Der Schauspieler Benjamin Voisin blickt in einer schwarzweißen Gefängnisszene durch das vergitterte Fenster nach draußen.
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Gebt dem Opfer einen Namen! François Ozon hat Camus' „Der Fremde“ neu verfilmt

Algeriens Hitze, der Menschen Kälte: Der französische Regisseur und Autor François Ozon über seine stilisierte Adaption des umstrittenen Camus-Klassikers „Der Fremde“.

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Ein in sich gekehrter junger Franzose, der in Algier arbeitet und weder angesichts des Todes seiner Mutter noch in seinen Liebes- und Freundschaftsbeziehungen Emotionen zeigt, begeht eines Tages einen Mord. Er erschießt, geblendet von der Sonne, eher zufällig einen Algerier, fasst dafür die Todesstrafe aus. Den inneren Monolog seines unergründlichen Antihelden hat Albert Camus in seinem Existenzialismus-Klassiker „Der Fremde“ 1942 veröffentlicht. Mehr als 80 Jahre später legt nun der französische Filmemacher François Ozon, 58, seine präzise kontrollierte Adaption des (von dem Italiener Luchino Visconti bereits 1967 verfilmten) Romans vor – in gleißendem Schwarzweiß, die algerische Hitze ins Silbergrau heruntergekühlt.

Ihm war wichtig, „diese Geschichte zu kontextualisieren, um sie besser zu verstehen“, erklärt Ozon im profil-Gespräch: Algerien war um 1940 Teil der Französischen Republik, der Krieg mit Frankreich, der das Ende des Kolonialismus besiegelte, noch fern. Aber man könne sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Camus vorausgesehen habe, „was sich an Konflikten zwischen Arabern und Franzosen entwickeln wird.“ Am Filmende steht am Grab des – bei Camus anonymen – Opfers dessen Name. Diese Revision ist wichtig. Denn wer das Buch heute lese, werde „die Verdrängungen der Araber problematisch finden“. Aber man dürfe Camus nicht missverstehen. Sein Roman sei alles andere als rassistisch. „Nur erschließt sich der Sinn von 1942 heute nicht mehr so einfach.“ Ozon wollte den Toten daher benennen, das arabische Leid, die „Schmerzen der Kolonisierung“ behandeln.

Der Regisseur François Ozon, dunkel gekleidet, ernster Blick
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Der Film wurde in Marokko gedreht, weil es unmöglich war, dies in Algerien zu tun. Die französisch-algerischen Beziehungen sind immer noch stark belastet, Camus' Buch wird in Algerien nach wie vor als Affront gelesen. Benjamin Voisin, der schon in Ozons Film „Sommer 85“ aufgetreten war, spielt seine Rolle souverän – einen Mann, mit dem Camus möglicherweise sehr früh auch einen Fall von Autismus porträtiert hat. „Am Ende wollte ich dieser Figur ihr Geheimnis lassen“, sagt Ozon. „Man kann ihn interpretieren, wie man will. Mich interessiert an ihm das Antiheldische, er ist einer, der die Spiele der Gesellschaft nicht mitspielen will. Für mich ist er eine Folie, ein unbeschriebenes Blatt. Uns ging es nicht um Empathie oder Identifikation, sondern um Faszination, die es uns ermöglicht, auf diesen Mann wie auf ein Insekt zu schauen.“

Auch die 1978 erschienene erste Single der britischen Band The Cure, der Song „Killing An Arab“, der den Schluss des Films markiert, wurde seinerzeit als rassistisch missverstanden. Cure-Mastermind Robert Smith änderte den Titel des Songs später auf „Kissing An Arab“, fallweise auf „Killing Another“. Smith sei, berichtet Ozon, „glücklich darüber, dass und wie ich dieses Lied benutze. Denn es ist von Rechtsextremen falsch verstanden worden, die keine Ahnung von Camus‘ Roman hatten. Smith hätte den Song einfach nur ,The Stranger' nennen sollen. Nun ist das Lied wieder da, wo es hingehört, am Ende dieses Films, im richtigen Kontext.“

Benjamin Voisin sitzt im Unterhemd in einem dunklen Raum
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François Ozon hat in weniger als 30 Jahren fast ebenso viele Spielfilme geschrieben und inszeniert, seine 20 Kurzfilme gar nicht mitgerechnet. „Ich mag es einfach, Kino zu machen. Ich sehe mich in der Logik von Rainer Werner Fassbinder, der mit jedem Film eine neue Erfahrung gesucht hat. Ich drehe ja viel weniger als er, der über 40 Werke in nur 13 Jahren gedreht hat. Und Camus sagte, wenn man etwas künstlerisch erschaffe, dann sei dies, als lebte man doppelt. So fühle ich mich auch.“

Stefan Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.