Am kommenden Mittwoch, dem 10. Juni, wird im BORG Dreierschützengasse um acht Uhr früh die Schulglocke läuten wie an jedem anderen Schultag. Aber nichts wird so sein wie sonst. Niemand wird an Unterricht denken, an Hausaufgaben oder an den Spaß in den Pausen. Der 10. Juni, der erste Jahrestag des mörderischen Attentats, das sich an dieser Schule ereignet hat, ist unerbittlich nähergekommen. Jetzt ist er da. Er wird Emotionen freisetzen. Nicht nachlassenden Schmerz, tiefe Trauer, Leere, aber auch Zusammenhalt, Empathie und Trost.
Alle an der Schule – Schüler, Lehrer, Angehörige – sind an diesem Mittwoch zu einer Gedenkfeier eingeladen, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden wird. Für Natascha und Stefan Bernhart wird es ein schwerer Schritt. Zum ersten Mal seit einem Jahr werden sie das Schulgebäude betreten, in dem ihre Tochter Anna Bella erschossen wurde. Sie war 15 Jahre alt und ging in die 5A, die Musikklasse des Gymnasiums. Mit ihr starben ihre Mitschüler Hanna, Kaid, Lea, Leo, Leonie, Luzia, Pauline, Pawel und Dorit, eine Lehrerin. Danach beging der Täter Selbstmord.
Am 10. Juni 2025, um 9.48 Uhr, veröffentlicht der spätere Amokläufer von Graz ein Foto auf der Kurznachrichtenplattform X. Es ist ein unscheinbares Bild: ein Paar schwarze Stiefel, eine schwarze Hose, ein beiger Fliesenboden; aufgenommen auf einer Schultoilette. Zwei Minuten später läutet die Glocke zur dritten Unterrichtsstunde. Kurz nachdem die Schülerinnen und Schüler ihre Klassenräume betreten haben, eröffnet er das Feuer.
Exakt sieben Minuten lang benötigt der 21-Jährige, der früher selbst Schüler des BORG Dreierschützengasse war, für seine schreckliche Tat. In dieser Zeit gibt er mit einer legal besessenen Glock-19-Pistole und einer abgesägten Schrotflinte 40 Schüsse ab. Die meisten Opfer sterben in Klassenräumen im zweiten und dritten Stockwerk. Ein Jahr später erscheint die Schule äußerlich unverändert, ein moderner Betonbau mit großen Fenstern. Und doch ist hier nichts mehr wie zuvor. Einige der Tatorte sollen zu Begegnungszonen und Pausenräumen umgestaltet werden. So hat man es auch an der Albertville-Realschule in der deutschen Kleinstadt Winnenden bei Stuttgart gemacht, nachdem dort 2009 ein 17-Jähriger 15 Menschen getötet hatte. Es soll auch einen Gedenkraum geben, wo sich Schülerinnen und Schüler zurückziehen können. Der Umbau, der im Sommer fertig werden soll, sollte Schülern, Angehörigen – der ganzen Stadt – helfen, das Trauma zu bewältigen und einen Weg zurück in den Alltag zu ermöglichen.
Doch ein Jahr danach zeigt sich, wie lange die Folgen eines solchen Tages nachwirken. Für Eltern wie Natascha und Stefan Bernhart ist der Jahrestag vor allem eines: ein Anlass, der vieles wieder an die Oberfläche bringt. In den Monaten nach dem Tod ihrer Tochter haben sie oft über Anna Bella gesprochen. Jetzt, kurz vor dem Jahrestag, brauchen sie Ruhe. „Viele glauben, dass es mit der Zeit leichter wird“, sagt Stefan Bernhart, „aber Zeit allein macht nichts besser.“
Der Wille, weiterzumachen
Die Trauer komme in Wellen. Zu Weihnachten sei es so gewesen. Jetzt, vor dem Jahrestag, sei es wieder so. Der Schmerz erscheint unangekündigt. Oft sind es die unscheinbaren Dinge, die ihn zurückholen. Bei Stefan etwa der Besuch bei den Nachbarn, die erst kürzlich ein Baby bekommen haben. Der Storch hängt noch immer an ihrer Haustür. Jeden Tag kommt er daran vorbei. Oder jener Tag, an dem die Entschädigungszahlung für Angehörige ohne Ankündigung auf seinem Konto einlangte. In solchen Augenblicken kehrt die Wirklichkeit des Verlusts mit voller Wucht zurück. Schwer war am Anfang auch jene Zeit, als die öffentliche Aufmerksamkeit nachließ. Als die Nachrichten weiterzogen, die Tage stiller und die Gedanken umso lauter wurden. „Dann fragt man sich irgendwann: Für wen mache ich das alles eigentlich noch?“, sagt Stefan.
