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Österreich
02/10/2021

Franz Fuchs: Der Attentäter, ein Zufallsfund

In den 1990er-Jahren erschütterte der Fall Franz Fuchs die Republik. Die damalige Staatspolizei war darauf nicht vorbereitet.

von Thomas Hoisl, Stefan Melichar, Clemens Neuhold, Christa Zöchling, Michael Nikbakhsh

Dieser Artikel stammt aus der Covergeschichte "BVT: Das kaputte Amt". Mehr dazu lesen Sie hier.

Sonderkommissionen, 100.000 Hinweise aus der Bevölkerung, 50.000 Personenüberprüfungen. Von Dezember 1993 bis Oktober 1996 herrschte in der Staatspolizei ein hysterischer Ausnahmezustand. Eine Terrorserie von rechts hatte das Land erschüttert. Am Ende waren es vier Tote und halbes Dutzend Verletzte. Silvana Meixner, Journalistin der ORF-Minderheiten-Redaktion, August Janisch, ein steirischer Pfarrer, der Flüchtlingen half, Helmut Zilk, Wiener Bürgermeister, waren die ersten Briefbomben-Opfer gewesen. In der Vorweihnachtszeit 1993 hatten sie Post bekommen, die in ihren Händen explodierte.


Der Verdacht war damals rasch auf die Neonazi-Szene rund um Gottfried Küssel gefallen, auf Burschen, die sich in Wehrsportübungen stählten, den Holocaust leugneten und gegen Ausländer mobil machten. Sie nannten sich "VAPO" (Volkstreue Außerparlamentarische Opposition). Küssel war Anfang 1992 festgenommen worden, die gesamte Szene danach in den Untergrund abgewandert. Die Staatspolizei bekam ab und zu Wind von konspirativen Treffen, wusste jedoch nicht, was dort besprochen und geplant wurde. Ein spezialisiertes Referat für die Bekämpfung der Neonazi-Szene bestand erst seit 1991. "Wir haben sie unterschätzt", sagte der damalige SPÖ-Innenminister Franz Löschnak, als bei Küssels Kameraden Waffen und Sprengstoff gefunden wurden. Es kam zu Verhaftungen, Indizienketten, einer Briefbombenanklage. Der erste Briefbomben-Prozess ging gründlich schief. Küssels Kameraden wurden nach dem NS-Verbotsgesetz verurteilt. Mit den Briefbomben hatten sie nichts zu tun gehabt. Die Staatspolizei stand nicht gut da.

Im vierten Jahr der Ermittlungen, im Oktober 1996, wurde ein Autolenker im südsteirischen Gralla von einer Verkehrsstreife angehalten. Er sollte sich ausweisen. Der Mann verlor die Nerven, zündete beim Aussteigen einen Sprengsatz, was ihm beide Hände abriss. Franz Fuchs stellte sich als der lang gesuchte Briefbombenattentäter heraus. In seiner Wohnung fand man Pläne, Bombenanleitungen, Opferlisten. Ein Einzeltäter, der sich später in der Haft erhängte, was die Gerüchte über ein geheimes, rechtes Netzwerk nie ganz verstummen ließ.

Die Gruppe rund um Küssel blieb weiter aktiv. Sie hatte ihre Ziele offenbar nie aufgegeben. In den 2000er-Jahren tauchte sie mit der Neonazi-Website "Alpen-Donau" in der digitalen Welt auf. Der Verfassungsschutz war sehr beharrlich und brachte es trotz US-amerikanischer Server und langwieriger Rechtshilfe-Ansuchen zu Anklage und Verurteilung.

Vor wenigen Wochen wurde abermals ein großes Waffenversteck mit 100.000 Schuss Munition ausgehoben. Wieder handelt es sich um Leute, die der Verfassungsschutz von damals kennt, einer von Küssels engsten Vertrauten aus den VAPO-Tagen, Peter B., ist darin involviert. Diesmal hatten Drogengeschäfte den Anlass für Ermittlungen gegeben.

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