Katholisches Wien: Die letzte Bastion des Glaubens
Die Zahl der Katholikinnen und Katholiken in Wien ist auf ihrem historischen Tiefstand. Doch das Leben in so mancher Gemeinde ist so bunt wie selten zuvor.
Selbst wenn man wüsste , was die lateinischen Verse bedeuten, die der Priester mit dem Rücken zum Kirchenvolk Richtung Hochaltar aufsagt – sie sind kaum zu verstehen. Manches gesprochene Wort schluckt seine Soutane, an der der Erwachsenenministrant immer wieder zupft, manches verliert sich im Gewölbe der barocken Wiener Paulanerkirche. Trotz schlechter Akustik wissen die Gläubigen dennoch ganz genau, an welcher Stelle sie niederknien müssen, wann das Amen kommt und wann das lateinische „Und mit Deinem Geiste“. Ein junger Mann mit gescheitelten blonden Haaren und Barbour-Jacke intoniert mit der Inbrunst eines Burgschauspielers jedes „T“ durch die kalte Kirchenluft – „Et cum spiritu tuo“.
Akkuratesse hat hier einen hohen Stellenwert, nichts ist improvisiert, nichts ist neu – im Gegenteil. Hier soll, zumindest wenn die Petrusbruderschaft, die hier zu Gast ist, die Messen hält, alles sein, wie es war, als die Paulanerkirche vor Jahrhunderten gebaut wurde; als auf der Wieden nicht an jeder Ecke die Reklamen von Bars lockten, als von draußen Kutschen und nicht die Badner Bahn zu hören war. Zumindest, wenn in der Paulanerkirche die Tridentinische Messe gefeiert wird, auch bekannt als alte Messe. Hier gibt es keine Gitarren und kein Kumbaja. Hier ist die Welt so, wie sie dereinst war.
Diese Art der Liturgie ist nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil zur Rarität geworden. Um den Gottesdienst auf diese Weise abhalten zu dürfen, braucht es Extragenehmigungen durch den Diözesanbischof und manches Mal auch vom Papst. In der Paulanerkirche findet sie täglich statt. An diesem Montagabend sind Dutzende, auch viele junge Menschen in ihren Zwanzigern und Dreißigern, gekommen. Die Kaschmirschaldichte hier ist hoch, so manche junge Frau bedeckt ihr Haupthaar mit Spitze, während sie zur Kommunion schreitet. Diese Welt hier mag alt sein, lebendig ist sie allemal. Sonntags, sagt Pater Daniel Bruckwilder, kriegt man oft keinen Sitzplatz mehr.
Für viele Gläubige ist die Paulanerkirche Zufluchtsort in einem Wien, das mit zwei Millionen Einwohnern so viele hat wie zuletzt vor 100 Jahren – gleichzeitig aber so wenige Katholiken wie nie zuvor. Laut offizieller Statistik der Erzdiözese Wien lebten 2023 nur noch 540.000 Katholiken in Wien, mittlerweile werden es wohl nur noch knapp über eine halbe Million sein.
Leere Kirchen
Josef Gründwidl, der bisherige Generalvikar, übernimmt am Samstag den Bischofssitz in der Erzdiözese. Heute erscheint das katholische Wien, einstiges Bollwerk des Katholizismus mit seinen Hunderten Kirchengebäuden, vielerorts wie eine verlassene Kulisse. Etliche Kirchen sind weitestgehend leer. Seit Jahren läuft eine Pfarrstrukturreform, bei der Gemeinden zusammengelegt werden und sich einen Priester teilen. Auch das eine Folge der sinkenden Katholikenzahlen.
Hinzu kommt das rechtspopulistische Geheul über die Sorge um das Verschwinden der „christlichen Werte“ und die Furcht davor, dass den Musliminnen und Muslimen das Wien der Zukunft gehören könnte. Im Schuljahr 2024/25 stellten sie an Wiener Volks- und Mittelschulen 41,2 Prozent, Katholiken 17,5 Prozent und damit deutlich weniger als Kinder ohne Bekenntnis (23 Prozent).
Gleichzeitig erlebt das katholische Schulwesen eine regelrechte Blüte. Jene Mitte, die in den Kirchen wegfällt, versammelt sich hier. Etwa im Sacré-Cœur am Wiener Rennweg, einer Schule mit 750 Schülerinnen und Schülern mit Schuluniformen und Morgengebet. Es sei das umfassende christliche Menschenbild, das hier gelebt werde und für viele Eltern der Grund sei, warum sie ihre Kinder hierherschickten, sagt Birgit Gmeindl-Oser, die Direktorin der Schule. Für viele ist es aber auch eine Flucht aus dem öffentlichen Schulsystem.
