Postenschieberei und Machtmissbrauch: Wiener Kammer-Chef Ruck belastet sich selbst
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Die Macht ist dort zu Hause, wo einflussreiche Männer in vertraulicher Runde zusammensitzen und einfach drauflosreden. Dort plaudern sie ihre „hidden agenda“ aus – Dinge, die sie vor Journalisten niemals zugeben würden. Nur ganz selten bekommt die Öffentlichkeit durch Indiskretionen einen Einblick in solche geheimen Runden. Das Ibiza-Video war ein solcher Moment, wiewohl dort auch Frauen saßen. Das Pilnacek-Tape ebenso.
Jetzt ist wieder einer dieser seltenen Momente gekommen. Ein geleaktes Gesprächsprotokoll gibt einen Einblick in die Welt des machtbewussten und umstrittenen Präsidenten der Wiener Wirtschaftskammer: Walter Ruck.
Die Niederschrift der mehrstündigen, vertraulichen Unterredung liegt profil und der „Kronen Zeitung“ exklusiv vor. Es ist ein Zeitdokument, das sich wie eine Wiener Heurigen-Version von Niccolò Machiavellis Standardwerk zur Machtausübung („Der Fürst“) liest.
Ruck vergleicht Politik mit einem Kasinospiel, prahlt darüber, welchen Einfluss er habe, mit welchen Finten er sich durchsetzt und merkt offenbar gar nicht, wie sehr er sich damit selbst belastet – im politisch-moralischen Sinn. Den Unterlagen zufolge plaudert er munter aus, mit wem er Deals im Weinkeller schließe, wie er Gegner abmontiere, warum er mit Frauen ungern Politik mache und welche Masterpläne er mit seinen engsten Vertrauten im Skiurlaub ausgeheckt habe. Und nicht zuletzt: Wie wenig Interesse er an tiefgreifenden Kammerreformen und an niedrigeren Kammer-Umlagen für deren Pflichtmitglieder habe – also jedes Unternehmen in Österreich.
Besonders brisant wird es an jenen Stellen im Protokoll, in denen Ruck gleich mehrfach Postenschieberei und Machtmissbrauch zugibt. Und wo er politisch austeilt: am meisten gegen seine eigene Partei, die ÖVP.
profil berichtet seit Jahresbeginn über die Methoden von Ruck – und dass dessen Familienmitglieder auffällig viele Posten sammelten. Laut dem Leak behauptet Ruck zumindest in einem Fall, dass er tatsächlich selbst dahintersteckte. Wegen der zahlreichen Enthüllungen steht der Kammerpräsident seit Wochen unter Druck. Aber bisher perlt jeder Skandal an ihm ab.
profil und „Krone“ konnten sich in der gemeinsamen Recherche von der Echtheit der Niederschrift überzeugen und können diese auch vor Gericht belegen. Das Gespräch hat um den Jahreswechsel 2025/2026 stattgefunden, profil kennt den genauen Ort, lässt ihn aber aus Gründen des Informantenschutzes unerwähnt. Einer der Gesprächsteilnehmer bestätigte zudem die Aussagen Rucks. Ruck selbst ließ über einen Sprecher lediglich ausrichten: „Nein, diese Aussagen können wir nicht bestätigen.“ Er nahm aber zu einigen konkreten Nachfragen Stellung.
Das Setting mag vertraulich gewesen sein. Der Inhalt des Gesprächs ist aber so brisant, dass sich profil für die Veröffentlichung entschieden hat. Denn was in dieser geheimen Männerrunde besprochen wurde, hat weitreichende und Millionen Euro schwere Folgen für Politik und Wirtschaft.
„Das ist eine lustige Geschichte mit dem Manfred.“
Wer einen Job sucht, ist in Walter Rucks Weinkeller in der Weihburggasse im 1. Wiener Gemeindebezirk offenbar an einer guten Adresse.
Dort, so berichtet es Ruck laut dem Gesprächsprotokoll, sei er mit dem früheren Chef der Wiener ÖVP, Manfred Juracz-ka, zusammengesessen – der damals nach einer neuen Aufgabe gesucht habe.
Wochen später wird die „WZ“ berichten, dass Juraczka einen Job als zweiter Geschäftsführer der stadteigenen Wirtschaftsagentur Wien angetreten hat. Ohne Ausschreibung. Und auf Basis welcher Qualifikation eigentlich?