„Viele glauben, dass es mit der Zeit leichter wird, aber Zeit allein macht nichts besser.“
Stefan Bernhart, Vater der getöteten Anna Bella Bernhart
Vor einigen Wochen erhielten alle Eltern der ermordeten Kinder eine Einladung zur Gedenkfeier in der Schule. Ein Jahr nach der Tat sollen sie gemeinsam mit anderen Angehörigen an jenen Ort zurückkehren, an dem ihre Kinder starben. Viele werden kommen. Andere werden der Feier fernbleiben. Manche können bis heute kaum über ihre Trauer sprechen. „Irgendwann werde ich wieder leben können“, sagt eine Mutter, „nur jetzt im Moment kann ich es einfach noch nicht.“
Die Grazer Bürgermeisterin Elke Kahr und die Schuldirektorin Liane Strohmaier haben sich für einen zurückhaltenden Umgang mit dem Jahrestag entschieden. Abgesehen von einer Pressekonferenz der Bildungsdirektion sind keine öffentlichen Veranstaltungen geplant. Die Hinterbliebenen, Schülerinnen und Schüler wollen einander an diesem Tag vor allem gegenseitig Halt geben. Auf der Website des BORG Dreierschützengasse steht ein Satz in großen Buchstaben: „Wir halten zusammen.“ Für viele Betroffene bedeutet das auch, sich vor zu viel Aufmerksamkeit zu schützen. Nicht jede Erinnerung hilft. Nachfragen können auch wehtun.
Zwischen Nähe und Rückzug
Wie Menschen auf ein solches Ereignis reagieren, sei höchst unterschiedlich, sagt Edwin Benko vom Kriseninterventionsteam des Landes Steiermark. Er selbst erinnert sich noch gut an den 10. Juni 2025. Es war sein letzter Urlaubstag, er saß gerade zu Hause beim Frühstück, als er die Alarmierung per Telefon bekam. Wenig später gehörte der Psychotherapeut zu den ersten Helfern am Einsatzort. Zwei Wochen lang betreute sein Team Betroffene nahezu durchgehend – von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des nahe gelegenen Supermarkts, in den Schülerinnen und Schüler flohen, als die ersten Schüsse fielen, bis zu den Angehörigen der Opfer, den Eltern, Großeltern und Geschwistern. „Die eigentliche Akutphase ist längst vorbei“, sagt Benko, „aber rund um den Jahrestag bekomme ich wieder vermehrt Anrufe von Angehörigen, die ihre Sorgen und Ängste teilen möchten.“
Die wichtigste Erkenntnis aus drei Jahrzehnten Krisenarbeit sei, dass es keinen richtigen Umgang mit einem solchen Verlust gebe, sagt Benko. Manche Menschen möchten reden. Andere nicht. Manche suchen Nähe, andere Rückzug. Einige wollen an Gedenkveranstaltungen teilnehmen, andere meiden jede Erinnerung an den Tag. „So ein Ereignis ist eine Verletzung der Seele“, sagt Benko. „Wenn man ständig daran kratzt, kann sie nicht heilen.“
Jahrestage seien deshalb besonders belastend. Sie machen sichtbar, wie viel verloren gegangen ist, und erinnern daran, dass Trauer kein gerader Weg ist. Was Betroffene jetzt brauchen, könne niemand von außen vorgeben, sagt Benko. Für die einen sei es wichtig, darüber zu sprechen. Andere gehen jeder Berichterstattung bewusst aus dem Weg. Beides könne richtig sein. Eine Botschaft für Betroffene, sagt Benko, müsse immer im Zentrum stehen: „Wir denken an euch. Unser Mitgefühl ist da.“
Der Jahrestag und die Medien
Jetzt, zum Jahrestag, berichten viele Medien noch einmal über die Tat und ihre Folgen. Sie zeigen Archivmaterial, Ausschnitte aus Pressekonferenzen und Aufnahmen vom Einsatzort. Betroffene und Einsatzkräfte kommen zu Wort und erzählen von einem Tag, der ihr Leben verändert hat. Die Berichte kreisen um die Frage nach dem Warum, um körperliche und seelische Verletzungen, um die Auswirkungen auf das Waffengesetz. „Jede Form der Berichterstattung kann Nähe schaffen, aber auch Schmerz auslösen“, sagt Benko. Wichtig sei es, so nah wie nötig zu bleiben und gleichzeitig so viel Abstand zu wahren, dass die Betroffenen nicht erneut belastet werden.
