Tiroler NEOS-Politikerin im Beirat von Benkos „Laura“-Stiftung
Es gibt aktuell in Österreichs Wirtschaft wohl kaum ein spannenderes – und gleichzeitig skandalumwitterteres – Betätigungsfeld als die „Laura Privatstiftung“. In ihr stecken wichtige Teile des Familienvermögens von René Benko. Seit Anfang 2025 steht die Stiftung im Zentrum schwerer Verdachtsmomente, die sich gegen den Signa-Gründer richten. Dazu kommt der finanzielle Niedergang: Diese Woche musste die „Laura“-Stiftung Konkurs anmelden. Signa-Gläubiger hatten Schiedsverfahren angestrengt und gewonnen, es geht um rund eine Milliarde Euro. Und mittendrin taucht nun ein überraschender Name auf. Einer mit einem gewissen Polit-Background.
Wie profil herausgefunden hat, sitzt mittlerweile die Tiroler NEOS-Politiker Shari (auch: Shaghaegh) Kuen im dreiköpfigen Beirat der „Laura“-Stiftung. Dieses interne Gremium soll unter anderem den Stiftungsvorstand bei der Verwaltung des Stiftungsvermögens und bei der Gewährung von Zuwendungen an die Begünstigten beraten. Eine besonders wichtige Aufgabe ist jedoch auch, dass der Beirat allfälligen Ergänzungen oder Änderungen der Stiftungsurkunde zustimmen muss – dazu später mehr.
Anfang 2024 gehörte René Benko noch selbst dem „Laura“-Beirat an. Mittlerweile ist er ausgeschieden, bekanntlich befindet er sich seit Jänner 2025 in Untersuchungshaft. Wie aus einem Beschlussprotokoll des Beirats von Anfang März 2026 hervorgeht, das profil vorliegt, sitzt jedoch Benkos Mutter Ingeborg in dem Gremium. Sie spielt bekanntlich eine wichtige Rolle im Stiftungs-Imperium des Signa-Gründers. Die beiden anderen Beirats-Positionen haben ein Steuerberater inne – und eben Kuen.
Bei den NEOS verankert
Letztere war in den vergangenen Jahren politisch höchst aktiv: Bei der EU-Wahl 2024 war die Tirolerin Spitzenkandidatin der NEOS in ihrem Heimatbundesland. Im selben Jahr kandidierte sie auch bei der Nationalratswahl. Aktuell ist Kuen Landessprecherin der UNOS – der Wirtschaftsfraktion der NEOS. 2025 trat sie als Spitzenkandidatin bei der Wirtschaftskammerwahl in Tirol an.
Kuen ist Jahrgang 1981 und wurde im Iran geboren. Sie absolvierte die Bundeshandelsakademie in Innsbruck und studierte Rechtswissenschaften. Auf der Internet-Seite der Tiroler NEOS wird Kuen mit Foto und Kurzbiografie präsentiert (siehe Foto). Demnach ist die Tirolerin seit 2002 als selbständige Unternehmerin tätig. Ab 2005 habe sie gemeinsam mit ihrem Mann ein Gastro-Unternehmen in Innsbruck aufgebaut und geführt. Während der Corona-Pandemie habe sie sich dann in Richtung Immobilienbranche fortgebildet. Aktuell verwalte sie eigene Immobilien und betreibe eine Agentur für persönliche Dienstleistungen.
Lange Freundschaft mit Benkos Mutter
Bei der „Laura“-Stiftung ist Kuen offenbar erst seit wenigen Wochen an Bord: Die Annahmeerklärung für das Beirats-Mandat habe sie am 29. Jänner 2026 unterzeichnet, teilt Kuen auf profil-Anfrage mit. Berührungspunkte zur Familie Benko hatte sie aber offenbar schon seit vielen Jahren: „Ich kenne Frau Ingeborg Benko seit mehr als dreißig Jahren“, lässt Kuen wissen. Benkos Mutter habe „in den vergangenen Monaten immer wieder in verschiedensten Fragen“ ihren Rat als ausgebildete Juristin gesucht.
Dass Ingeborg Benko in jüngerer Vergangenheit guten Rat durchaus gebrauchen konnte, überrascht nicht: Benkos Mutter – Jahrgang 1950 – war beruflich bekanntlich als Kindergärtnerin tätig. Nun muss sie sich mitten in einer veritabeln Krisensituation mit Vermögensvehikeln herumschlagen, in denen mehrere Hundert Millionen Euro liegen und auf die plötzlich alle Zugriff haben wollen.
