Rainer Nikowitz in einem dunklen Anzug mit Krawatte.
In der FPÖ herrscht nach der krachenden Niederlage von Role Model Viktor Orbán Panik. Muss sie am Ende ihr bisheriges Geschäftsmodell adaptieren?

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Herbert stand vor dem Spiegel und betrachtete missmutig, was er sah. Seine Gedanken waren schon einmal weniger düster gewesen. Sie waren zwar zugegebenermaßen niemals wolkenlos oder gar fröhlich, wir reden hier schließlich vom Chefideologen jener grundoptimistischen Zukunftsbejahung, die den steifen Rücken der konstruktiven blauen Programmatik bildet. Aber weniger düster waren sie schon manchmal. Mit ein bisschen Nachdenken wären Herbert schon zwei, drei gute Tage eingefallen. Mit den Jahrzehnten kam da durchaus was zusammen.

Aber heute war definitiv kein guter Tag. Denn heute hatte Viktor verloren. Und wie auch noch. Dieser undankbare ungarische Gulaschkommunistenpöbel hatte ihm nach 16 Jahren Milch und Honig, für die Viktors umsichtiger Rechtsrabiatismus gesorgt hatte, nicht nur die verdiente neuerliche absolute Mehrheit verweigert, sondern ihm in für die ungebildete Masse leider typischer krasser Fehlbeurteilung seiner Verdienste eine absolute Schmach beschert. Dabei hatte sich Viktor zwecks Hintanhaltung solcher potenziell tragischer Wählerfehler ja ohnehin schon das Wahlsystem so hergerichtet gehabt, dass nach menschlichem Ermessen eigentlich immer er gewinnen hätte müssen, egal wie viele falsche Kreuze diese Deppen da unten wieder machten. Allein: Diese Demokratieoptimierung aus dem rechten Playbook verfehlte ihr Ziel.

Und jetzt kam das wirklich Beunruhigende: Nicht nur dieser Einserschmäh hatte versagt. Viktor hatte im Wahlkampf selbstverständlich nichts unversucht gelassen und sämtliche Register in puncto Wahrheitsliebe, Anstand und Fairness gezogen. Er hatte quasi persönlich – wegen seiner ausgezeichneten Beziehungen zum ebenso patriotischen serbischen Capo – einen von Selenskyj angeordneten Anschlag auf die wichtigste Gaspipeline des Landes vereitelt. Aber auch das hatte den abgestumpften ungarischen Wahlkörper nicht wieder zurück in die gütig ausgebreiteten Arme seines Beschützers fallen lassen.

Dann hatte Viktor JD Vance als Stargast eingeflogen. Der hatte wieder einmal einen wohltuend unbizarren Auftritt geliefert und sich neben Orbán stehend bitterlich über ausländische Einmischung in die ungarische Wahl beklagt. Und danach den Ungarn dringend empfohlen, Orbán zu wählen. Und der Dank für diese paradoxe Intervention? Nur Hohn, sonst nichts! Insubordination, wohin man schaute!

 Viktor hatte, unterstützt von all seinen Waffenbrüdern, alles aufgeboten, was die heutige Rechte zu bieten hatte. Und er hatte trotzdem verloren.

Und schließlich – und das war der Punkt, der Herberts Gedanken an diesem traurigen Tag am allermeisten verdunkelte – hatte auch die ultimative Waffe schlechthin versagt. Denn selbst der wie gewohnt mitreißende Auftritt von the Herbert himself in Budapest hatte nicht den gewünschten zählbaren Erfolg gebracht. Man konnte es nicht beschönigen. Man konnte nur Ursachenforschung betreiben. Und die war noch nicht abgeschlossen. Sprich: Herbert hatte noch niemanden gefunden, dem er dafür die Schuld geben konnte.

In Summe war der Befund ein ausgesprochen beunruhigender: Viktor hatte, unterstützt von all seinen Waffenbrüdern, alles aufgeboten, was die heutige Rechte zu bieten hatte. Und er hatte trotzdem verloren.

Oh mein Gott: War am Ende das Mojo weg?? Brach jetzt, nach Jahren der Hochkonjunktur, plötzlich die rechte Rezession über sie herein?

Oder brauchte es vielleicht nur einige mehr oder weniger kosmetische Korrekturen am bisher so erfolgreichen Geschäftsmodell? Aber welche? Wie weit musste eine eventuelle Anpassung denn gehen? Wie weh würde sie eventuell tun? Sollte Herbert zum Beispiel damit aufhören, Andersdenkende gewohnheitsmäßig übelst zu beschimpfen und offene Aggression als normales Mittel einer politischen Auseinandersetzung zu begreifen? Das wäre schon hart für einen wie ihn. Ein großes Opfer. Und der Schaden wäre größer als der Nutzen, so gut kannte er das Durchschnittpsychogramm seiner Wähler.

Vielleicht sollte er stattdessen schwören, nur mehr die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen? Egal, worüber. Und sei es über Ivermectin. Das könnte wiederum vielen seiner Patienten Phantomschmerzen bescheren. Oder sollte er sich am Ende gar ideologisch öffnen? Nicht nur mit der österreichischen Fahne zur John-Otti-Band wacheln, sondern auch mit der Regenbogenfahne beim Song Contest? Der Jörg Haider hätte das gemacht, wenn’s ihm genützt hätte. Und irgendwie hätte es ihm schon genützt. Doch der Herbert war nicht der Jörg. Gott sei Dank nicht!!

Aber es musste doch einige Schrauben geben, an denen man drehen konnte … Herbert suchte im Spiegel nach seiner Schokoladenseite. Als er etwas fand, das er dafür hielt, rang er sich etwas ab, das er für ein gewinnendes Lächeln hielt.

Nein. Das würde auch nicht reichen.

Und der Tag wurde noch düsterer.

Rainer   Nikowitz

Rainer Nikowitz