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Hackler und Heimwerker
03/30/2020

Hackler und Heimwerker: Die Oberschicht fährt Ski, die Unterschicht holt sich Corona

Die Oberschicht fährt Ski und bleibt im Homeoffice, die Unterschicht holt sich Corona bei der Arbeit. Gernot Bauer über die arbeitsteilige Wirtschaft in ansteckenden Zeiten.

von Gernot Bauer

Man sollte die "Supermarkt-Kassiererin" endlich vor ihren wohlmeinenden Schützern retten, die ihr ständig suggerieren, ihr Job sei ohne Würde; voller Arbeitsleid; unterbezahlt; nur Frauen zugemutet. Wer die "Supermarkt-Kassiererin" als Musterbild der ausgebeuteten und hilflosen Arbeitnehmerin strapaziert, verspürt wahrscheinlich auch eine wohlige Empathie, übersieht aber: Zu viel Mitleid entmündigt.

Dieser Tage wird aus dem fremdbestimmten Opfer eine neue Heldin. Eine, die selbstlos ihre Pflicht tut, um unser aller Grundversorgung zu sichern. Jeden Tag um 18 Uhr wird sie von den Balkonen beklatscht. Die Geste ist gut gemeint. Die "Supermarkt-Kassiererin" kann sich davon aber nichts kaufen. Auch nicht der Bauarbeiter, die 24-Stunden-Betreuerin, der Postler, der Bus-, U-Bahn-oder Straßenbahn-Fahrer, der Rindermäster, Erntehelfer, Müllentsorger und jeder andere, der das Staats-Werkl am Laufen hält.

Hohes Risiko, hoher Ertrag?

Das Lagebild: Hackler müssen derzeit draußen bleiben, damit Tele-Heimwerker zu Hause sein können. Die Ansteckungsgefahr bei Outdoor-Aktivitäten gehört dabei zum Berufsrisiko. So sieht sie aus, die arbeitsteilige Wirtschaft in Corona-Zeiten. In funktionierenden markwirtschaftlichen Systemen wird höheres Risiko mit höheren Erträgen belohnt. So gesehen verdienen sich Krankenhaus-Pflegerinnen, Supermarkt-Kassiererinnen oder Müllentsorger für ihren Einsatz nicht nur Applaus, sondern auch Bonuszahlungen. Ein Skiurlaub würde sich für die Mehrzahl der neuen Alltagshelden auch bei Extra-Entlohnung nicht ausgehen. In den Weihnachts-oder Semesterferien tun sie, was wir anderen jetzt tun: daheimbleiben. Fahren sie im Sommer nach Italien, ist das Ziel eher Jesolo als Bergamo, Padua oder Bologna.

Schaut man sich die Infektionsketten in Österreich im Zeitablauf an, fällt auf: Das Virus könnte sich auch von der mobilen Ober-und Mittelschicht zur bewegungsarmen Unterschicht verbreitet haben. Etwas evidenzarm formuliert: Akademiker steckten Arbeiter an. Besser gebildete und verdienende Mitbürger holten sich das Coronavirus beim Kurzurlaub oder Geschäftstermin in Norditalien oder beim Skiurlaub in Ischgl (Mittelschicht), St. Anton (obere Mittelschicht) und Lech (Oberschicht). Der Lifestyle der oberen 50 Prozent könnte so zur Bedrohung für die untere Hälfte geworden sein. Die einen riskieren ihre Gesundheit freiwillig im Urlaub, die anderen dienstverpflichtet bei der Arbeit. Die einen waren am Arlberg und sind jetzt im Heimbüro, die anderen hackeln die ganze Zeit. Das Leben ist nicht fair.

Soziale Spannungen

Selbst in einer vergleichsweise egalitären Gesellschaft wie der österreichischen könnten die sozialen Spannungen in länger andauernden Krisen zunehmen. Am Beispiel der Schüler:

Die Mittelschicht-Unterstufen-Kinder betreiben unter Anleitung von Mittelschicht-AHS-Professoren E-Learning. Homeoffice-Mama und Homeoffice-Papa leisten Unterstützung. Danach gibt's ein Brettspiel. Die Unterschicht-NMS-Kinder haben seltener Computer. Ihr Ausbildungsstand ist im Vergleich zu gleichaltrigen Gymnasiasten schon jetzt deutlich geringer. In den kommenden Monaten werden sie weiter abgehängt.

Arbeitslosigkeit als vereinendes Phänomen?

Eine arbeitsteilige Wirtschaft beruht auf dem Prinzip, dass alle von ihr profitieren, auch die mit den schlechteren Jobs. Die Frage ist, wie lange sich die neuen Helden noch als solche fühlen. Anzunehmen ist: nicht mehr allzu lange. Die Krankenstände von Supermarkt-Kassiererinnen werden zunehmen, entweder wegen Covid-19 oder durch Burnout oder aus Angst. Baustellen werden schon jetzt stillgelegt. Irgendwann wird vielleicht auch der Müll nicht mehr abgeholt. Langfristig kann nicht der ärmere Teil der Gesellschaft risikoreich und der reichere Teil risikoarm leben. Das einzige Phänomen, das alle Schichten bald vereinen könnte, ist ziemlich trostlos: Arbeitslosigkeit.

Früher erkannte man den Angestellten am gestärkten Hemd ("White Collar") und den Arbeiter am Blaumann ("Blue Collar"). Die Mittelschicht wählt Alexander Van der Bellen, die Unterschicht Norbert Hofer und immer seltener die SPÖ - worüber sich viele, die jetzt vom Balkon applaudieren, gern mokieren. Die einen praktizieren Political Correctness, die anderen wissen nichts damit anzufangen. Auch Homeoffice-Teleworking könnte bald ein soziales Unterscheidungsmerkmal sein. Der Abstand zwischen Heimwerker und Hackler wird durch die Corona-Krise eher größer. Auch das ist Social Distancing.