Die erwähnten Gespräche hätten jedoch „ausschließlich im Rahmen einer privaten Freundschaft stattgefunden“, teilt Kuen mit – und hätten nicht die Stiftung betroffen. Das dürfte sich irgendwann geändert haben: „Frau Benko ist von sich aus auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich mir die Übernahme dieser Position vorstellen könnte, um sie bestmöglich zu unterstützen“, lässt Kuen wissen. Aufgrund der langjährigen Freundschaft bestehe „ein persönliches Vertrauensverhältnis“.
René Benko und der „Laura“-Verdacht
Nun ist die „Laura Privatstiftung“ nicht irgendein x-beliebiges Unternehmen, sondern – vorsichtig formuliert – heikles Terrain. Das gilt insbesondere für jemanden, der auch in der Politik verankert ist. Und die NEOS sind mittlerweile immerhin Teil der Bundesregierung.
Bereits rund um die Festnahme von René Benko im Jänner 2025 hat die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) Angaben zur Verdachtslage öffentlich gemacht. In einer Pressemitteilung, die – für jedermann ersichtlich – nach wie vor online steht, heißt es unter anderem: „Verdacht der betrügerischen Krida: Konkret soll Benko unter anderem faktischer Machthaber und wirtschaftlich Berechtigter der Laura Privatstiftung sein und dies im Rahmen seiner Insolvenz als Einzelunternehmer verheimlicht haben. Er habe damit Vermögenswerte verschleiert und das in der Stiftung vorhandene Vermögen weiterhin dem Zugriff von Behörden, Masseverwaltern und Gläubigern entzogen.“
Mit Blick auf die von der WKStA angenommene Tatbegehungsgefahr ist in der Mitteilung zu lesen: „Insbesondere soll René Benko unter anderem faktischer Machthaber und wirtschaftlich Berechtigter der Laura Privatstiftung sein und dies im Rahmen seiner persönlichen Insolvenz verheimlicht haben. Damit habe er Vermögenswerte verschleiert und das in der Stiftung vorhandene Vermögen weiterhin dem Zugriff von Behörden, Masseverwaltern und Gläubigern entzogen.“
Weshalb hat sich Kuen trotzdem bereit erklärt, als Beiratsmitglied bei der Stiftung anzudocken?
Kuen: „Bedenken im Beirat angesprochen“
„Ich habe diese Aufgabe übernommen, weil ich an unseren Rechtsstaat glaube und überzeugt bin, dass sich niemand vor Verantwortung fürchten muss, der nichts Unrechtes tut und keine unrechtmäßigen Entscheidungen mitträgt“, lässt Kuen wissen. Sie habe ihr ganzes Leben lang berufliche und ehrenamtliche Funktionen „rechtstreu ausgeübt“ und werde das auch weiterhin so halten.
Die Verdächtigungen gegen René Benko habe sie „ausschließlich aus den Medien wahrgenommen“ und sie habe ihre „Bedenken im Beirat offen angesprochen“, teilt Kuen mit. Der neu bestellte Stiftungsvorstand habe ihr versichert, dass es „um eine umfassende Sanierung und Neuaufstellung der Stiftung gehe“. René Benko kenne sie nicht persönlich. In der kurzen Zeit ihrer Beiratstätigkeit sei es ihr nicht möglich gewesen, sich „ein eigenes, über Medienberichte hinausgehendes Bild“ über die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zu verschaffen.
Betont sei: René Benko hat sämtliche Vorwürfe immer vehement zurückgewiesen. Die „Laura Privatstiftung“ hat der Signa-Gründer einst gemeinsam mit seiner Mutter ins Leben gerufen. Er ist jedoch weder als Stiftungsvorstand noch als Begünstigter eingetragen. Die Ermittler vermuten, dass er dennoch faktisch das Sagen hatte – was Benko bestreitet.
