Friedensdemonstration am Wiener Rathausplatz, 1983. „Die größte der Welt“

Friedensdemonstration am Wiener Rathausplatz, 1983. „Die größte der Welt“

© NORA SCHUSTER/IMAGNO/PICTUREDESK.COM

Krieg in der Ukraine
03/15/2022

Friedensbewegung: Der Feind stand im Westen

Die alte Friedensbewegung lebte von der Angst vor einem Atomkrieg, viel Idealismus - und einem Selbstbetrug.

von Christa Zöchling

Sonderzüge rollen ein. Von Südbahnhof und Westbahnhof wälzt sich ein bunter Strom aus Jung und Alt, Plakaten, Fahnen und Transparenten, den Ring entlang, auf den Wiener Rathausplatz zu. Musik, Stimmen und Lachen steigen in den Himmel, ein übersteuertes Kreischen hie und da, das einem in Mark und Bein fährt. André Heller, Erika Pluhar, Georg Danzer, Wilfried und einige Dutzend weiterer Künstler und Schriftstellerinnen erscheinen auf der Bühne, noch vor den Rednern aus der Politik. Die Schulpflicht ist an diesem Tag aufgehoben. Präsenzdiener haben frei bekommen. 100.000 Menschen haben sich am 22. Oktober 1983 am Wiener Rathausplatz versammelt.

Das war die österreichische Friedensbewegung der 1980er-Jahre, von der Bruno Kreisky sagte, sie sei der Demokratie würdig, und ohne eine solche Friedensbewegung sei eine Demokratie gar nicht denkbar. Der spätere Kanzler Alfred Gusenbauer, damals Sekretär der Sozialistischen Jugend und einer der Kundgebungsredner, schreibt in seiner Dissertation über die österreichische Friedensbewegung: "Nach pro Kopf der Bevölkerung ist sie die größte der ganzen Welt gewesen."

Die österreichische Friedensbewegung hatte sich nicht wie die deutschen Ostermärsche allmählich und stetig entwickelt, sie war hochpolitisch und eruptiv Anfang der 1980er-Jahre hereingebrochen. Der Kalte Krieg war noch nicht ganz vorüber, die Zeiten wurden wieder unruhig.

Der Republikaner und Western-Star Ronald Reagan war 1981 als US-Präsident ins Weiße Haus eingezogen, neue Waffensysteme, die einen begrenzten Atomschlag theoretisch möglich machten, sollten im Rahmen des sogenannten NATO-Doppelbeschlusses in Europa stationiert werden. Noch wurde darüber bei Abrüstungskonferenzen in Genf verhandelt, doch die Menschen hatten Angst.

Auf der anderen Seite der politischen Welt wurden die Daumenschrauben angezogen. In Polen war der Kriegszustand verhängt worden. Die Machthaber fürchteten die Gewerkschaftsbewegung Solidarność, die zu einer unberechenbaren Massenbewegung angeschwollen war. In der DDR wurde die Friedensbewegung "Schwerter zu Pflugscharen" behördlich schikaniert. In Afghanistan waren die Sowjets einmarschiert. In Nicaragua kämpften von den USA finanzierte Contras gegen eine linke Regierung.

In den basisdemokratisch organisierten Treffen der Friedensbewegung wurde damals viel über Waffensysteme, Marschflugkörper und Atomsprengköpfe diskutiert. Jeder Aktivist, jede Aktivistin konnte im Schlaf Raketentypen und technische Daten herbeten. Die Autorin erinnert sich aus eigenem Erleben. Das Jonglieren mit der Zahl land-,luft-und seegestützter Raketen und Reichweite, Truppenstärke und konventionelle Streitmacht, hüben und drüben, war essenziell; es galt, die Aufstellung amerikanischer Pershing II und Cruise Missiles zu verhindern. Denn mit diesen neuen Waffen-das sagten namhafte Rüstungsexperten-könnte ein begrenzter Atomschlag ausgeführt werden. Damit sei die Büchse der Pandora geöffnet. Es drohe ein Atomkrieg. Diesen Schlag traute man den Amerikanern zu. Der Feind stand im Westen. Das war Mehrheitsmeinung.

In den Koordinierungssitzungen der Friedensbewegung, in der Vertreter aller politischen Jugendorganisationen (ausgenommen die FPÖ-Jugend), Zivildienstaktivisten, katholische Gruppen und unabhängige Friedensinitiativen saßen, ging es noch immer hoch her. Stundenlang wurde über den Text eines Aufrufs und wer bei der Kundgebung reden dürfe, gestritten. Die Kommunisten setzten sich meist durch. Sie waren gut organisiert und hatten für Abstimmungen ihre Leute zu den Sitzungen mobilisiert. Im "Linzer Appell",einem Aufruf aus 1982, wurde die Forderung nach "Abrüstung in Ost und West" auf ihr Machtwort hin herausgestrichen. Abrüsten sollte nur der Westen.
 