Wo verläuft die Grenze zwischen Informationspflicht und Sensationsgier? Wie lässt sich über das Unfassbare berichten, ohne Grenzen zu überschreiten? Für Eltern wie Natascha und Stefan Bernhart gibt es darauf keine einfache Antwort. Nach dem Verlust ihrer Tochter Anna Bella entschieden sie sich dafür, nicht zu schweigen. Sie sprachen mit profil über jene Stunden, in denen sie vergeblich auf Nachrichten ihrer Tochter warteten, und über den Moment, als sie erfuhren, dass Anna Bella nicht mehr nach Hause kommen würde. „Das war der schrecklichste Moment überhaupt“, sagte Stefan Bernhart. Sie machten auf Gesetzeslücken im Umgang mit Waffen aufmerksam, forderten politische Konsequenzen und erzählten von einem Leben, das sich mit dem 10. Juni in ein Davor und Danach geteilt hatte. Reden bedeutete für sie, Anna Bella sichtbar zu machen. Reden bedeutete auch, etwas von dem Schmerz nach außen zu tragen, der sonst nur in den eigenen vier Wänden geblieben wäre.
Mit den Monaten hat sich aber auch ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit verändert. Die ersten Wochen nach der Tat waren geprägt von Terminen und dem Bedürfnis, etwas zu bewegen. Heute geht es mehr darum, die eigenen Grenzen zu schützen. Darum, selbst entscheiden zu können, wann Erinnerungen Platz haben und wann nicht.
Gleichzeitig wissen sie, dass über die Tat berichtet werden muss. Dass eine Gesellschaft verstehen will, was geschehen ist. Und dass das Gedenken daran wichtig ist. Doch nicht alles muss öffentlich geteilt werden, nicht jede Frage braucht eine Antwort. Es gibt Tage, an denen jede Schlagzeile, jedes Foto und jede neue Rekonstruktion den Schmerz zurückholt und das Geschehene wieder näher rückt, obwohl es nie wirklich weit weg war. „Ich versuche dann, nicht viel darüber zu lesen“, sagt Stefan Bernhart. Es sei wichtig, zu verstehen, dass Rückzug und Stille nicht mit Vergessen gleichzusetzen sind, sagt der Psychotherapeut Edwin Benko: „Es geht nicht ums Vergessen. Es geht darum, einen Weg zu finden, mit dem Erlebten weiterzuleben.“
Für Eltern wie Natascha und Stefan Bernhart bedeutet das derzeit vor allem, keinen Erwartungen ausgesetzt zu sein. Keinem Druck, nach einem Jahr schon wieder funktionieren zu müssen.
Denn Trauer kennt keine Fristen. Sie folgt keinem Kalender. Und sie endet nicht mit einem Jahrestag.
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Daniela Breščaković
ist seit April 2024 Innenpolitik-Redakteurin bei profil. War davor bei der „Kleinen Zeitung“.