Zudem gibt es auch Schulen, die nicht nur katholisch sind, sondern Richtungen angehören, die als besonders rigide und konservativ gelten. Und auch diese verzeichnen regen Zulauf. Etwa die Schule des Opus Dei, eine gut befestigte Neubauanlage auf der Donauplatte, die innen umso heller und freundlicher erscheint. Innerhalb weniger Jahre hat man es auf 400 Schülerinnen und Schüler gebracht. Hier will man Heiligkeit im Alltag leben, sagt Heidi Burkhart, die die Schulorganisation leitet. Und das bedeutet nicht nur Gebet, sondern auch Selbstwirksamkeit mithilfe von Coachings, die die Kinder regelmäßig bekommen – Management zum Wohlgefallen des Herrn.
Stadt der Leuchttürme
Wer mit praktizierenden Katholikinnen und Katholiken spricht, der hört wenig Gejammer. Anders als weite Teile der Politik sehen sie die sinkenden Katholikenzahlen vielleicht nicht gelassen, aber ohne Groll. Pastoraltheologe Paul Zulehner spricht von einer „neuen Normalität“, in der die Katholiken eine von mehreren religiösen Gruppierungen sind, „in ihrer Gesamtheit so bunt wie selten zuvor“. Vieles werde verschwinden, sagt Zulehner. „Es bilden sich dafür Leuchttürme heraus.“ Anziehungspunkte wie die Paulanerkirche, aber bei Weitem nicht nur konservative.
Vorbereitungen für die Messe in der Paulanerkirche
Das Schrumpfen sehen viele nicht als den Anfang vom Ende, sondern als eine Etappe in der Geschichte, deren Ende ganz und gar nicht absehbar ist. „Josef Ratzinger hat gesagt, es werde eine kleine Herde übrig bleiben“, sagt Pater Daniel Bruckwilder von der Petrusbruderschaft.
Andere Religionen seien das eine, das andere die Indifferenz des Zeitgeistes gegenüber Religion, der Selbstoptimierung und Individualismus zum höchsten Gut erklärt. Es sei auch falsch, neue Schäfchen mit dem Versprechen zu locken, das Christentum sei die bessere Psychotherapie. „Darum geht es nicht“, sagt der Petrusbruder, „der Glaube ist Zweck an sich.“
Kirche der Laien
Wien-Leopoldstadt, Machstraße 8. An der Fassade des Sechzigerjahre-Baus ist ein vertikales Schild angebracht, das genauso gut auf eine KfZ-Werkstatt im Hof hindeuten könnte, in diesem Fall steht jedoch schnörkellos Pfarre drauf. Im Hof ist ein flacher Neubau angesiedelt, die Kirche einer sogenannten Basisgemeinde, die im Geiste
der Befreiungstheologie der 1960er-Jahre gegründet worden war. In Lateinamerika stellte sie die soziale Frage in den Vordergrund, hier in Wien die Gemeinschaft. Weites Kirchenschiff, niedriger Volksaltar, Schlagzeug in der Ecke. Hier sagt niemand „Et cum spiritu tuo“, hier sagt nicht einmal jeder „Und mit Deinem Geiste“, sondern „Und auch mit dir“. Petra Reiter, die Pastoralassistentin, hält hier die Stellung. Der Pfarrer kommt an Sonntagen für den Gottesdienst.
Die Laien, sie spielen eine immer größere Rolle, hier, genauso wie in der Paulanerkirche. Dort wie da wohnen längst nicht alle in der Umgebung der Kirche, sie reisen extra an aus allen Gegenden der Stadt.
An diesem Dienstag findet in der Basisgemeinde der Machstraße eine Tagung der Pastoralassistenten statt, Dutzende Männer und Frauen drängen sich in einem Raum, es gibt Zucchinikuchen und eine gelbe glutenfreie Mehlspeise, Pizza und Kaffee. Erni Radlmayer-Mischling ist eine der Teilnehmerinnen, eine Frau mit entwaffnendem Blick. Seit 30 Jahren ist sie Seelsorgerin, derzeit im AKH und in Speising. „Wenn es um den Tod geht, kehren die Menschen zu dem zurück, was sie aus frühester Kindheit kennen.“
Radlmayer-Mischling erzählt von einer Frau, deren Mutter im Sterben lag. Die Tochter sagte über sich selbst, dass sie an nichts glaube. Als die Mutter ihre letzten Atemzüge machte, Radlmayr-Mischling und die Tochter waren dabei, sagte die Hinterbliebene plötzlich, es solle jemand das Vaterunser sprechen.
Auch heute noch sei das Vaterunser ein Anker für viele Menschen, auch für jene, die allem abgeschworen haben. „Es ist längst nicht nur ein christliches Gebet, sondern, ich möchte fast sagen, ein Menschheitsgebet.“
In Wiener Spitälern begegnet sie Patientinnen und Patienten und deren Angehörigen, von denen aber immer mehr an gar nichts anknüpfen können. Die weder mit Religion noch mit Kirche etwas zu tun haben. Das sei auch eine neue Chance für die Kirche, sagt Radlmayr-Mischling. Sie selbst jedoch hat nicht die Aufgabe, zu bekehren. Sie macht den Job, um da zu sein, sagt sie und zitiert das Matthäusevangelium 25,36: „Ich war krank, und ihr habt mich besucht.“