Der folgende Gesprächsverlauf ist eine Schilderung aus Sicht von Walter Ruck und klärt auch gleich die Frage der Qualifikation, wenn auch auf eine recht eigentümliche Weise. Juraczka betonte auf profil-Anfrage, er behandle „persönliche Gespräche grundsätzlich vertraulich“ – weder eine Bestätigung noch ein Dementi.
Juraczka war damals Wiener Gemeinderat und als Geschäftsführer für zwei Unternehmen des Multimillionärs Siegfried Wolf tätig. Juraczka habe sich unzufrieden über beide Rollen gezeigt, berichtet Ruck laut Protokoll. Wohl bezogen auf die ÖVP soll Juraczka laut Ruck gesagt haben, er sei „irgendwie ein bisschen frustriert, ehrlich gesagt, von der neuen Führung und mit den ganzen Buben, die da drin sind“. Wen er damit genau gemeint haben könnte? Möglicherweise Harald Zierfuß, den ÖVP-Klubobmann im Wiener Landtag, der erst 26 Jahre alt ist.
Bewerbungsgespräch bei Ruck
Im Vorjahr wurde Manfred Juraczka (ÖVP) zum zweiten Geschäftsführer der Wiener Wirtschaftsagentur bestellt - ohne Ausschreibung. Aus den profil und „Krone“ vorliegenden Protokollen ist ersichtlich, dass WKW-Chef Walter Ruck bei der Bestellung nachgeholfen haben dürfte.
Ruck gibt wie folgt Juraczkas Schilderungen wieder: „Heast, ich bin 56 Jahre alt, und dann kann ich mit 61 noch einmal rennen, ob ich ein Mandat krieg (bei der Wienwahl 2030, Anm.). Ehrlich gesagt, ich will nicht mehr.“ Ruck habe daraufhin gefragt: „Was magst?“ Juraczka soll laut Rucks protokollierten Ausführungen repliziert haben: „Am liebsten wäre mir, ich könnte irgendwo hingehen, wo ich gleich mein Mandat abgebe.“ Nach ein paar Tagen Bedenkzeit will Ruck seinem Parteifreund einen Job in der Wiener Wirtschaftsagentur telefonisch angeboten haben: „Schauen wir uns das einmal an.“
Die Position, die laut Rucks Aussagen – wiewohl sie formal im Einflussbereich der Stadt Wien steht – „traditionellerweise wir (die Wirtschaftskammer, Anm.) besetzen“. Die Personalie sorgte öffentlich für Aufregung, weil die Stelle zuvor nicht ausgeschrieben worden war. Bisher unbekannt war, was bei der Besetzung im Hintergrund gelaufen ist.
Aus dem geleakten Gespräch wird klar: Ruck selbst will die Fäden gezogen haben. Nach seiner Unterredung mit Juraczka galt es, die Stadt-SPÖ zu überzeugen. In den dokumentierten Worten von Ruck: „Dann habe ich den Michi (Wiens Bürgermeister Michael Ludwig, Anm.) im Schweizerhaus getroffen. (…) Dann habe ich gesagt: ‚Du, Michi, im Übrigen, ich habe einen – er hat in seine Stelz’n gebissen –, den Manfred Juraczka.‘ Er hat gesagt: ‚Meinst du das jetzt ernst?‘“
Ludwigs Bedenken wegen früherer Äußerungen Juracz-kas will Ruck demnach folgendermaßen weggewischt haben: „Es gibt ein Spiel für die Tribüne, und es gibt ein Echtspiel. Und er (Ludwig, Anm.) hat dann so auf die Art gesagt: ‚Wenn du das willst.‘“
Ruck behauptet laut Protokoll auch, dass ihm später die Wiener Finanzstadträtin Barbara Novak erzählt hätte, wie Ludwig ihr die Personalie schonend beibringen wollte. Ludwig hätte demnach gesagt: „Der Präsident hat einen Vorschlag gemacht, sag bitte nicht gleich Nein.“
Den Namen „Juraczka“ hätte sie lapidar mit „Na dann!“ zur Kenntnis genommen.
Die Episode lenkt neuerlich den Fokus darauf, wie in Österreich mitunter hochrangige Posten vergeben werden. Laut Walter Ruck bei Terminen in Weinkellern und im Schweizerhaus – und nicht zwingend durch Ausschreibungen und Qualifikationen.
