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Kultur
09/18/2021

"Salonfähig" von Elias Hirschl: Ich, einfach unverbesserlich

Der Roman „Salonfähig“ des jungen Wiener Schriftstellers ist eine böse Satire auf Bundeskanzler Sebastian Kurz.

von Wolfgang Paterno

Vor einigen Jahren ging Elias Hirschl einer Falschmeldung auf den Leim. Die Online-Satire-Plattform "Die Tagespresse" hatte gemeldet, dass sich das 2012 gegründete Team Stronach als ein Projekt politischer Parodie geoutet habe. "Ich wollte das unbedingt glauben", erinnert sich Hirschl. "Ich wollte, dass es real war. Dem war bekanntlich leider nicht so. "Satire ist nicht immer die bessere Wahrheit.

"Salonfähig", der bereits vierte Roman des jungen Wiener Schriftstellers, wird vom Verlag als "wahnwitziges Porträt der Generation Slim Fit" vermarktet: "Jung, schön, intelligent, reich, oberflächlich und brandgefährlich." Das deutsche Wochenblatt "Die Zeit" erkannte flugs einen "Zeitkommentar auf österreichische Verhältnisse", der Hamburger "Spiegel" las "Salonfähig" als "Roman über den österreichischen Kanzler Kurz", während die "Neue Zürcher Zeitung" Hirschls Kanzler in "Salonfähig" immerhin den Status einer "Kunstfigur" zugestand.

Schon lange sorgte kein heimischer Polit-Roman für derartigen Gesprächsstoff. Der Jörg-Haider-Lebensmensch Stefan Petzner erkannte sich einst in David Schalkos Politsatire "Weiße Nacht" unvorteilhaft dargestellt und klagte auf Entschädigung für die erlittene Kränkung. Im Februar 2010 blitzte Petzner vor Gericht ab, weil es sich bei dem Buch, so der Rechtsspruch, um ein "fiktives Märchen" handle. Ex-"Titanic"-Redakteur Michael Ziegelwagner wiederum verwandelte in seinem Roman "Sebastian-Ferien im Kanzleramt" (2018) den Wiener Ballhausplatz in eine Art Kindergarten mit Klein Sebastian als Jahrgangsprimus, heftig gegängelt von den Klassenrowdys Norbert und Herbert. "Personen und Handlung des Romans sind frei erfunden", betonte Ziegelwagner.

In "Salonfähig" findet sich kein solcher Hinweis. Der Roman berichtet von einem verbissenen Nachwuchspolitiker in der Partei "Mitte Österreichs" (MÖ), der als dauerquasselnder Icherzähler auftritt: 29 Jahre alt, Porsche-Fahrer, Hugo-Boss-Slim-Fit-Sakko, Aristoteles-Bewunderer und Dauergast bei einer Rhetoriktrainerin, ein ziemliches Arschloch vor seinem hündisch verehrten Herrn Julius Varga, dem jüngsten Bundeskanzler der österreichischen Geschichte. "Unsere Arbeit baut auf den drei Ts auf: Tradition, Transparenz und Toleranz", formuliert ein Mitglied der MÖ-Parteijugend. Bald gerät Hirschls Erzähler, dem Varga nur die kalte Schulter zeigt, an die Grenzen seiner Contenance, balanciert am Abgrund entlang. Er verfällt einer Form des Wahnsinns, die sich zunächst als manische Parolendrescherei und Phrasennachbeterei zeigt.

Die Welt, wie sie der Parteisoldat als krawalliger Kauz sieht, besteht aus Gremien, Fernsehduellen, Pressefoyers, Sitzungen, Wahlsiegerpartys. Sein Idol ist Varga: "Ich möchte ein Vokal in seinen Stimmbändern sein." Seinen rüstungsgleichen Anzug trägt der Varga-Verehrer als Manifest gegen alles, was nicht zurechtgestutzt ist. Das Haar vor Pomade triefend, dazu ein Gehstock mit Pferdekopfknauf in Händen und sinnbefreite Denksprüche auf den Lippen: "Stets vorwärts, aber mit Rückhalt zu jeder Zeit. Für den Wandel, aber nicht um jeden Preis. Für die Wirtschaft, aber stets im Sinne des kleinen Mannes. "Ein mit Binsenwahrheiten und Kalenderprosa gefütterter Algorithmus hätte das nicht besser hinbekommen - ist offenbar auch Hirschls Jungpolitiker überzeugt: "Rhetorik war mein Werkzeug, um mit der allzeit vorhandenen Welt fertigzuwerden, denn wenn all die komplexen Vorgänge, all die Bilder und Töne aus einem Computer auf eine bestimmte Reihenfolge von Nullen und Einsen heruntergebrochen werden konnten, dann konnten die menschlichen Gefühle ebenfalls auf einen Code aus Gesten und Wörtern reduziert werden."

