Regisseur Jan-Christoph Gockel und Schauspielerin Alicia Aumüller umarmen einander lachend vor einem weißen Paillettenvorhang.
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Roth & Schwarz: Literatur und Kriegsrealität als Bühnenrevue – „Ukrainomania“

Irrsinn und Galgenhumor: Am Wiener Volkstheater kommt am Donnerstag mit „Ukrainomania“ ein Projekt zur Uraufführung, in dem das literarische Werk Joseph Roths und der tobende Krieg gegen die russischen Invasoren zu einer makabren Show stilisiert werden.

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Joseph Roth verlässt sein Pariser Grab. Er spukt über die Bühne und durch die Zeiten. Der Schriftsteller reist zurück in seine alte Heimat, in die Ukraine, um sich selbst zu finden – oder das, was von seinem Tun geblieben ist. Der Schauspieler Bernardo Arias Porras stellt, ohne sich um äußere Ähnlichkeit mit dem Verkörperten zu bemühen, Joseph Roth dar. Er steht auf der Bühne ganz vorn und rezitiert eine Passage aus Roths „Radetzkymarsch“ (1932), in der von den letzten Tagen des Bezirkshauptmanns Trotta die Rede ist: „Die Zeit floss an ihm vorbei, ein breiter, gleichmäßiger Strom. (…) Und also war es ihm zuweilen, als lebte er nur noch ein zweites, ein blasseres Leben, und sein erstes und echtes hätte er längst vorher beschlossen. Seine Tage – so schien es ihm – eilten nicht dem Grabe entgegen wie die Tage aller anderen Menschen. Versteinert, wie sein eigenes Grabmal, stand der Bezirkshauptmann am Ufer der Tage.“

Der Schauspieler Bernardo Arias Porras steht als Joseph Roth auf der Bühne, liest Roth-Texte von seinem Handy, hinter ihm eine Video-Großprojektion, die ihn vor einer Schultafel zeigt.
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Auf der schwarzen Gaze-Leinwand hinter Arias Porras läuft ein Video, das den Schauspieler zeigt, wie er vor einer ukrainischen Schule mit Kindern ins Gespräch zu kommen versucht: „I’m Joseph“, sagt er und stellt sich neben eine Roth-Büste. Er schreibt den Namen „Joseph Roth“ an die Tafel des Klassenzimmers: „Wer kann mir etwas über mich erzählen“, fragt er, aber die Kinder verstehen das wackelige Englisch des seltsamen Gasts nicht recht – und scheinen auch nicht viel von Joseph Roth zu wissen, der hier, in Lwiw, dem einstigen Lemberg, zur Schule ging. Lost in translation.

Eine Nation wird modern

Auf der großen Bühne des Wiener Volkstheaters wird gerade das Stück „Ukrainomania“ geprobt, eine Koproduktion mit dem Nationaltheater Maria Zankovetska in Lwiw, eine Auseinandersetzung mit der großen, aber tragischen Figur Joseph Roth, in deren Leben und Werk sich viele der Verwerfungen spiegeln, die auch die ukrainische Gegenwart heimsuchen. Roths überragendes Interesse galt der Ukraine, jenem Land, in dem heute Krieg herrscht und um das seit je gestritten wurde. Für seinen Feuilletontext „Ukrainomanie“, der Mitte Dezember 1920 in der „Neuen Berliner Zeitung“ erschien, näherte sich Roth dem Land auf Umwegen. „Berlins neueste Mode“, so ist „Ukrainomanie“ untertitelt. „Manchmal wird eine Nation modern. Griechen und Polen und Russen waren es eine Zeitlang. Nun sind es die Ukrainer“, beginnt Joseph Roth seine spöttischen Betrachtungen: die Ukrainer, „von denen man bei uns und im übrigen Westen nicht viel mehr weiß, als dass sie irgendwo zwischen Kaukasus und Karpaten wohnen, in einem Land, das Steppen und Sümpfe hat“.

