© Udo Titz

Satire
04/10/2021

Rainer Nikowitz: Gulaschkanone

Ich möchte mich hiermit in aller Form für den ungeheuren Affront, den sich meine Kollegin Franziska Tschinderle gegenüber Viktor Orbán geleistet hat, entschuldigen.

von Rainer Nikowitz

profil: Vielen Dank, dass Sie meiner Nichtswürdigkeit eine Audienz gewähren. Ich bin sehr aufgeregt, ich möchte nichts falsch machen. Wie darf ich Sie ansprechen?
Orbán: „Mein Führer“ ist nie falsch. Gerade Sie als Österreicher sollten das eigentlich wissen.
profil: Natürlich. Ich bitte vielmals um Entschuldigung. Aber Sie müssen bedenken, ich bin nur Journalist. Was weiß ich schon?
Orbán: Sie sind kein Journalist.
profil: Nicht?

Orbán: Nein. Die Mitarbeiter des ungarischen Staatsfernsehens, die sind Journalisten. Die haben ihren Hauptwohnsitz in meinem Mastdarm und kommen nur heraus, um sich öffentlich zu prostituieren. Aber Sie habe ich in meinem Mastdarm noch nie gesehen.
profil: Dort wird es ja auch recht dunkel sein.
Orbán: Fake News! Ich bin die Wahrheit und das Licht. Selbstverständlich auch von innen.
profil: Ich hege doch die leise Hoffnung, dass der Höhepunkt meiner Karriere noch nicht erreicht ist und ich es auch noch dorthin schaffe. Darum: Wäre es Ihnen recht, wenn wir jetzt zur ersten Frage kommen, mein Führer?
Orbán: Nein!
profil: Nein?
Orbán: Damit hat das ganze Problem mit Ihrer Zeitung ja erst angefangen. Dass diese Frau einfach Fragen gestellt hat.

profil: Verzeihen Sie meine Impertinenz, aber: Kommt das nicht bei Interviews öfter einmal vor?
Orbán: Aber doch nicht so amateurhaft.
profil: Wie macht man es denn professionell?
Orbán: Wenn ich meinem Staatsfernsehen ein Interview gebe, dann stelle ich mir die Fragen gleich selber.
profil: Ah! Das ist aber sehr innovativ.

Orbán: Ungarn war immer schon sehr innovativ. Egal ob es jetzt um  Pörkölt geht oder  auch um Gulasch.
profil: Wollen wir hoffen, dass Ihr Verständnis von Journalismus genauso ein Exportschlager wird wie diese beeindruckenden Beispiele ungarischer Hightech-Expertise.
Orbán: Ihr Bundeskanzler würde sich sicher wünschen, dass der österreichische Journalismus ähnlich weit entwickelt wäre.
profil: Der wäre ja überhaupt gerne wie Sie. Im Moment versucht er gerade, das Strafrecht so zu ändern, dass man seine Partei nicht mehr wirklich bei Korruption erwischen kann.
Orbán: Das ist das kleine Einmaleins. Aber jeder hat einmal klein angefangen.

profil: Die ÖVP-Abgeordneten im Europaparlament haben ja auch im Gegensatz zu fast allen anderen Konservativen gegen Ihren Ausschluss aus der EVP gestimmt. Alle bis auf Othmar Karas.
Orbán: Von dem habe ich schon gehört. Kommunist.
profil: Schlimmer: ein nicht türkis gewordener Schwarzer. Aber lassen Sie uns über Wichtigeres reden. Haben Sie jetzt eigentlich eine Frage an sich selbst, mein Führer?
Orbán: Nun, da Sie sich ja durchaus als professionell unterwürfig erweisen, will ich einmal nicht so sein. Ihre Kollegin hatte Fragen zur neuen Fraktion, der sich meine Abgeordneten in Brüssel möglicherweise anschließen werden. Ich kann Ihnen sagen, nach welchen Gesichtspunkten diese ausgewählt wird.

profil: Das wäre sehr freundlich von Ihnen. Ich habe mich ja schon immer gefragt, wie man Nationalismus internationalisiert. Am ehesten sucht man einfach gemeinsame Feindbilder, oder?
Orbán: Das auch. Aber vor allem achtet man darauf, wer im Lockdown in Brüssel die tollsten schwulen Swingerpartys mit den besten Drogen veranstaltet.
profil: Ich war so empört, dass man Ihren Abgeordneten József Szájer durch alle Medien gezerrt hat, nachdem er dort erwischt wurde! Ein billiger Racheakt war das! Ich meine, nur, weil er als Politiker nie die Parteilinie verlassen und immer gegen Schwule gehetzt hat? Das soll ein Grund sein, ihn als schmierigen, scheinheiligen Lügner hinzustellen? Und die ganze Fidesz gleich mit?

Orbán: Das ist alles Teil der konzertierten Kampagne der liberalen Terroristen gegen eine christlich-demokratische Partei.
profil: Die sogar so weit geht, zu behaupten, dass Ihre Partei weder das eine noch das andere ist!
Orbán: Nächste Frage: Warum bleibt Ungarn dann eigentlich in diesem Scheißverein EU?
profil: Ausgezeichnete Frage!
Orbán: Weil ich großherzig genug bin, die Milliardenförderungen von diesem Scheißverein einzusacken, obwohl ich ansonsten auf alles, wofür er steht, spucke.
profil: Sie sind so gut zu uns! Die EU hat jemanden wie Sie einfach nicht verdient.
Orbán: Das können Sie laut sagen.
profil: Aber mit dem allergrößten Vergnügen! Gerne auch im ungarischen Staatsfernsehen.
Orbán: Und wenn Sie einmal einen neuen Hauptwohnsitz brauchen …
profil: Wie heißt „Vaseline“ auf Ungarisch?

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