreichischen oder europäischen Unternehmen, die jetzt diese Permanentmagnete brauchen, importieren nicht die Seltenen Erden und machen daraus Magnete, sondern die brauchen diese Permanentmagnete als Importe“, so der Forscher. Andere Abbaunationen wie die USA oder Brasilien lassen ihre Rohstoffe größtenteils in China weiterverarbeiten.
KOMPLEXITÄTSFORSCHER PETER KLIMEK IST "WISSENSCHAFTER DES JAHRES"
© APA/HANS PUNZ
KOMPLEXITÄTSFORSCHER PETER KLIMEK IST "WISSENSCHAFTER DES JAHRES"
„Mit Liefernetzwerken wird zunehmend Geopolitik gemacht“
Komplexitätsforscher Peter Klimek
Die USA planten schon zur Amtszeit von Joe Biden, die eigene Seltenerd-Wertschöpfungskette „from mine to magnet“, also von der Mine bis zum Magneten, auszubauen. Bidens Nachfolger Donald Trump hat radikalere Pläne: Seit Beginn seiner Amtszeit spielt er mit dem Gedanken, Grönland unter US-Kontrolle zu bringen. In der Gegend Killavaat Alannguatin im Süden der Insel soll die weltgrößte Lagerstätte Seltener Erden unter dem arktischen Eis schlummern. Das Vorhaben belastet die ohnehin durch Trumps erratische Zollpolitik angeknacksten US-europäischen Beziehungen weiter. Ein potenzieller US-EU-Strategieplan für Seltene Erden rückt damit in weite Ferne.
Eine neue Ressourcen-Allianz könnte durch das Mercosur-Abkommen entstehen. Das wird jedoch gerade durch eine Prüfung beim EuGH gebremst. „Ein großes Potenzial für die EU wäre auch, neue Technologien zu erforschen, wo es weniger Seltene Erden braucht, damit wir diese Abhängigkeiten nicht haben“, so Klimek. Hier könnte man den Markt von Beginn an mitgestalten.
In Ulefoss wartet Rare Earths Norway weiter auf grünes Licht von der EU. Wenn alles klappt, kann der kommerzielle Abbau Seltener Erden frühestens 2030 starten. Dann wird tief unter dem verschlafenen Dorf ein bislang verborgener Schatz gehoben.
Hannah Müller
ist seit September 2025 bei profil.