Die Sowjetunion war auch damals keine sympathische Großmacht, aber diese Generation sah noch in russischen Landschaften die eigenen Väter in Wehrmachtsuniform durch Sümpfe marschieren, Häuser anzünden, jüdische Kommissare und Partisanen erschießen. Die Friedensbewegung zahlte unbewusst auf ein altes Schuldkonto ein. Friedensaktivist Erwin Buchinger, der spätere Sozialminister, sah in der Sowjetunion "historisch eine defensive Macht". Der damalige Juso-Vorsitzende Josef Cap sprach umgekehrt von der "wesensbedingten Aggression des Imperialismus." Des westlichen natürlich. Karl Schlögl, der spätere Innenminister, sah nach einer Einladung nach Moskau "überall tief verwurzelte Friedenssehnsucht".

Die Friedensbewegung hatte schon "einen gewissen Bias", gesteht heute Alfred Gusenbauer.

Der Breite und Vielfalt schadete das kaum. 1983 hatten 300 verschiedene Gruppen zur Kundgebung aufgerufen. Auch die katholische Arbeiterjugend trug das mit. Ex-Staatssekretär und Nationalrat Reinhold Lopatka, damals Vorsitzender der Jungen ÖVP Steiermark, begründete seine Teilnahme: "Für mich steht der Feind nicht im Osten."

Wer nicht mit dieser Stoßrichtung einverstanden war, bekam bei Kundgebungen einfach kein Rederecht. So durfte im Oktober 1983 der damalige Obmann der Jungen ÖVP, Othmar Karas, nicht auftreten. Dafür sprach ein Mitglied des Zentralkomitees der KPÖ.

Am schärfsten wurde die Friedensbewegung damals von "profil"-Chefredakteur Peter Michael Lingens wegen ihrer Naivität angegriffen. Die österreichische Friedensbewegung vergrößere die Kriegsgefahr in Europa, argumentierte Lingens. Sie sei ideologisch verblendet. Lingens galt in diesen Kreisen deshalb als verkappter CIA-Agent, und die Autorin muss gestehen, Lingens in einer Hörsaaldiskussion so etwas Ähnliches an den Kopf geworfen zu haben.

Die Jugendorganisationen der SPÖ hatten anfangs das Problem, dass sie laut Parteitagsbeschluss mit Kommunisten keine gemeinsame Sache hätten machen dürfen. Doch je erfolgreicher und mächtiger Friedensmärsche und Kundgebungen wurden, desto seltener pochte man auf diese Vorschrift.

Die ÖVP machte sich andere Sorgen. Sie vermutete die Gründe für den Zustrom zur Friedensbewegung in der "inneren Unrast der Jugend einer hochtechnisierten Wohlstandsgesellschaft" und daraus folgend in "zerstörerischer Langeweile".Der damalige ÖVP-Klubobmann Alois Mock prangerte die "Pazifismuswelle" an, die zu einer "Umkehr der Werte" führe und glaube, "Friede sei wichtiger als Freiheit".Mock, der vor fünf Jahren starb, hätte heute seine große Freude mit den Stop-Putin-und Ukraine-Solidaritäts-Demos. 1983 war es aus mit Friedensmärschen und Großkundgebungen. Die Pershing II und Cruise Missiles wurden stationiert.

Doch die Friedensbewegung zeigte nachhaltige Wirkung. Steirische Friedensaktivisten-Lopatka und der spätere Caritas-Direktor Franz Küberl-kämpften gegen den Ankauf von Abfangjägern und deren Stationierung in Zeltweg (Steiermark). Jede Neuanschaffung des Bundesheeres wurde mehr oder weniger stark bekämpft, dessen Ausgaben den Mitteln für das Soziale gegenübergestellt. Der Zivildienst und die Rechte von Zivildienern nahmen neuen Schwung auf.

Die Grünen unter den Friedensbewegten fanden sich zu einer Partei zusammen.
 

Die Friedensbewegung hat eine Generation hervorgebracht , die eine Zeit lang die Geschicke der Republik bestimmte. Der zeitweilige Sekretär der Friedensbewegung, Peter Steirer, sitzt heute im Büro von Vizekanzler Werner Kogler und ist Referent für Internationale Angelegenheiten. Ein weiterer Sekretär der Friedensbewegung, Alexander Wrabetz, war jahrzehntelang ORF-Generaldirektor gewesen, andere Aktivisten wurden Minister, Staatssekretäre, Wiener Bürgermeister (Michael Häupl) oder Bundeskanzler (Gusenbauer, Werner Faymann). Mehr Erfolg geht nicht. Trotz des großen Irrtums, die Sowjets für Friedensengel zu halten.