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Kultur
12/30/2020

Wie wichtig ist uns die Kultur? Und was wird aus ihr werden?

Zwischen Systemerhalt, Ausnahmezustand und neuer Normalität - wie wichtig ist uns eigentlich die Kultur? Was unterscheidet Kunst von Freizeit? Und was wird aus ihr werden?

von Stefan Grissemann

Kunst zum Abgewöhnen: Der erzwungene Triumph der Heim-und Online-Kultur hat zu einem weitgehenden Abbruch der Direktkonfrontation mit künstlerischen Werken geführt. Stefan Grissemann sieht darin jedoch, neben vielen sehr schlechten, auch eine gute Nachricht.

Wie lange sind Österreichs Kultureinrichtungen, mit Ausnahme der Museen und Bibliotheken, jetzt eigentlich schon geschlossen? Kann sich noch jemand erinnern, wie das war: ohne Maskenpflicht ins Kino zu gehen? Ein überfülltes Konzert zu erleben? Die radikale Körperlichkeit einer Theateraufführung zu erfahren, in nächster Nähe zu den Menschen auf der Bühne? Oder auch nur: sich eine Melange in der Pause zu gönnen, ehe das Operngeschehen weitergeht? Bis mindestens 18. Jänner wird der triste Zustand anhalten, und nur die unverbesserlichen Optimisten glauben noch daran, dass nach Weihnachten und Silvestertrubel die Infektionszahlen (und damit auch die Wahrscheinlichkeit längerfristig geschlossener Kultureinrichtungen) nicht wieder steigen werden.

Seit März 2020 läuft ein global angelegtes Kulturexperiment, um das niemand gebeten hatte: Wie schnell gewöhnt sich die Menschheit an die Zumutung, Opern nur mehr am Fernseh-oder Computerschirm zu rezipieren, Filme nur noch per Amazon, Netflix et al. zu sehen, Konzerte im Radio, Lesungen und Podiumsdiskussionen allenfalls im Livestream wahrzunehmen? Eine Kulturpolitik, die sich selbst ernst nähme, müsste diese Frage längst in Angriff genommen haben; stattdessen erschöpft sie sich, nicht nur hierzulande, in Mitleidsrhetorik und Subventionspolitik. Die Performance der österreichischen Bundesregierung in Sachen Kultur-Lockdown ließ von Anfang an zu wünschen übrig.

Die zunächst eingesetzte grüne Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek gab desaströse Pressekonferenzen und keinerlei Strukturmaßnahmen vor, agierte derart plan-und glücklos, dass sie nach kaum mehr als 100 Tagen das Regierungsteam wieder verlassen musste. Andrea Mayer, ihre Nachfolgerin, wurde, als sie der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, von Teilen der Kunstszene und des Feuilletons wie eine Lichtgestalt gefeiert; seither versucht sie, diesem Ruf gerecht zu werden, ist aber seit ihrem Amtsantritt hauptsächlich mit bürokratischer Basisarbeit beschäftigt: Während sie überlebensnotwendiges Geld an Kunstschaffende und Kulturinstitutionen verteilt, sind alle anderen Fragen ins Hintertreffen geraten. Strategien, gar Utopien für eine Kulturlandschaft nach dem Ausnahmezustand hat das (für die Kunst zuständige) Duo Mayer& Kogler offensichtlich nicht im Angebot.

Aber mehr ist von einer politischen Elite letztlich nicht zu erwarten, die in geschlossenen Kunsteinrichtungen lediglich ein Wirtschaftsproblem erblickt und in der Auseinandersetzung mit kulturellen Hervorbringungen nur eine "Freizeitbeschäftigung".Anderswo ist man in dieser Sache schon einen Schritt weiter: Vor ein paar Wochen novellierte der deutsche Gesundheitsausschuss das Infektionsschutzgesetz; Kulturinstitutionen gelten darin nun ausdrücklich als Bildungseinrichtungen und Kunstproduktionsorte, nicht mehr als Freizeit-und Vergnügungsstätten. Im österreichischen Sozial-und Gesundheitsministerium sieht man das anders, wie ein Blick in die zweite Covid-19-Schutzmaßnahmenverordnung vom 4. Dezember 2020 beweist: Abschnitt 12 schließt die Kunst mit der Freizeit kurz, als bräuchte die "kulturelle Erbauung" ganz selbstverständlich keinen eigenen Paragrafen. "Als Freizeiteinrichtungen", heißt es da, "gelten Betriebe und Einrichtungen, die der Unterhaltung, der Belustigung oder der Erholung dienen". Da liegt die Kultur natürlich nahe: Wird nicht in Tanzschulen mit Musik gearbeitet? Wird nicht in Wettbüros, Spielhallen und Paintball-Anlagen auch spannender Zeitvertreib geboten? Ganz zu schweigen von "Einrichtungen zur Ausübung der Prostitution", die sich in dieser Liste wenige Zentimeter oberhalb von Theatern, Konzertsälen und Kinos finden, endlich vereint in einem glorios Kunst und Feierabend, Schöpfergeist und Dolcefarniente umfassenden Paragrafen?

