Auf data.gv.at finden sich zahllose öffentliche Datensätze. Bis zuletzt auch die jährlichen polizeilichen Kriminalstatistiken von 2001 bis 2023, vom Innenministerium fein säuberlich in dutzenden Excel-Tabellen zu einzelnen Themen aufgeteilt. Die dort hinterlegten Zahlen zur Jugendkriminalität zeichneten ein ganz anderes Bild als von Innenminister Karner kommuniziert.
In den Jahren zwischen 2008 und 2013 zeigen diese Daten mehr als 20.000 Anzeigen gegen jugendliche Tatverdächtige mehr als die Grafik zur Jugendkriminalität, die das Ministerium auf seiner Website veröffentlichte und an die Medien schickte. Allein im Jahr 2008 hat das Innenministerium demnach 12.000 derartige Anzeigen zu wenig dargestellt. Auch profil übernahm die Grafik des Innenministeriums.
Die stetig ansteigende Kurve an vermeintlich immer kriminelleren Jugendlichen in der Karner-Statistik zeigt sich in den Zahlen von data.gv.at so nicht. Stattdessen zeigte sich, dass Jugendliche 2008 bereits fast so häufig angezeigt wurden wie 2022 und 2023. Nach 2008 sinkt die Zahl der Anzeigen stetig, erreicht 2015 ihren Tiefpunkt und steigt erst danach wieder an. Eine einzigartige Ausnahmesituation im Jahr 2024 war durch diese offiziellen Zahlen des Innenministeriums nicht mehr belegt.
Gelöschte Daten
profil wandte sich am 8. Jänner an das Innenministerium mit der Frage, warum zwei offizielle Datensätze des Ressorts derart stark voneinander abweichen. Da die Statistik-Abteilung des Ministeriums den Fehler nicht gleich erklären konnte, räumte profil eine weitere Woche für eine Stellungnahme ein. Noch bevor diese einlangte, wurde der betreffende Datensatz auf data.gv.at gelöscht. Der Link zu den polizeilichen Kriminalstatistiken von 2001 bis 2023 führt seither ins Leere.
Laut Innenministerium war diese Löschung eine der Maßnahmen, „um einem erneuten Missverständnis dieser Art vorzubeugen“. Denn beide Datensätze seien richtig, betont das Ressort auf Anfrage. Änderungen im polizeilichen Protokollierungssystem würden allerdings „auch methodische und technische Diskontinuitäten“ bedingen. Meist würden daraus nur „marginale Veränderungen im Datenmaterial” entstehen, argumentiert das Ministerium, gesteht aber ein: „In Einzelfällen können die Abweichungen aber auch deutlicher sein.“
Bei der Jugendkriminalität war die Abweichung zwischen 2008 und 2013 mehr als deutlich. Künftig will das Innenministerium daher nur noch Zahlen ab 2014 veröffentlichen.
Allgemein sei die polizeiliche Kriminalstatistik eine Massenstatistik, „welche der Darstellung von Entwicklungen und Trends dient“, betont das Innenministerium: „Für die Aussagekraft und Darstellung im Hinblick auf das polizeilich registrierte, strafrechtlich relevante Geschehen in Österreich stellen derartige Datenveränderung also keine Einschränkung dar.“
Für den Innenminister reichten die Zahlen dennoch, um eine Sondereinsatzgruppe ins Leben zu rufen und die „gefängnisähnliche Unterbringung“ von Jugendlichen zu fordern.
Es ist nicht das erste Mal, dass die öffentliche Kommunikation des Ministeriums und die eigene Fachexpertise beim Thema Jugendkriminalität auseinanderliegen. Am 23. Dezember 2025 hatte das Ministerium etwa eine parlamentarische Anfrage der FPÖ beantwortet. Darin weist das Ressort auf die Natur der Anzeigenstatistik hin, konkret, „dass der Anstieg nicht zwangsläufig bedeutet, dass die Jugendkriminalität insgesamt zugenommen hat“.
Ein Täter, viele „Tatverdächtige“
Vielmehr seien es verstärkte, gezielte durchgeführte Kontrollmaßnahmen, die dafür sorgen, „dass bisher nicht erfasste Straftaten aus dem Dunkelfeld ans Licht gebracht und statistisch erfasst werden“, erklärt das Ministerium. Und: Gerade die Jugendkriminalität würde stark durch Intensivtäterinnen und -täter beeinflusst.
Hier zeigt sich eine weitere Schwäche der vom Innenministerium herausgegebenen Kriminalstatistik: Die Zahl der „Tatverdächtigen“ zeigt nicht, wie viele Personen in einem Jahr wegen Verbrechen angezeigt wurden, sondern wie viele Taten begangen wurden. “Im Kriminalitätsbericht bezieht sich die Gesamtsumme der Anzahl der Tatverdächtigen immer auf die Summe aller gerichtlich strafbaren Handlungen”, erklärt das Innenministerium.
Übersetzt heißt das: Begeht ein Täter mehrere Taten, ist er in der Statistik auch öfter „Tatverdächtiger“. Es kann eine Person sogar auf einmal mehrfach als „Tatverdächtiger“ gezählt werden, kritisierte der Soziologe Günther Ogris im Herbst 2025: Verletzt eine Tathandlung mehrere Gesetze, geht der Täter für jeden Verstoß einzeln in die Statistik ein. Gibt es mehrere Opfer, zählt der Täter auch für jedes Opfer als „Tatverdächtiger“.
Die Extremform davon zeigte sich ausgerechnet in der Jugendkriminalität: Fast ein Drittel aller laut Kriminalstatistik 9500 jugendlichen „Tatverdächtigen“ in Wien waren 2024 drei als „Systemsprenger“ bekannt gewordene Jugendliche. Die drei Jugendlichen hatten über 3000 Delikte begangen und zählten daher in der Statistik als über 3000 „Tatverdächtige“.
Sollte man diese Zählung überdenken? Die Mehrfachzählung gibt es seit 2002, heißt es aus dem Innenministerium: „Eine Änderung dieser konstant vorhandenen Zählweise ist nicht vorgesehen.“