Man möchte gar nicht versuchen, den Mann ganz zu verstehen, der in "Salonfähig" seine Lebensbeichte ablegt. Der Icherzähler ist der trottelige Fan. Julius Varga selbst eine Kreuzung aus Überdrüber-Politiker und Supermoralist, der Chef einer Partei, deren wahrer Zweck Satire ist. Zwei Politiker, die als Beavis und Butt-Head der Innenpolitik durch das Buch geistern, allzeit umweht vom ratternden, von Hirschl erstaunlich gut getroffenen Geschwätz-Sound des Erzählers. Varga (alias Kurz) taucht im Roman allerdings als bloßer Nebendarsteller auf, für dessen Illustration Hirschl selten Überraschendes und Unvermutetes einsickern lässt. Varga muss dem platten Klischee vom tumben Kanzler genügen. Liest man "Salonfähig" nur als böse Satire auf einen mindestens fünfmal ironiegewendeten Sebastian Kurz, überliest man leicht einen giftigen Roman voller skurriler Szenen.

Da ist die erste Liebesnacht des namenlosen Varga-Anhängers: "Das Set endete schließlich mit einem durchaus befriedigenden Fuckclose in meinem Bett mit Verkehrsmusterbettwäsche der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich. "Oder seine fortgesetzten Liebesdienste in Vargas verwaister Wohnung: "Ja, ich will. Ich will deine Blumen gießen!" Schließlich, als Gipfel des Irrsinns: Hirschls Polit-Nachwuchskraft ersteht 3000 Ausgaben von der schlicht mit "Varga" betitelten Biografie seines Heroen im Kanzleramt. Er schneidet mit einem Teppichmesser jedes einzelne "Julius" aus 100 Ausgaben. Er tapeziert eine Wand mit dem Wort "ich". Er verschlingt 300 Mal die herausgeschnittene Phrase "bescheidene Anfänge". Er schneidet das seltene Wort "Herz" aus 200 Ausgaben. Delirium de luxe, inszeniert von einem Autor, der es ziemlich gut versteht, über alle Stränge zu schlagen. "Ich zerknülle 1000-mal die letzte Seite, fülle die Badewanne damit und lege mich hinein." Am Ende schneidet er Satzfragmente aus den Bänden, ordnet diese am Badewannenrand zu neuen Gaga-Geschichten: "Morgen kriechen sie alle, nehmen jeweils 1000 verschiedene Perspektiven ein, so eine hinreichend große Elefantenrunde, direkt nach dem Lachen, dass nichts übrig bleibt als Ausdruck in Form."

"Salonfähig" bietet viel Stoff für eine abenteuerlich überfrachtete Polit-Seifenoper. Der Roman ist eine Prosaprojektionsfläche für vieles, was man von der Politik zu wissen glaubt - oder nie wissen wollte. Aber wo bleibt die Sebastian-Kurz-Satire? Man kann Hirschl, 27, zwischen zwei Terminen am Wiener Volkertmarkt treffen, um ihn danach zu fragen. "Varga mag wohl an Kurz angelehnt sein, die Figur war aber von Beginn an fiktionalisiert, sie trug nie den Namen des realen Kanzlers", sagt Hirschl. "Mit dem höchst zweifelhaften neurolinguistischen Programmieren, das bei Varga immer wieder durchbricht, hat Kurz nichts zu schaffen. Dennoch stört es mich nicht, dass das Buch zuweilen, Kurz-Roman' genannt wird., Salonfähig' bleibt jedoch ein Roman fern unbedingter Parodie und Satire."

