Eine Mehrheit der Kanadier will, dass ihr Land der EU beitritt. Das liegt vor allem an Donald Trump.

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Wie wäre es, wenn die Europäische Union ihre Fläche mehr als verdreifacht? Wenn die Wirtschaftsleistung mit einem Schlag um zwei Billionen Euro und die Bevölkerungszahl um 40 Millionen steigen würde?

So wäre es, würde Kanada der EU beitreten. Fast 60 Prozent der Kanadierinnen und Kanadier sprechen sich laut einer Umfrage der Tageszeitung „Globe and Mail“ ganz oder eher dafür aus. Nicht einmal ein Drittel ist dagegen.

Für die EU ist die Idee verlockend: Kanada wäre ein Nettozahler, würde also mehr Mittel einzahlen, als es herausbekommt. Das Land verfügt über wichtige Rohstoffe und würde Europa die Unabhängigkeit von China erleichtern. Und in vielen Bereichen, etwa in der Qualität des Bildungssystems, bei den Ausgaben für Forschung und Investitionen in neue Technologien, ist Kanada vielen EU-Mitgliedern voraus. Das Land erfüllt de facto alle Anforderungen einer EU-Mitgliedschaft. Im Europäischen Parlament hätte es rund 50 Abgeordnete, in etwa so viele wie Polen.

Ins Spiel gebracht hatte die Idee Sigmar Gabriel. „Kanada ist ohnehin europäischer als manches Mitglied der Europäischen Union“, sagte Deutschlands früherer Außenminister vor einem Jahr zum „Weser Kurier“. Auch Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot und Finnlands Präsident Alexander Stubb sprechen sich für eine Aufnahme Kanadas in die EU aus.

Dass die Idee nicht sofort als völlig bizarr abgetan wird, zeigt, wie sehr sich die Welt verändert hat.

Dass dies tatsächlich geschieht, ist – noch – nicht sehr wahrscheinlich. Artikel 49 der EU-Verträge schreibt vor, dass nur europäische Staaten dem Bund beitreten können, für eine Änderung bräuchte es die Zustimmung aller EU-Mitglieder. Und Kanadas Premierminister Mark Carney nannte sein Land zwar das „europäischste unter den nicht-europäischen Ländern“, einen Beitritt zur Europäischen Union strebt er aber nicht an.

Dennoch: Dass die Idee nicht sofort als völlig bizarr abgetan wird, zeigt, wie sehr sich die Welt verändert hat. Sie ist Ausdruck des Willens, der globalen Allianz von Tyrannen und Autokraten etwas entgegenzusetzen. Mit dem Beitritt Kanadas würde die EU vom regionalen Block zu einer wertebasierten Institution, die ihre geografischen Grenzen überwunden und ihre globale Bedeutung gestärkt hat – eine dritte „Supermacht“ neben den USA und China. Europa würde zum mächtigen Gegenpol gegenüber dem Einparteiensystem in Peking und den autokratischen Bestrebungen Donald Trumps in Washington.

Der US-Präsident zeigt Bewunderung für Wladimir Putin und übernimmt in den Verhandlungen für Frieden in der Ukraine die Positionen Russlands. Dem EU- und NATO-Mitglied Dänemark drohte er mit der Annexion Grönlands, und Kanada stellte er in Aussicht, das Land kurzerhand als „51. Bundesstaat“ in die USA zu zwingen.

Die hohen Beliebtheitswerte der EU unter Kanadierinnen und Kanadiern sind so zu verstehen, dass man sich Europa ideologisch und kulturell näher fühlt als dem erratischen Nachbarn USA. Nach seinem Amtsantritt vor einem Jahr ist Carney nicht nach Washington gereist, sondern nach Europa. Hier gilt er als eloquent und geradlinig – als jemand, der sich nicht wegduckt, sondern rücksichtslosen Machtpolitikern wie Trump die Stirn bietet. Dem US-Präsidenten richtete Carney aus, dass die alten Zeiten der guten nachbarlichen Beziehungen vorbei seien.

Die Realität ist aber auch, dass drei Viertel aller kanadischen Exporte in die USA gehen. Fast 9000 Grenzkilometer verbinden Kanada im Süden und im Nordwesten mit den USA, mit Europa (Grönland) teilt Kanada nur eine 1,2 Kilometer lange Landgrenze auf der Hans-Insel im Nordosten.

Kanada wird sich Europa auch ohne EU-Beitritt weiter annähern. Im Jahr 2017 trat das Umfassende Wirtschafts- und Handelsabkommen (CETA) zwischen der EU und

Kanada vorläufig in Kraft, seither hat der Austausch von Waren und Dienstleistungen um mehr als 70 Prozent zugenommen. Und voriges Jahr sind die Kanadier sogar dem EU-Programm für gemeinsame Waffenkäufe beigetreten.

Europa und Kanada rücken trotz der rund 5700 Kilometer, die zwischen Brüssel und Ottawa liegen, immer näher zusammen.

Siobhán Geets

Siobhán Geets

ist seit 2020 im Außenpolitik-Ressort und seit 2025 stellvertretende Ressortleiterin. Schwerpunkt: Europa und USA.