Ehemaliger Häftling strebt Neuanfang an: „Es kann funktionieren“
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Der erste Blick fällt auf die Schuhe. Fünf Paar Nike Dunk stehen ordentlich aneinandergereiht, direkt neben der Eingangstür seiner Einzimmerwohnung.
In einem steckt noch die Luftpolsterfolie. Die orangenen mag Artem Köstinger am liebsten. „Die erinnern mich an Sommer“, sagt er. Gekauft hat er sie alle online, auf „willhaben“. 35 Euro pro Paar. Modelle, die sonst keiner hat, hofft er. Er sucht gezielt nach den Schuhen, hat Spaß daran, sich durch die Anzeigen zu klicken. Früher sei ihm das egal gewesen.
Wenn der 27-Jährige von früher spricht, meint er nicht seine Kindheit, sondern eine andere Zeitrechnung: die Jahre vor dem Gefängnis. Mit 18 beginnt er, Benzodiazepine zu nehmen, später Heroin. Gekifft hat er da schon längst. Es ist ein langsames Abrutschen, das man selbst erst dann bemerkt, wenn man längst mittendrin ist. Falsche Freunde, Streit mit der Familie, das Gefühl, nirgendwo wirklich dazuzugehören. „Irgendwann waren nur noch die Drogen da“, sagt er.
Vor vier Jahren stürmt er gemeinsam mit einem Komplizen eine Trafik in Eisenstadt. FFP2-Maske, Brille, ein Messer in der Hand. Die Tat ist alles andere als durchdacht. Es ist ein Moment aus Panik und Verzweiflung, in dem die Sucht nach Heroin ihn antreibt, das Geld knapp ist und jede Aussicht auf einen Ausweg fehlt. Ein paar Monate später wird der Komplize gefasst, dann auch Artem. Es folgen rund ein Jahr Untersuchungshaft in der Justizanstalt Eisenstadt und zwei Jahre Haft in Hirtenberg. Gefängnis, sagt er, sei vieles gewesen, aber sicher kein Ort der Läuterung im klassischen Sinn. Drogen zirkulieren auch dort, die Versuchung bleibt. Gewalt findet fast regelmäßig irgendwo statt. Den Häftling, der im Vorjahr in Hirtenberg misshandelt wurde und gestorben ist, kannte Artem nicht persönlich. Dafür aber die Wärter. Einer, er nennt ihn beim Nachnamen, habe die Insassen oft so lange gereizt, bis jemand ausgerastet ist. „Darauf hat er nur gewartet“, sagt Artem, „aber es sind nicht nur die Wärter, manche Häftlinge suchen selbst den Streit, und dann eskaliert es.“
„Es kann funktionieren“
Und trotzdem: Es gibt etwas, das er aus dieser Zeit mitgenommen hat. Struktur. „Ich habe dort gelernt, wie ein geregelter Tagesablauf funktioniert“, sagt er. Aufstehen, arbeiten, essen, schlafen. Wiederholen. Und genau daran hält er sich heute fest.
Heute sitzt er in seiner Einzimmerwohnung in einem kleinen Ort im Süden des Burgenlands. Teelichter flackern auf dem Tisch, daneben eine Glasvase mit weißen Rosen, deren Blüten längst vertrocknet sind. Das Wasser darin ist noch da. Es riecht im ganzen Raum nach Vanille. Das Bett ist gemacht, die Decke glatt gezogen, rot-orange gemustert. Gegenüber stehen zwei Kästen, darauf ein Fernseher. Viel Raum ist es nicht. Aber genug für einen neuen Anfang.
Seit Ende des vergangenen Jahres ist Artem wieder in Freiheit. Für ihn bedeutet das, Termine wahrzunehmen und Bewährungsauflagen zu erfüllen, um die Vergangenheit Stück für Stück geradezurücken – alles, was schiefgelaufen ist, wenigstens ein bisschen wiedergutzumachen. Dass es gelingen kann, will er sich und anderen beweisen, die längst den Glauben an ihn verloren haben. Die Drogen hat er hinter sich gelassen, sagt er. Benzos und Heroin gehören der Vergangenheit an. Ganz verschwunden ist die Sucht trotzdem nicht. Seit seiner Entlassung wird er medizinisch begleitet. Artem ist in Substitution, geht täglich in die Apotheke, holt sich dort das Medikament, das ihn stabil hält. „Es kann funktionieren, man muss es nur wollen“, sagt er. Irgendwann will er ganz davon wegkommen.
Dann sind da die Schulden. Rund 4000 Euro haben sich über die Jahre angesammelt: unbezahlte Strafen nach Ticketkontrollen, offene Handyrechnungen, Mahngebühren. Nächste Woche hat er einen Termin bei der Schuldenberatung. Noch so ein Schritt, den er gehen muss, um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.
„Leicht ist es nicht“, sagt Artem, aber sein Wille bleibt ungebrochen. Mitte April wird ihm die Fußfessel angelegt – zehn Monate, die er dadurch gewonnen hat. Ohne sie säße er noch hinter Gittern. Eine Stunde Freizeit am Tag, eine Stunde pro Woche zum Einkaufen, alles wird überwacht. Ein Fehler, und die Freiheit wäre sofort wieder in Gefahr. Die Bedingungen für die Fußfessel waren eine Wohnung und eine Arbeit. Die Wohnung hat er, die Arbeit ebenfalls – zumindest vorerst. In einer Werkstatt, wo Elektrogeräte repariert werden, befristet auf zwölf Wochen, gerade genug, um die Behörden zufriedenzustellen. Seit seiner Entlassung hat Artem 30 Bewerbungen verschickt, auf die meisten kam keine Antwort. Trotzdem lässt er sich nicht unterkriegen. Jeder Tag ist ein Schritt zurück ins Leben, jeder kleine Erfolg ein Sieg über die Vergangenheit. Und zum ersten Mal seit Langem ist da etwas, das in die Zukunft zeigt.
Früher hätte er nie daran gedacht. Zukunftspläne. Heute weiß Artem, wohin sein Leben gehen soll. Demnächst will er sich für eine Ausbildung zum Krankenpfleger bewerben, am liebsten direkt im Krankenhaus. Wieder unter Menschen sein, Nähe spüren; das ist es, was ihm nach der Haft am meisten fehlt. Alte Freundschaften hat er bewusst beendet, neue aufzubauen fällt schwer und braucht Zeit. „Freundschaften entstehen nicht von heute auf morgen, Vertrauen schon gar nicht. Das ist nicht so einfach“, sagt er. Am meisten fürchtet er, für seine alten Fehler verurteilt zu werden. „Gefängnis, Drogen, Lügen“, er hält kurz inne. „Ich sag, wie’s ist: Ich war ein Arschloch.“
Dann schlüpft er in seine Nike Dunks, tritt vor die Tür seiner Wohnung und zündet sich eine Zigarette an: „Aber vielleicht musste das alles sein, damit ich überhaupt hier stehen kann.“
Daniela Breščaković
ist seit April 2024 Innenpolitik-Redakteurin bei profil. War davor bei der „Kleinen Zeitung“.