Doch was hatte Ruck davon, den politisch glücklosen Juraczka zu protegieren?
Auch dazu prahlte der Kammerpräsident – dem vorliegenden Protokoll zufolge – in vertraulicher Runde: Durch Juraczkas Rücktritt im Gemeinderat wurde ein Mandat frei. Dafür favorisierte Ruck laut Protokoll den Bauernbündler Martin Flicker sogar gegenüber einer ÖVP-Unternehmerin – denn mit den Bauern könne man „eine super Achse bilden“.
Ruck ließ ausrichten, dass es sich um eine „parteiinterne Angelegenheit“ handle, die „gute Zusammenarbeit zwischen Wirtschaftsbund Wien und Bauernbund Wien“ jedoch „kein Geheimnis“ sei.
Auf profil-Nachfrage antwortet ein Sprecher des Bürgermeisters, „dass es im Sinne des Gründungsgedankens der Wirtschaftsagentur Wien gelebte Praxis ist, dass die Wirtschaftskammer Wien den zweiten Geschäftsführer vorschlägt“. Und: „Die Bestellung von Manfred Juraczka erfolgte durch einen Beschluss des Vorstandes, und dem lag ein einstimmiger Präsidiumsbeschluss zugrunde.“
Bromance
Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) verbindet eine langjährige Freundschaft mit dem WKW-Chef Walter Ruck (ÖVP). Da werden schon mal hoch dotierte Posten in stadtnahen Unternehmen bei Stelze ausgedealt - geht aus den profil und Krone vorliegenden Gesprächsprotokollen.
„Sie hat einen Befehl bekommen, sie hat salutiert.“
Walter Ruck muss mächtig stolz auf seine Zwillingssöhne Alexander und Christoph sein. Die beiden 36-Jährigen teilen seine Passion für die Bauwirtschaft und arbeiten bereits im väterlichen Unternehmen, spezialisiert auf Fassadensanierungen, mit. Sie werden es, so der Plan, eines Tages übernehmen.
Auch in der ÖVP eifern die beiden Juniors dem mächtigen Vater nach: Sohn Christoph ist Innungsmeister für das Baugewerbe in der Wiener Wirtschaftskammer – auf einem Ticket des ÖVP-Wirtschaftsbundes. Eine Position, die sein Vater innehatte, bevor er Kammerpräsident wurde. Alexander wiederum hat es im Jahr 2025 immerhin zum Spitzenkandidaten der ÖVP Döbling für den Wiener Gemeinderat gebracht – auch wenn das schwache Ergebnis der Volkspartei bedeutete, dass Alexander Ruck letztlich leer ausging.
Wie das geleakte Gesprächsprotokoll zeigt, dürfte Vater Ruck jedoch seinen Einfluss geltend gemacht haben, um beim Start der Politkarriere des Sohnes nachzuhelfen.
Möglich wurde die Spitzenkandidatur nur, weil die damalige Döblinger ÖVP-Gemeinderätin Margarete Kriz-Zwittkovits auf ein neuerliches Antreten verzichtete. Die Unternehmerin ist eine der Vizepräsidentinnen von Ruck in der Wiener Wirtschaftskammer. Ruck will dieses Machtverhältnis gegenüber seiner Vize ausgenützt haben, wie er sagt: „Die Margarete hat auf ihr Mandat – sie hat einen Befehl bekommen, sie hat salutiert und hat gesagt: ‚Okay, ich verzichte.‘ Und hat meinen Sohn vorgeschlagen und hat für ihn gekämpft.“
Die Kandidatur des Sohnes sorgte innerhalb der Wiener ÖVP damals für Verwunderung und Spekulationen darüber, ob Walter Ruck Einfluss genommen hatte. Dem Leak zufolge bejahte er das nun in der vertraulichen Männerrunde.
Bemerkenswert war die Kandidatur, weil Alexander Ruck in Wien-Neubau lebt und keinerlei politische Verankerung in Döbling hatte. Just ein Jahr vor der Wienwahl, 2024, meldete Alexander Ruck in Döbling ein Gewerbe für Unternehmensberatung an. Als Adresse wurde im Firmenbuch der Sitz einer Immobilienfirma eingetragen. Ob Ruck Junior dort ein Büro hat oder ob die Anschrift nur dem Zweck diente, eine Rechtfertigung für die Spitzenkandidatur in Döbling zu haben, ließ er auf Anfrage unbeantwortet. Inzwischen hat er umgesattelt und sitzt im Vorstand der ÖVP Wien-Neubau.
