Weihe des neuen Wiener Erzbischofs Josef Grünwidl: profil kürt die besten Leistungen in zehn Kategorien
In der Wiener Staatsoper stand vergangenen Samstag Mozarts „Le nozze di Figaro“ am Programm, doch die größere Oper fand mit 3000 Zuschauern ein paar hundert Meter weiter im Stephansdom in einem feierlichen Gottesdienst in zwei Akten statt. Im ersten wurde Josef Grünwidl, 63, zum Bischof geweiht, im zweiten in sein Amt als Erzbischof von Wien eingeführt.
Näher als anlässlich einer Amtseinführung eines Erzbischofs kommt man einer Krönung in der ehemaligen Kaiserstadt Wien wohl kaum. Drei Stunden lang zeigte die katholische Kirche bei der Feier ihr gesamtes Repertoire: Orgeln, Riten, Fanfaren, Chor, Choräle, Gesang, Ornat, Einzug, Auszug, Messgewänder, Farbe, Gold, Silber, Bronze, Stehen, Knien, Liegen, Kerzen, Weihrauchschwaden, Mystik, Ministranten, Erzbischöfe, ein Kardinal – dies alles vor der Kathedralen-Kulisse von St. Stephan. profil war vor Ort und verleiht, ganz profan in Oscar-Manier, zehn Steffl-Awards für die besten Darbietungen.
Bester Hauptdarsteller: Josef Grünwidl
Der Steffl für den besten Hauptdarsteller geht erwartungsgemäß an Josef Grünwidl. Am Höhepunkt der Feier sagte er auf neun Fragen von Kardinal Christoph Schönborn neunmal: „Ich bin bereit“ – das Bekenntnis, mit dem er die Bischofsweihe annahm. In seiner Ansprache entschuldigte sich der neue Erzbischof beim väterlich nickenden Nuntius, Erzbischof Pedro López Quintana, dem Headhunter des Papstes in Wien. Diesem hatte Gründwidls Zaudern den Job nicht gerade erleichtert. Als der neue Erzbischof nach dreistündiger formidabler Darbietung aus dem Stephansdom auszog, brandete Applaus unter den dreitausend Anwesenden auf – und Erzbischof Pedro López Quintana durfte zufrieden sein.
Beste Hauptdarstellerin: entfällt
Hauptrollen für Frauen werden in der katholischen Kirche noch immer nicht vergeben, allerdings hat der neue Erzbischof diesbezüglich ein paar fortschrittliche Vorstellungen.
Bester Nebendarsteller: Christoph Schönborn
Seit fast 30 Jahren ist Kardinal Christoph Schönborn, wenn er eine Kirche in Österreich betritt, der Protagonist, abgesehen von den Papstbesuchen 1998 und 2007. Vergangenen Samstag gab er großzügig den Nebendarsteller – Grünwidl war schließlich sein Wunschkandidat für die Nachfolge gewesen. Wenn der Bischofsanwärter an diesem Nachmittag überhaupt zitterte, war es bei Schönborns rührender Ansprache. Hohe Nebendarstellerkunst! Am Ende des ersten Akts der Feier nahm Schönborn als Hauptzelebrant die Sache sprichwörtlich selbst in die Hand und weihte Grünwidl durch Handauflegung zum Bischof. Der Nächste, der Grünwidl durch Handauflegung befördern könnte, wäre der Papst – und Österreich hätte einen zweiten Kardinal.
Nuntius Pedro López Quintana und Seelsorgerin Werner mit päpstlicher Ernennungsurkunde
Beste Nebendarstellerin: Judith Werner
Die Seelsorgerin aus dem Weinviertel und Bereichsleiterin der Jungen Kirche war gewissermaßen die Notarin der Amtseinführung von Grünwidl als Erzbischof. Sie hielt die offizielle, in Lateinisch verfasste Ernennungsurkunde, gezeichnet von Papst Leo XIV., in der Vierung des Stephansdoms protokollgemäß in die Höhe, um sie den Gläubigen zu präsentieren; und las sie auch vor, allerdings in deutscher Übersetzung. Latein soll ja nicht einmal mehr von allen Kurienkardinälen in Rom einwandfrei verstanden werden. Früher waren für Werners Rolle Priester vorgesehen, es könnte sich bereits um einen der fortschrittlichen Einfälle des neuen Erzbischofs gehandelt haben.