In Roths Berlin war die Ukraine Mode, die Stadt „schwelgt in groteskem Ukrainertum“. Auf den Berliner Ballettbühnen, in den Varietés, im „Eispalast“: ausufernde „Ukrainomanie“. Eben hier setzt Roth an: „Diese Operettenbegriffe von Land und Volk sind zu verführerisch.“

Irrlichtern

Die Stimmung am Volkstheater ist ausgelassen, vieles wird ausprobiert, vorgeschlagen und wieder verworfen, niemand weiß noch ganz genau, wann welcher Auftritt wie und wo stattfinden sollte; der deutsche Regisseur Jan-Christoph Gockel erklimmt immer wieder die Stufen zur Bühne, um sein kritisches Feedback zu den Angeboten seines Teams aus nächster Nähe zu verabreichen, möglichst ohne die Spielfreude zu trüben. „Ich mag dieses Assoziative und Irrlichternde auf der Bühne, das Arbeiten zwischen den Genres, um auch Inneres zu beleuchten und nicht nur Messer, Mord und Spannung“, sagt er später. Es sind noch acht Tage bis zur Premiere, die am 15. Jänner stattfinden wird, und das Theater ist in Bewegung. Für Gockel ist Roth bereits ein guter Bekannter: Er hat sich mit dem Autor am Zankovetska Nationaltheater schon 2024 befasst, unter dem Titel „Wer, verdammt, ist Joseph Roth?“.

Die Schauspielerin Nancy Mensah-Offei lacht mit Backenbart im Bildvordergrund, hinter ihr auf der Bühne: Regisseur Jan-Christoph Gockel, Darstellerin Alicia Aumüller und ihr Kollege Bernardo Arias Porras
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Diese Frage ist tatsächlich weniger leicht zu klären, als man meinen könnte. Denn über seinen Tod hinaus blieb Roth, der als poetischer Miniaturmaler und Romancier brillierte, ein Mann verschärfter Widersprüche. Als der Schriftsteller und Journalist am 30. Mai 1939 auf dem Cimetière Thiais südlich von Paris beigesetzt wurde, überschatteten Tumulte die Totenfeier. Einer der Trauergäste, der Reporter Egon Erwin Kisch, warf demonstrativ einen sozialistisch-roten Nelkenstrauß auf Roths Sarg. Die katholischen Priester begannen trotzig mit der Beisetzung, während die um die Begräbnisstätte versammelten Franz-Joseph-Treuen mit einem Blumengebinde das unbeirrbare Eintreten des Verstorbenen für Kaiser, Gott und Vaterland würdigten. Die ebenfalls anwesenden Kommunisten, Liberalen und jüdischen Emigranten kommentierten den am Rand der Gruft ausgetragenen Streit der Ideologien mit entrüstetem Gebrumm. Ein Durcheinander, wie es schöner nicht zu haben ist. Gespensterszenen am Grab, als seien sie einem Roth-Roman entsprungen.

Selbstverklärung

„Das Missverständnis darüber, wer Roth war, hat maßgeblich mit seiner Mythomanie zu tun. Er verklärte sich selbst, auch durch seine literarischen Spiegelbilder“, sagt Jan-Christoph Gockel. Die ersten 18 Lebensjahre verbrachte Roth in seinem galizischen Geburtsort Brody nahe der russischen Grenze und in dem 100 Kilometer davon entfernten Lemberg. 1913 übersiedelte er nach Wien. „Das Stigma des mittellosen galizischen Juden wollte Roth, der bitterarm in Wien ankam, stets vermeiden“, so Gockel. Seine insgesamt 16 Romane, 19 Novellen und Erzählungen sowie fast 1500 Zeitungsarbeiten schrieb Roth in Bars, Bistros, an Tischen von Kaffeehäusern.

Stefan Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.

Wolfgang Paterno

Wolfgang Paterno

ist seit 2005 profil-Redakteur.