„Landespartei informiert“
Hält Kuen – angesichts der Umstände – die Beiratstätigkeit bei der „Laura“ für vereinbar mit ihrer politischen Tätigkeit für die NEOS? „Ich selbst bin rein ehrenamtlich politisch tätig“, erklärt die Tirolerin: „zuvor für NEOS und seit März 2025 nur jetzt noch für die Wirtschaftskammerfraktion UNOS in Tirol als Landessprecherin“. Für UNOS übe sie auch ein Mandat im Wirtschaftsparlament Österreich aus. Die Fraktion stehe den NEOS „weltanschaulich nahe“, sei aber ein unabhängiger Verein, erklärt Kuen. Bei den NEOS wiederum sei sie „kooptiertes Mitglied im erweiterten Landesteam“ in Tirol. Diese Funktion sei „rein beratend ohne Stimmrecht“. Sie nehme keinen Einfluss auf Entscheidungen und schon gar keine Exekutivfunktion ein: „Ich sehe hier also keinen Zusammenhang oder Konflikt mit meiner privaten Tätigkeit im Stiftungsbeirat.“ Sie habe ihre Rolle stets nach bestem Wissen und Gewissen „und ohne jede unrechtmäßige Einflussnahme“ ausgeübt.
Hat Kuen die Parteiführung über ihre Beiratstätigkeit informiert? „Ja, im November 2025 vor Beginn der ersten Gespräche“, teilt die NEOS-Wirtschaftsvertreterin mit. Wen konkret hat sie informiert? „Ich habe ganz einfach unser Tiroler NEOS-Büro kontaktiert.“ Dort habe man das zur Kenntnis genommen. Auch den UNOS-Vorstand habe sie vor der Übernahme ihrer Funktion im Stiftungsbeirat informiert.
Kuen: „Keine Entlohnung“
Einen Zusammenhang zwischen ihrer Beiratsfunktion und der politischen Tätigkeite sehe sie nicht, erklärt Kuen. Politiker und ehemalige Politiker, die früher im Benko-Umfeld aktiv waren, seien allesamt „hochgradige Berufspolitiker“ gewesen. Sie hingegen sei „immer schon ehrenamtlich“ und „auf sehr niedrigen Ebenen“ politisch tätig gewesen. In ihrer Funktion bei den UNOS gehe es ihr darum mitzuhelfen, „den Wirtschaftsstandort Tirol und Österreich zu verbessern und die Wirtschaftskammern dazu zu bringen, ihren Mitgliedern ein echter Partner zu sein“.
Unbezahlt ist – Kuens Angaben zufolge – auch ihre Tätigkeit bei der „Laura Privatstiftung“. Zwar sei ursprünglich mit dem Stiftungsvorstand eine Entlohnung auf Stundenbasis vereinbart worden. Aber: „Nachdem ich die erste Einsicht in den Unterlagen hatte, habe ich für mich selbst beschlossen, keine Entlohnung für den Beiratsposten anzunehmen.“ Ihres Wissens nach habe auch Ingeborg Benko keine Entlohnung als Beirätin erhalten.
„Laura“-Vorstand sollte abgesichert werden
Anfang März – somit wenige Tage vor der Konkursanmeldung – hat der Stiftungsbeirat der „Laura“ jedenfalls einen bemerkenswerten Beschluss gefasst. Das Gremium genehmigte eine Änderung der Stiftungsurkunde. Unter anderem ist beim eingetragenen Stiftungszweck eine Wortfolge weggefallen, bei der es um die „langfristige Erhaltung“ von Unternehmen ging, an denen die Stiftung beteiligt ist. Gut möglich, dass man hier schon einen bevorstehenden Abverkauf im Sinn hatte. Mit der – wenige Tage später erfolgten – Konkursanmeldung hat sich die „langfristige Erhaltung“ von Beteiligung freilich ohnehin erledigt.
Und dann ließ Ingeborg Benko als Stifterin noch ein gänzlich neuen Punkt einfügen: Darin wurde unter anderem festgelegt, dass die Stiftung für die Mitglieder des Stiftungsvorstands eine Manager-Haftpflichtversicherung (D&O-Versicherung) abschließen und bezahlen muss. Außerdem habe die „Laura“-Stiftung „jedenfalls (auch vorab) die notwendigen und angemessenen Rechtsanwalts- sowie sonstigen Verteidigungskosten (samt Prozesskosten) zu übernehmen, die den Mitgliedern des Vorstandes im Zusammenhang mit der Ausübung ihrer Vorstandstätigkeit entstehen, sofern und sowie die D&O-Versicherung diese Kosten (noch) nicht abdeckt.“ Ausgenommen sind Fälle, in denen „grobes Verschulden“ nachgewiesen werde.
Offenbar sollte der Stiftungsvorstand der „Laura Privatstiftung“ noch Anfang März im Rahmen der Stiftungsurkunde für unangenehme Eventualitäten abgesichert werden. Der Beirat stimmte zu. Ein paar Tage später ging die Stiftung pleite.