Vater Ruck beendete die Episode über Kriz-Zwittkovits in dem vertraulichen Gespräch jedenfalls mit einem Hinweis, der wie eine Drohung klingt: „Ich merke mir Loyalität.“
Zufall oder nicht: Als Ruck nach der Wirtschaftskammerwahl im Vorjahr ordentlich umrührte, langjährige Vertraute ohne Vorwarnung abmontierte, war Kriz-Zwittkovits eine der wenigen, die verschont blieben. Sie ist bis heute Vizepräsidentin.
In Rucks Reich dürften also zwei ungeschriebene Gesetze gelten: Wer nicht salutiert, verliert. Und: Familie hat Vorrang.
„Heast, ich will nicht mit einer Frau. Da kann ich nicht in den Weinkeller runtergehen, was ist des?“
Walter Rucks Welt wirkt wie aus einer anderen Zeit: guter Wein, Zigarren und Männerfreundschaften. Frauen kommen darin auffallend selten vor.
Im profil vorliegenden Protokoll offenbart der Wiener Kammerpräsident ein Frauenbild, das nicht nur aus der Zeit gefallen wirkt. Es deckt sich auch mit den Schilderungen zahlreicher Funktionärinnen und Mitarbeiterinnen der Wirtschaftskammer Wien, mit denen profil in den vergangenen Monaten gesprochen hat.
Seiner amtierenden Vizepräsidentin habe er laut Gesprächsprotokoll „Befehle“ gegeben. Eine langjährige Funktionärin habe er mit vorbereiteten Rücktrittserklärungen aus ihrer Kammerfunktion gedrängt. Die Position ging später an einen Vertrauten Rucks – profil berichtete exklusiv.
Auch mit der heutigen Wiener Finanzstadträtin Barbara Novak (SPÖ) dürfte das Verhältnis zunächst schwierig gewesen sein. Das legen die profil vorliegenden Gesprächsaufzeichnungen nahe, die Walter Ruck auf Nachfrage nicht kommentieren will.
„Ich habe am Anfang nicht ganz gewusst, wie ich mit ihr umgehen soll“, sagt Ruck. Und weiter: „Ich bin aus der Zeit gefallen. Meine Welt ist das: Mit einer Zigarre mit dem Peter (Hanke, Anm.), wir haben eine Flasche Wein aufgemacht. Wir brauchen nicht lang, in einer Viertelstunde waren wir fertig mit dem Dienstlichen. Dann haben wir ein bissl privat geredet.“
Mit Novak hingegen? „Heast, ich will nicht mit einer Frau. Da kann ich nicht in den Weinkeller runtergehen, was ist des?“ So ist es jedenfalls im Gesprächsprotokoll festgehalten. Der Weinkeller, berichten ehemalige Weggefährten, sei ohnehin einem kleinen, exklusiven Kreis vorbehalten gewesen. Frauen gehörten nur selten dazu.
Am falschen Platz
In Rucks Männerbünde finden sich Frauen selten wieder. Das zeigen nicht nur die geleakten Gespräche, das bestätigen auch zahlreiche Wirtschaftskammer-Funktionäre und -Funktionärinnen. Mit Finanzstadträtin Barbara Novak traf sich Ruck laut Protokoll zum Arbeitsfrühstück, statt im Keller.
Bezüglich Novak habe ihm schließlich seine Ehefrau geholfen, erzählte Ruck laut Protokoll in der Männerrunde. Sie habe vorgeschlagen, die Finanzstadträtin zu einem Arbeitsfrühstück einzuladen. Dort sei man schließlich doch miteinander warm geworden.
„Die Zusammenarbeit mit Herrn Ruck ist vom gemeinsamen Interesse am Arbeits- und Wirtschaftsstandort Wien geprägt. Als Arbeits- und Wirtschaftsstadträtin arbeite ich mit allen Sozialpartnern zusammen“, lässt Barbara Novak von einem Sprecher ausrichten. Beim angesprochenen Arbeitsfrühstück sei es übrigens um „aktuelle Fragen des Arbeits- und Wirtschaftsstandorts Wien“ gegangen.