Varga ist parkettsicher, wortgewandt, beste Manieren, der smarte, machtorientierte, selbstoptimierte Politikertypus, der sich nicht in die Karten blicken lässt. Was kann einem da eine Romansatire als Reiseführerin ins reale Bundeskanzleramt am Wiener Ballhausplatz zusätzlich berichten?

Also alles mit Kalkül gemacht, Herr Hirschl? "Im Gegenteil. Teile des Romans entstanden bereits 2017. Anfangs habe ich eher befürchtet, dass das Buch wieder sehr schnell irrelevant sein könnte, weil Kurz als Kanzler 2019 das Misstrauen ausgesprochen wurde. Bis zur Veröffentlichung haben der Verlag und ich fast schon gehofft, dass die Regierung am Ende überhaupt noch im Amt ist. Ich würde auch behaupten, ich habe mich tiefergehender mit der heimischen Politik beschäftigt, als nur zu sagen:, Kurz ist doof.'"

Er habe, sagt Hirschl, den Roman auch keineswegs mit dem Anspruch geschrieben, sich ausschließlich über das aktuelle Politpersonal lustig zu machen. "Ich war vor allem vom Sprachgebrauch fasziniert, von den vorgeblichen Dialogen, bei denen komplett aneinander vorbeigeredet wird. Andernfalls hätte ich ein Parodiebuch schreiben müssen. Am Ende interessieren mich politische Inhalte. Als reines Spottobjekt ist mir die Politik zu schade." In "Salonfähig" wird geschrien und gebrüllt, die Protagonisten machen mehr Lärm als jede Heavy-Metal-Band. Das Nebeneinanderher-Geschwätz nimmt Hirschl im Roman nach allen Regeln der Kunst auseinander. "Eine Figur wie das deutsche Bundestagsmitglied Philipp Amthor fasziniert mich", sagt der Schriftsteller. "Amthor ist fast genau gleich alt wie ich. Sein ganzer Habitus entspricht aber bereits dem eines 50-Jährigen. Es ist faszinierend, wie unnatürlich Menschen wirken können! Wie wenig sich durch deren unablässiges Sprechen in Phrasen etwas über die Person erahnen lässt."

Das Personaltableau in "Salonfähig" ist schauerlich. Der Autor degradiert die MÖ-Wichtigtuer zu erbärmlichen Zwergen. Der Icherzähler wirkt wie ein Warnhinweis: Achtung, Politik kann Ihre Gemütsruhe erheblich zerstören! Lustvoll buchstabiert der Roman die makabre, Konrad Adenauer zugeschriebene Steigerung von Feind, Todfeind, Parteifreund aus. Ganz so, als wäre Politik ein einziger Hindernisparcours aus Korruption, Komplott, Klüngelei, eine menschenverschlingende Maschine.

"Nur damit hier nicht der Gedanke aufkommen könnte, ich wäre gar kein echter Mensch", lässt Hirschl seinen Erzähler räsonieren, "sondern nur ein unbestimmtes Wesen, ein nichtverankertes Konstrukt, eine Art Gedankensubstrat ohne klaren Umriss, eine Entität, die sich undefiniert als Wahrscheinlichkeitswolke in irgendeiner außerweltlichen Sphäre befindet und erst dadurch beginnt, klare Umrisse auszubilden, dass ein neugieriger Rezipient seinen entlarvenden Scheinwerfer auf mich richtet." Solche Sätze, bei denen Sound und Wumms passen, fallen Hirschl leicht. "Ich habe ein reales Innenleben. Ich bin salonfähig", verabschiedet sich der Varga-Freund gegen Ende des Romans. Das Buch tarnt sich geschickt als Parodie auf den gegenwärtigen Politbetrieb - und ist das Trauerstück eines an die dunklen Seiten der Macht Verlorenen, das Hirschl ins Grotesk-Gruselige verschiebt.

Am Ende setzt es wieder Satire. Vergangene Woche meldeten zahlreiche Medien den geplanten Antritt des österreichisch-kanadischen Industriellen Frank Stronach bei der anstehenden Wahl zum Bundespräsidenten. Einmal mehr steckte "Die Tagespresse" hinter dem Fake. Elias Hirschl lächelt am Volkertmarkt dazu nur milde.

 

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