KI-Collagen: Szene aus Kluges „Cosmic Miniatures“ (2025)
Wir brauchen einen Gegenalgorithmus! Alexander Kluge zeigt neue Werke in Wien
Wer weiß schönere Ausstellungstitel zu entwerfen als Alexander Kluge? „Nachts träumen die Kulissen von ungesehenen Bildern“, so nennt der große deutsche Universaldenker, Schriftsteller, Film- und Fernsehmacher eine Schau, die am 5. Februar im Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste in der Wiener Lehárgasse 8 (ehemals: Semperdepot) eröffnet wird. Theater, antike Mythen, Videokunst und ein von Katharina Grosse gestaltetes Werk namens „Sphinx Opera“ werden dort aufeinandertreffen.
Bis es so weit ist, kann man im Österreichischen Filmmuseum eine vom Künstler selbst gestaltete Retrospektive (zu sehen bis 19. Februar) besuchen, die ausgesuchte Kinofrühwerke – Klassiker wie „Abschied von gestern“ (1966) und „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ (1968) – mit neuen Kluge-Produktionen wie den hochpoetisch-abstrakten Science-Fiction-Film „Cosmic Miniatures“ (2024) verbindet, für die der Regisseur eine KI, genauer: einen Deep-Learning-Text-zu-Bild-Generator, benutzt hat, um „konjunktivische“ Bilder herzustellen.
Kluges Neugier auf die verqueren Bilder, die seine „virtuelle Kamera“ hervorbringt, ist größer als seine Skepsis: „Zufälle und Fehler führen zu Möglichkeitsformen, zu offenen Bildern, die schwer zu verorten sind.“ Er könne nun, sagt Kluge, der am 14. Februar 94 Jahre alt wird, endlich Unsichtbares filmen: Verdecktes, Erinnertes, Geträumtes. KI sei eine „sehr interessante Rechenkünstlerin“, die er nicht für intelligent halte, „aber sie ist versessen auf Einzelheiten.“ Noch ihre Irrtümer seien manchmal überraschender als das, was er selber denke. Man müsse, um „Patriot der Moderne und der Filmgeschichte zu bleiben“, an einem Gegenalgorithmus arbeiten, an rebellischen Bildern, zu denen Silicon Valley nicht fähig ist.
„Alle Fotos, die es gibt, führen nachts ihr eigenes Leben“, schrieb Alexander Kluge einst. Es könnte sein, dass KI uns nun Einblicke in diese Nacht gewährt.