„Schotten dicht und durchfahren.“
Walter Ruck ist ein Mann, der für harte politische Entscheidungen eine entspannte, aber edle Atmosphäre schätzt. Deals schließt er im prächtigen Schloss Hernstein in Niederösterreich (das der Wiener Kammer gehört), im Weinkeller, in Zigarrenlounges – und im Skiurlaub.
Nach der Wirtschaftskammerwahl 2025 räumte Walter Ruck in der Wiener Wirtschaftskammer ordentlich auf, langjährige Vertraute mussten gehen.
Im profil und der „Krone“ vorliegenden Gesprächsprotokoll schildert Ruck, wie und mit wem er diesen Umbau geplant haben will: „Nach der Wahl. Christoph, Florian, Victor und ich sind Skifahren gewesen.“ Und weiter: „Beim Skifahren sind wir zusammengesessen und haben hart ausgeholzt bei uns.“
Ruck nennt nur Vornamen. Bei der Runde könnte es sich um Rucks Büroleiter Victor Vanicek, den Vize-Generaldirektor der Wiener Wirtschaftskammer Christoph Biegelmayer und den General des Wiener ÖVP-Wirtschaftsbundes Florian Kollenz handeln. Frauen waren keine dabei.
Ruck erklärt laut Protokoll, warum absolute Vertraulichkeit so wichtig ist: „Unsere Organisationen sind Hühnerställe. Das kannst du dir nicht vorstellen.“ Wenn er bei der Tür hineingehe und die Augenbrauen hebe, werde gleich interpretiert, „was das heißt“.
Daher gebe es, so Ruck, nur eine Lösung: „Schotten dicht und durchfahren.“
Konkret soll es laut Ruck so gelaufen sein: „Wir sind Skifahren gewesen, und da ist kein Wort nach außen. Und dort in den drei Tagen ist der Plan festgelegt worden, wie man das macht, und den haben wir mit niemandem besprochen. Nicht einmal der Martin Heimhilcher (Spartenobmann der Consulter in der Wirtschaftskammer, Anm.) – ist einer meiner besten Freunde, mit dem gehe ich Golf spielen –, nicht einmal der Martin hat einen Deut gewusst von dem, was wir vorhaben. Die haben das erfahren, wie es dann so weit war.“
„Durchgefahren“ wurde tatsächlich: Die Vizepräsidentin und EPU-Beauftragte Kasia Greco wurde abmontiert. Mächtige Spartenobleute wie die Nationalrätin Maria Neumann wurden ohne Vorwarnung ausgebootet. Auch andere – intern mächtige – Wirtschaftsbündler mussten schon ihre Posten mit vorgefertigten Rücktrittserklärungen räumen.
Beobachter meinen, Ruck hätte sich damit seiner aussichtsreichsten Nachfolgekandidatinnen entledigt – um dann bei der nächsten Kammerwahl 2030 leichter einen steuerbaren Kandidaten durchzuboxen zu können. „Schotten dicht und durchfahren“ eben.
„Bei uns ist das Stimmergebnis kein Ergebnis.“
Am 20. Mai 2025 trat der Präsident der Wirtschaftskammer Wien vor die damals 92 Delegierten – mittlerweile sind es 93, weil eine Person nachrückte – des neu konstituierten Wiener Wirtschaftsparlaments. Sie wählten Walter Ruck einstimmig und erneut zum Präsidenten. „Ich bedanke mich sehr herzlich für den überwältigenden Vertrauensbeweis. Es entspricht dem Geist unseres Hauses, gemeinsam für die Wirtschaft zu arbeiten“, wurde Ruck anschließend in der Kammerzeitung „W – Wiener Wirtschaft“ zitiert.
Normalerweise lässt sich der WKW-Chef im Wirtschaftsparlament nur selten blicken. Das bestätigen nicht nur zahlreiche Delegierte gegenüber profil – Ruck sagt es im dokumentierten Gespräch selbst: „Ich gehe in kein Wirtschaftsparlament.“
Aber wenn man schon zum Kammerpräsidenten gewählt wird, kann man offenbar eine Ausnahme machen.