Beste Predigt: Michael Ludwig
Der Wiener Bürgermeister begann sein Grußwort mit der Bibelstelle „Die Stillung des Sturms“ aus dem Matthäus-Evangelium, Kapitel 8, Vers 23 bis 27. Zwar ist Ludwig bekennender Christ, aber so viel Bibelfestigkeit überraschte dann doch. Noch größer wäre das Staunen, würde Ludwig seine Rede am nächsten 1. Mai am Rathausplatz ebenfalls mit einem Zitat aus dem Evangelium beginnen.
Beste Regie: Martin Sindelar
Der Erzbischöfliche Zeremoniär (am obigen Foto rechts neben Günwidl) war für Liturgie und Ablauf der Feier zuständig und hat sich mit seinem Team einen päpstlichen Orden, vom Nuntius zu überbringen, verdient. Sindelar ist Diakon und Experte für Mystagogie, die Einführung in die Geheimnisse des gottesdienstlichen Geschehens – zu denen für viele Anwesende im Stephansdom auch der richtige Zeitpunkt zum Aufstehen und Niedersitzen zählte.
Beste Ausstattung: Der Bischofsstab
Josef Grünwidl mag es ehrlich schlicht – sein Bischofsstab ist secondhand: Früher gehörte er dem Wiener Weihbischof Helmut Krätzl. In der Feier wurde der Bischofsstab zum Wanderstock und von Hand zu Hand durch den gesamten Dom bis zum Bischofsstuhl gereicht, wo ihn Christoph Schönborn seinem Nachfolger übergab. Die Hirtenausstattung war damit komplett.
Bester Monolog: Die Bischofsflucht
Zweiter Steffl für Josef Grünwidl: In seiner Ansprache erinnerte er an die Bischofsweihe von Franz Jachym. Dieser verließ wohl zum Entsetzen des damaligen Erzbischöflichen Zeremoniärs seine eigene Bischofsweihe am 23. April 1950 mit den Worten – er beherrschte noch Latein – „Non dignus sum“ („Ich bin nicht würdig“), eilte aus dem Stephansdom, sprang in seinen Dienstwagen und fuhr von dannen. Grünwidls Pointe: Seine Mitarbeiter hätten ihm vor der Bischofsweihe klargemacht: „Vertraue nicht darauf, dass draußen ein Wagen auf dich wartet.“
Feierlicher Einzug von Geistlichen und Ministranten durch das Kirchenschiff des Stephansdoms zur Amtseinführung von Erzbischof Josef Grünwidl vor zahlreichen Gästen.
Bestes Bild: „Hörendes Herz“
Zweiter Steffl für Christoph Schönborn: In seiner Predigt wünschte der Kardinal Grünwidl „ein hörendes Herz“ für die Menschen seiner neuen großen Gemeinde. Das Bild stammt aus einer Stelle im Alten Testament, an der König Salomo den Herrn bittet, seinem „Knecht ein hörendes Herz“ zu verleihen. Das Herz ist ein Organ für fast alle Sinne. In Antoine de Saint-Exupérys Erzählung „Der kleine Prinz“ heißt es: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Fehlen noch riechende, schmeckende und tastende Herzen.
Bester Kurzmonolog:
Dritter Steffl für den emeritierten Erzbischof. Subtil verband Schönborn in seiner Predigt Lob für Grünwidl mit Tadel für vielleicht zu geschwätzige Pfarrer der Erzdiözese Wien: „Der Herr hat dir die Gabe der klaren, kurzen, ansprechenden Predigt geschenkt. Dafür haben dir deine Gemeinden immer gedankt.“
Bester Ton: Pummerin
Alljährlich verkündet sie das neue Jahr, am Samstag verkündete sie den neuen Erzbischof von Wien.