Das Kulturverständnis der heimischen Bundesregierung lässt also, wenn es schon an sich keine größere Tiefe aufzuweisen hat, immerhin tief blicken. Aber zur Ignoranz kommt auch noch die Arroganz, und die Abfälligkeit ist tatsächlich enorm: Wenn der Kanzler in einem öffentlich-rechtlichen Medium gegen all jene polemisiert, die von ihrer ausgeprägten Kunst-Libido beherrscht werden (O-Ton Sebastian Kurz: "Kulturverliebte kritisieren die Schließung der Kulturstätten"), muss er sich die Frage gefallen lassen, ob er nur das Wesen der Verliebtheit nicht begreift - oder nicht weiß, dass in der Verteidigung der Bedeutung kultureller Orte nichts sonderlich Irrationales liegt. Aber vielleicht ist dem Begriff auch ein starker unbewusster Wunsch eingeschrieben: Denn um die "Kulturverliebten", von denen Kurz so vollmundig sprach, muss man sich nicht weiter kümmern: Ihre Schwärmerei wird nicht lange anhalten. Verliebtheit hat biochemische Ursachen, die im Gehirn kurzfristig Chaos produzieren: Der Neurotransmitter Dopamin stellt Glücksgefühle her, während im präfrontalen Cortex der Betrieb gedrosselt wird, damit das Vernunftwidrige sich freie Bahn verschaffen kann. So leiden die in die Kultur Verknallten, wie Sebastian Kurz sie sieht, unter verengtem Bewusstsein und in vielen Fällen wohl auch unter einer starken Fehleinschätzung des Objekts der Zuneigung. In anderen Worten: Die Liebeskranken sind blöd vor Euphorie, süchtig nach ihrem Stoff und blind für alles andere, was unsere Welt schöner macht (Migrationsstopp, Bauernbund, Weihnachtsgeschäft).

Ein verantwortungsbewusster Regierungschef, der den zehrenden Kampf gegen eine Pandemie zu führen hat, kann Kulturverliebte beim besten Willen nicht - und nicht einmal nebenbei - zur Grundlage seiner Entscheidungen machen. Eine nennenswerte Liebe zur Kunst mag sich der für sein dringendes Interesse an künstlerischer Ausdruckskraft nicht eben bekannte Kanzler gar nicht erst vorstellen. Mit Kulturinstitutionen, die nicht von Martin Ho betrieben werden, hat Sebastian Kurz bislang halt wenig zu tun gehabt. Mit Kirchen und Moscheen, die er im Lockdown lieber offen lässt, dagegen durchaus. "Der Bereich der Religion" sei eben "ein besonders heikler", sprach Kurz zu diesem Thema wolkig-und gab damit auch zu verstehen, dass ihm die Kultur, bei allem Bemühen um vorbildliche Sicherheitsstrategien, nicht heikel genug vorkommt.

Die Kunst wird's überleben, ihre Tempel allerdings wohl nur zum Teil. Es wird zu einem Ausleseverfahren kommen, in dem nur jene eine Chance auf Stabilität haben werden, die etwas Singuläres bieten, das nur dort, an einem Schauplatz außerhalb der eigenen vier Wände, zu erleben sein kann. Die Home-Entertainment-Trainierten werden bleiben, wo sie so perfekt unterhalten werden: daheim. Die Euphorie der Verliebten wird verfliegen, das Dopamin versiegen. Was dann noch bleiben wird, ist nur das Nötige. Die Konzentration aufs Wesentliche, auf die unvergleichliche Sinnlichkeit eines Bühnengeschehens, das sich vor unseren Augen vollzieht, oder auf die kollektive Erfahrung des Filmsehens in einem Kino, der Auseinandersetzung mit (insbesondere analogen) Bewegtbildern auf einer großen Leinwand, könnte einen ganz neuen Stellenwert erhalten. Wenn die Zerstreuung nur noch dort stattfände, wo sie am einfachsten zu haben wäre-und darauf richten wir uns nolens volens ja gerade ein-,bliebe der restliche Spielraum vor allem jenen überlassen, die über kulturelle Nebenfunktionen wie "Service" oder "Entspannung" hinausdenken.

Am Ende mag es daher, so betrachtet (und nur unter Ausblendung der katastrophalen Folgen für die KulturarbeiterInnen nicht überlebensfähiger Betriebe), sogar von Vorteil sein, wenn der Kunstkonsum als öffentliche Freizeitbeschäftigung ein Auslaufmodell wäre. Eine Neudefinition dessen, was wir, jede und jeder von uns, von der Kunst eigentlich wollen, könnte zur Entwicklung einer ungeahnten kulturellen Dringlichkeit führen, die zwar bestimmte Kunstformen weiter in die Musealisierung treiben würde, aber dafür sorgen könnte, dass uns allen deutlich und bewusst wird, was wir an einer Landschaft haben, die uns kreativ irritiert, schockiert und herausfordert. Dafür wird es viel guten Willen brauchen-und nicht zuletzt eine Volksvertretung, die ihre Verantwortung dafür wahrnimmt, dass man sich gerade das scheinbar Elitäre an der Kunst, also auch deren unumgängliche Kampfansagen und Zuspitzungen, im Interesse aller leisten können muss.

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