Seine Fraktion, der Wiener Wirtschaftsbund, erreichte bei der Wirtschaftskammerwahl im März 50,2 Prozent und verfügt damit – wenn auch knapp – über die absolute Mehrheit im Wirtschaftsparlament. Allerdings funktionieren Wirtschaftskammerwahlen ganz anders als allgemeine Wahlen. Oder, wie Ruck es laut dem profil vorliegenden Gesprächsprotokoll formuliert: „Bei uns ist das Stimmergebnis kein Ergebnis. Bei uns wird gewählt in einem Teilbereich, und dann werden Mandate zugewiesen.“
Die Delegierten im Plenarsaal wissen das. Viele der wahlberechtigten Wiener Unternehmerinnen und Unternehmer aber vermutlich nicht.
Direkt gewählt wird bei den Wirtschaftskammerwahlen nur die unterste Ebene. Im Zuge der Urwahlen wählen zum Beispiel Kaffeehausbesitzer ihre Fachvertreter. Die darüberliegenden Ebenen – die Sparten sowie das Wirtschaftsparlament – werden indirekt beschickt. Entscheidend sind die Mandate, die auf der untersten Ebene errungen werden. Sie bestimmen die Machtverhältnisse weiter oben.
profil berichtete bereits, wie nach der Wahl zahlreiche Stimmen kleiner Listen im Tausch gegen gut dotierte Funktionen in den Fachgruppen dem Wirtschaftsbund zu einer Mehrheit verhalfen. Das System ist nicht neu. Nach der jüngsten Wahl sorgte es allerdings ausgerechnet beim wichtigsten Mehrheitsbeschaffer des Wiener Wirtschaftsbundes für erheblichen Unmut: beim Sozialdemokratischen Wirtschaftsverband (SWV).
Denn tatsächlich war die Kammerwahl in Wien für den dominierenden Wirtschaftsbund eine kleine Blamage. Wie profil zugespielte interne Unterlagen zeigen, erreichte der Wirtschaftsbund in der untersten Ebene, also in den Fachgruppen, lediglich 25 Prozent. „Diese Darstellung ist falsch. Das Wahlergebnis der Wirtschaftskammer-Wahlen in Wien wurde von der zuständigen Hauptwahlkommission unter dem Vorsitz des Wiener Magistratsdirektors Dietmar Griebler festgestellt und bekannt gegeben“, schreibt ein WKW-Sprecher dazu.
Das reichte zwar für Platz eins, nicht aber für eine absolute Mehrheit. Der SWV kam demnach auf 15,92 Prozent der Stimmen, gemeinsame Listen von Wirtschaftsbund und SWV auf weitere 18 Prozent.
Die aus diesen Einheitslisten resultierenden Mandate auf den höheren Ebenen – also die Sitze im Wirtschaftsparlament und die Mandate in den Spartenvertretungen – wurden vollständig dem Wirtschaftsbund zugerechnet. Eigentlich hätten diese Mandate wieder an den SWV gehen sollen.
Dazu kam es allerdings nie.
Der SVW kommt heute auf lediglich 13 Sitze im Wirtschaftsparlament. Das sind zehn weniger als in der vorangegangenen Parlamentsperiode – was einen finanziellen Rückschlag bedeutet. Die Wählergruppenförderung von insgesamt 3,5 Millionen Euro jährlich richtet sich nämlich nach der Stärke der Fraktionen im Wirtschaftsparlament. Innerhalb der roten Fraktion kursiert die Rechnung, dass dem SWV bis zu 400.000 Euro pro Jahr durch solche Rochaden entgangen sein könnten.
„Wenn die ÖVP zu keck wird, kommt der Wirtschaftskammer-Präsident.“
Politik ist für Walter Ruck, wie er es in vertraulicher Runde schilderte, „im Grunde genommen ein großes Spiel“. Wie ein Kasino: „Die Chips muss man zum richtigen Zeitpunkt am Tisch haben und sagen: Was sind die jetzt wert?“
Der Wiener Wirtschaftskammerpräsident dürfte sehr genau wissen, welchen Wert er für die Wiener SPÖ hat – und umgekehrt. Mit Bürgermeister Michael Ludwig verbindet ihn eine enge Freundschaft, ebenso mit dem früheren Finanzstadtrat und nunmehrigen Verkehrsminister Peter Hanke. Eine Zweckgemeinschaft: Mit dem privilegierten Zugang zum Wiener Magistrat kann Ruck die Interessen der Wirtschaftstreibenden in der Stadt durchsetzen – und auch innerhalb der Kammer nützt ihm das Image als Einflüsterer des Bürgermeisters. Das Signal: Seht her, ich bin der mit dem Zugang zur Macht.
