Starke Männer?
Es ist die Stunde der starken Männer in der Weltpolitik. Ihre Verhaltensmuster: Sie sind Revanchisten und Imperialisten. Für sie gibt es weder Recht noch Wahrheit. Sie allein bestimmen, was passiert. Gezielt verbreiten sie Angst und Panik. Sie reden nicht, sie posaunen. Ihre Ohren sind verschlossen. Sie lügen, drohen, demütigen, verhöhnen. Sie haben Untertanen und Befehlsempfänger, aber keine Partner. Sie verhandeln nicht, sie bombardieren. Sie proklamieren Siege, ohne gewonnen zu haben.
Die Faszination der Narzissten ist unheimlich, aber nicht neu, ihr Auftreten unabhängig von Weltregion und Regierungssystem. Russland, USA, Naher Osten. Diktatur oder Demokratie – die Unterschiede verwischen sich. Sie füllen weltweit die Nachrichten im Stakkato, bohren sich in unsere Gehirne, verwirren unser Urteilsvermögen. „Flooding the zone with shit“ ist ein krankes Konzept, aber es wirkt. Was macht diese starken Männer auch bei uns so anziehend? Ist es etwa die Selbstverständlichkeit, mit der sie zu Gewalt greifen? Lassen wir den Opfern ihrer wahnwitzigen Attacken dieselbe Aufmerksamkeit zukommen wie ihnen? Warum vergessen wir, dass Lautstärke und Beleidigungen nicht Zeichen von Stärke sind, sondern das Gegenteil? Je schwächer das Argument, desto schriller die Tonlage.
Das Böse fasziniert seit jeher stärker als das Gute. Jeder will Trump und Putin verstehen. Aber wozu eigentlich? Was folgt aus der Erkenntnis, dass es sich bei den „starken“ Männern um narzisstische Egomanen und empathieunfähige Individuen handelt? Zur Schadensverhinderung hilft das nicht. Therapie der Täter sollte es erst geben, nachdem sie mit friedlichen Mitteln beseitigt wurden. Durch Wahlen, wie es Demokratien vorsehen.
Eines eint die „starken Männer“: Gewalt als Mittel der Politik. An erster Stelle der bedenkenlose und ungezügelte Einsatz militärischer Gewalt. Dazu wirtschaftliche Gewalt wie Zollstrafen und Seeblockaden. Und psychische Gewalt: die Drohung mit Gewalt, Einschüchterung, Erpressung, Demütigung und Verhöhnung. Zuerst gegenüber
Andersdenkenden, bald aber auch gegenüber der eigenen Umgebung. Angst ist kurzfristig ein hocheffizientes Management-Tool. Allerdings mittelfristig meist kontraproduktiv. Menschen lassen sich nicht auf Dauer kleinmachen, öffentlich demütigen, zerquetschen.
Wie reagieren die Europäer? Mit Rationalisierungsversuchen. Und erstaunlicher Zurückhaltung, wenn es darum geht, diese Methoden als das zu brandmarken, was sie sind. Lieber werden allerhand Ausreden an den Haaren herbeigezogen, um der verbotenen Gewaltausübung und -androhung ein fadenscheiniges Mäntelchen der Akzeptanz umzuhängen. So wirkt Angst. So wachsen autoritäre Strukturen und letztlich Diktaturen. Selbst wo es im Einzelfall nachvollziehbare Gründe für Gewalteinsatz geben mag, untergräbt diese mangelnde Abgrenzung die eigene Glaubwürdigkeit. Wie soll ein Wähler Vertrauen zum politischen Personal haben, wenn sich seine Eigenwahrnehmung überhaupt nicht mehr deckt mit der seiner Politiker?
Die Abwahl von Viktor Orbán, dem Idol der „Internationale der starken Männer“, zeigt eindrücklich die Grenzen der Wirksamkeit dieses Modells. Putin, Trump, Vance, Le Pen, Weidel, Vucic und Kickl – alle Gleichgesinnten haben den Erfinder der illiberalen Demokratie lautstark unterstützt. Die Ungarn jedoch haben ihn nach 16 Jahren abgewählt. Orbán, der Chef eines Korruptionisten-Clans, der gewissenlose Nachbar, der als russischer Agent der Ukraine in den Rücken gefallen ist und europäische Beschlüsse boykottiert hat, wurde aus dem Amt gejagt. Von „seinem“ Volk. Es lebe die Demokratie! Nichts fürchten die „starken“ Männer mehr als freie Wahlen.
Europa tut gut daran, sich nicht einschüchtern zu lassen, an seinen Grundwerten festzuhalten, nicht zu wanken oder vorauseilend in die Knie zu gehen. Nein, Grönland wird nicht freigegeben. Nein, die Ukraine wird nicht im Stich gelassen. Nein, ein amerikanischer Präsident kann uns nicht in seinen Krieg zwingen. Und ja, Klarheit und Festigkeit sind ein Muss, nicht ein Vielleicht.
In einer freien Gesellschaft machen sich die Bürger selbst ihr Bild. Nicht in jedem Detail, aber im Großen und Ganzen. Sie unterscheiden sehr wohl, wer es gut meint mit ihnen und wer sie nur benutzt. Unerschrockenheit gewinnt. Hoffentlich gelingt den in die Unwissenheit hineinmanipulierten Russen und den von den Tech-Giganten übermannten Amerikanern bald die mentale Selbstbefreiung. Die Strategien der todessüchtigen „starken Männer“ sind jedenfalls keine Zukunftsoptionen. Noch gibt es Wahlen, hier und dort.