© APA/WOLFGANG HUBER-LANG

Kultur
05/31/2022

Peter Handkes Notizen: Luftig stümpern

Peter Handkes jüngste Weltstreifzüge: "Innere Dialoge an den Rändern 2016-2021".

von Wolfgang Paterno

Peter Handkes Leserschaft teilt sich, grob gerechnet, in zwei Teams: Da wäre zuerst jene zahlenmäßig wohl eher überschaubare Gruppe zu nennen, die dem 1942 geborenen Literaturnobelpreisträger bis heute mit jedem neuen Buch aus der Dichterwerkstatt nahe Paris die Treue hält. Der Prosahohepriester und seine Lesejüngerschaft. Andererseits gibt es jenen über die Jahre stetig angewachsenen Zirkel, der eisern beteuert, nur die "alten Sachen" des Kärntner Autors zu lesen, wenn überhaupt. "Wunschloses Unglück" (1972) und "Versuch über die Müdigkeit" (1989) als bevorzugte Lektüren mit gern ausgestellter Feindschaft zu "Mein Jahr in der Niemandsbucht" (1994) und "Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos" (2002).
 

Bei "Innere Dialoge an den Rändern 2016-2021", dem jüngsten Beispiel in einer langen Reihe von Journalbänden, gelten nun keine Ausreden mehr, Handke nicht zu lesen. Denn die "Inneren Dialoge" sind vieles in einem: Ideenbrevier, Denkechoraum, Verzettelungszone, Alltagsabhandlung, Zitaten - und Traumrestesammlung, Handlungsleitfaden, Werkchronik, Fragenkatalog, Selbstumkreisung. Ein Buch der vielen Bücher, ein Abbild von Handkes fortwährenden Gedankenstreifzügen als eine von Absätzen durchzogene Textur, buchstäblich ohne jeden Punkt als Satzschlusszeichen.

"Wer sagt denn, dass die Welt schon entdeckt ist?", fragte Handke vor fast 60 Jahren. Man kann "Innere Dialoge an den Rändern" drehen und wenden, wie man will, wie man's braucht: Peter Handke lässt einen an seinen Expeditionen ohne Gehabe und Getue teilnehmen, er geht die Wiederentdeckung dessen, was um uns ist, so spielerisch wie verspielt an. "Kalauer des Tages: ,Immer mehr Gelichter und immer weniger Licht'", notiert er. Dann wieder: "Licht-und luftig stümpern: Werkideal." Oder auch: "Seltsam währt am längsten. - Ja, währe, liebes Seltsam! - Lauf der Welt? - Hindernislauf des Lebens."

Und wie beschreibt Handke das Lesen selbst? Zum Beispiel so: "Mindestens einmal am Tag der stumme Ausruf: ,Jetzt hilft nur noch Lesen!'"

Peter Handke: Innere Dialoge an den Rändern 2016-2021. Jung und Jung, 372 S.,EUR 26,-