Das hat einen Preis. Und diesen Preis plauderte Ruck laut dem Gesprächsprotokoll unumwunden aus: Es sei „doch eine super Situation für die SPÖ Wien“, wenn sie alles gemeinsam mit der „bürgerlichen Organisation“ Wirtschaftskammer mache. Das immunisiere die Stadtregierung laut Ruck vor Kritik: „Wir sitzen gemeinsam in der Wirtschaftsagentur und machen die Förderpolitik. Sollen wir sie kritisieren? Nein, wir werden sie nicht kritisieren.“
Ruck ist so nahe an der Stadt-SPÖ, dass man fast vergessen könnte, welcher Partei er selbst angehört: der ÖVP. Dort könnte eine Aussage von Ruck für besondere Aufregung sorgen. Ruck laut Protokoll: „Weil die ÖVP spielt eh keine Rolle, und: Wenn die ÖVP ein bisschen zu keck wird, dann kommt der Wirtschaftskammerpräsident, macht zweimal ‚Wumm‘, und es ist wieder Ruhe.“
Soll heißen: Der Wirtschaftskammerpräsident fährt der eigenen Partei in die Parade („Wumm“), wenn sie mal wieder zu gemein zur Stadt-SPÖ ist. Und das, obwohl die Wiener Volkspartei, inzwischen zur Kleinfraktion geschrumpft, dringenden Profilierungsbedarf hätte.
Aus Rucks Sicht ist das gar nicht notwendig. Die ÖVP – also er – kontrolliert die Wirtschaftskammer, die SPÖ die Stadt. Ein Gleichgewicht der Kräfte, das Ruck laut Protokoll sogar zu folgender Aussage verleitete: „Wir wären nie interessiert, dass es einen ÖVP-Bürgermeister gibt.“
Subtext: Die anderen Fraktionen in der Wirtschaftskammer sollten sich umgekehrt auch keine Chancen auf den Präsidenten ausrechnen. Denn kaum jemand weiß besser als Ruck, wie er seine Chips einsetzen muss.
„Michi, ich liebe jüdische Frauenrechte. Aber das kann keiner buchstabieren.“
Rucks Sympathie für jüdische Frauenrechtlerinnen hatte laut Gesprächsprotokoll ihre Grenzen. Die Adresse der neuen Kammerzentrale am Wiener Praterstern wollte er jedenfalls nicht nach einer von ihnen benennen.
„Die Straße der Wiener Wirtschaft sollte heißen Anitta-Müller-Cohen-Platz. Das ist eine jüdische Frauenrechtlerin. Ich habe zu Michi (Bürgermeister Ludwig, Anm.) gesagt: ,Michi, ich liebe jüdische Frauenrechte. Aber das kann keiner buchstabieren.‘“ Und: „Das hat genau einen Monat gedauert. Hakerl. Straße der Wiener Wirtschaft.“
Anitta Müller-Cohen war Jüdin, Journalistin, Frauenrechtlerin und später Gemeinderätin in Wien – eine der wenigen Frauen in der Kommunalpolitik der 1920er-Jahre. 1935 emigrierte sie nach Palästina. Direkt neben dem Anitta-Müller-Cohen-Platz, am Ende der Walcherstraße, wurde die neue WKW-Zentrale gebaut. Und eigentlich sollte auch sie auf dem Platz zu Ehren einer jüdischen und vertriebenen Frauchenrechtlerin stehen. Beim zuständigen Magistrat wurde aber ein anderer Name für die Umbenennung des Teilstücks der Walcherstraße eingebracht: Straße der Wiener Wirtschaft. So heißt sie heute, obwohl das Stadtarchiv damals Einwände gegen diese Umbenennung hatte.
Hat Ruck aber seine Macht dahingehend eingesetzt, um über die Fast Lane bei seinem Vertrauten, dem Wiener Bürgermeister, eine Namensnennung zu erwirken?
„Straßenbenennungen folgen in Wien einem klar geregelten formalen Verfahren: Nach fachlicher Prüfung durch die MA 7 – Kultur entscheiden die zuständigen politischen Gremien über entsprechende Vorschläge“, schreibt ein Sprecher von Bürgermeister Michael Ludwig dazu. Und: „Einbringen kann solche Vorschläge grundsätzlich jede Person – entscheidend ist eine nachvollziehbare Begründung. Im konkreten Fall erfolgten zwei unterschiedliche Benennungen von Verkehrsflächen.“ Ein WKW-Sprecher schreibt zur Causa: „Wir haben im Zuge der Namensfindung die Adresse ‚Straße der Wiener Wirtschaft‘ vorgeschlagen. Der Platz vor dem Haus der Wiener Wirtschaft ist nach der jüdischen Frauenrechtlerin benannt und heißt „Anitta-Müller-Cohen-Platz“.
Der Anitta-Müller-Cohen-Platz hat genau eine Hausnummer. Laut Google Maps befindet sich dort die Lehrlingsprüfstelle der Wirtschaftskammer Wien, aber eben nicht die Kammer selbst.
„Also ich sage euch was: Uns tut des total weh, minus 30. Aber ich schwöre euch eins: Ich bin dann der Einzige, der dann noch lebt.“
Es ist November 2025. Die Wirtschaftskammer steckt in ihrer tiefsten Krise seit Jahrzehnten. Medien berichten über Gehaltserhöhungen für Kammerangestellte und teils drastische Anstiege der Bezüge von Kammerpräsidenten und -präsidentinnen. Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der viele Unternehmen unter der schwachen Konjunktur leiden, Umsätze einbrechen, die sonst erfolgsverwöhnte Industrie nach einem massiven Personalabbau ums Überleben kämpft und selbst die Gewerkschaften bei den Lohnverhandlungen ungewöhnliche Zurückhaltung an den Tag legen.
Ausgerechnet jetzt gönnt sich die gesetzliche Interessenvertretung der Unternehmen mehr Geld.
Der damalige Präsident der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), Harald Mahrer, ist angezählt und steht kurz vor seiner Ablöse. In Krisensitzungen beraten die neun Präsidenten der Landeskammern, wie sie die Wogen glätten wollen und die eigene, sehr wütende Klientel besänftigen sollen. Von einer Abschaffung der Pflichtmitgliedschaft oder einem tiefgreifenden Umbau des Kammerapparats will hier niemand etwas hören. Zumindest Letzteres wird der Rechnungshof ein halbes Jahr später nach einer sehr genauen Prüfung der Kammergebarung empfehlen.
Auf dem Tisch liegt stattdessen eine andere Forderung, die Unternehmervertreter seit Jahren erheben: eine Senkung der Kammerumlage 2 (KU 2). Sie bemisst sich an der Lohn- und Gehaltssumme eines Betriebs. Wegen der hohen Inflation und der entsprechend kräftigen Lohnabschlüsse sind auch die Einnahmen aus dieser Umlage in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Zeitweise stand sogar eine Senkung um bis zu 30 Prozent im Raum, bestätigen mit den Gesprächen vertraute Personen gegenüber profil.
Doch 30 Prozent weniger KU 2 würden der Kammer wehtun – sehr sogar.
Walter Ruck soll damals laut Protokoll in Richtung der anderen Landeskammerpräsidenten gepoltert haben: „Wir müssen die KU 2 um 30 Prozent senken. Wir haben so in die Runde geschaut. Okay. Wie schauen eure Budgets aus? Wirtschaftskammer Niederösterreich: minus 11 Millionen. Wirtschaftskammer Österreich: minus 10 oder minus 8. Also ich sage euch was: Uns tut des total weh, minus 30. Aber ich schwöre euch eins: Ich bin der Einzige, der dann noch lebt. Dann hätten wir die Nachfolgefrage (gemeint ist wohl die von Harald Mahrer, Anm.) auch gelöst.“
Mit dieser Einschätzung sollte Ruck nur zum Teil recht behalten.
Zwar wurde die KU 2 gesenkt, wenn auch in geringerem Ausmaß als die befürchteten 30 Prozent. Mahrer wurde aber nicht von Ruck beerbt, sondern von Martha Schultz.
Kein Problem: Für Ruck ist alles ein großes Spiel – und auch als Landeskammerpräsident hat er noch ausreichend Chips in der Hand.
Marina Delcheva
leitet das Wirtschafts-Ressort. Davor war sie bei der „Wiener Zeitung“.
Jakob Winter
ist Digitalchef und seit 2025 Mitglied der Chefredaktion bei profil. Gründete und leitet den Faktencheck faktiv.